The Price of Fear von Miley Lyon
The Price of Fear spielt in einer Welt, in der es das von einem Kaiser regierte Imperium von Inath gibt und das nördliche Königreich (The North), in dem der König verschiedenen Stämme vereint hat. Zwischen den beiden Reichen herrschte lange Krieg, aktuell aber ein Waffenstilstand, der brüchig ist, wie sich schnell herausstellt, da es Fraktionen gibt, die zunächst im Verborgenen intrigieren, um einen neuen Krieg vom Zaun zu brechen.
Das Imperium von Inath ist technisch eher fortschrittlich, mit Kanonen und Hochhäusern (?) und einer halbwegs modernen Gesellschaft, während der Norden eher der Zeit kurz nach dem Mittelalter ähnelt. Die Stärke des Nordens sind die sogenannten Gottlosen (Godless), Menschen, von denen jeder einen bestimmten Gegenstand besitzt, der dem Träger eine besondere Fähigkeit verleiht, die Magie ähnelt (aber eher an die X-Men erinnert), doch auch ihren Preis fordert. Sie werden Magier (Mages) genannt werden. Mit diesen Kräften können sie verschiedene Dinge anstellen. Jeder der Gottlosen hat auch noch einen Beinamen, der auf diese Fähigkeit anspielt.
Unsere Hauptfigur Azrael the Wretched ist einer davon. Seine Waffe sind zwei Dolche (The Wretched), die sich von Angst ernähren, Verzweiflung sähen und irgendwie Laserstrahlen abschießen (so ganz hat sich mir das nicht erschlossen, könnte aber auch absichtlich vage sein). Azrael sitzt zu Beginn der Geschichte im Kerker des Imperiums, weil er den Thronfolger umgebracht hat. Verhörexpertin Anamira Lestrade (mit dem Titel Memory of Crime) soll herausbekommen, wer hinter dem Attentat steckt. Dafür bleiben ihr nur sechs Stunden Zeit, bis zu Azraels Hinrichtung, ansonsten verliert sie selbst ihr Leben.
Und so erzählt Azrael ihr aus der Ich-Perspektive davon, wie er einen anderen Gottlosen als Verräter gejagt und getötet hat, so herausfand, dass ein totgeglaubter, sehr mächtiger Gottloser noch lebt, zum Feind übergelaufen ist …
Wie man sieht, originell ist die Geschichte nicht, und auch nicht wirklich komplex. So viel passiert gar nicht auf den knapp 500 Seiten. Das könnte auch alles gut in einen Film passen. So hat es der Autor vermutlich auch konstruiert, mit Filmen wie Deadpool als Vorbild.
Was das Buch herausstechen lässt, ist die Art wie es erzählt wird. Wir haben hier eine Grimdark-Welt mit einem Hardboiled-Erzählton in kurzen, prägnanten Sätzen wie z. B. bei Glenn Cocks Black Company. Dazu aber Humor wie in den Deadpool-Filmen, vor allem durch den erzählenden Protagonisten, der gerne unter die Gürtellinie geht und Pegging-Witze macht. Dazu das Erzählkonstrukt mit einer Verhörsituation aus Büchern wie Das Reich der Vampire von Jay Kristoff oder Das Lied des Raben von Anthony Ryan. Wenn auch nicht ganz auf deren Niveau. Da legt der Autor hier andere Prioritäten. Er bedient sich aber auch gerne mal bei Sitcoms wie How I Met Your Mother, wenn er über eine halbe Seite eine Szene erzählt und dann meint, so hätte es eigentlich ablaufen sollen, tatsächlich passierte aber das … oder beschreibt wie in Guy Ritchies Sherlock Holmes im Voraus, wie er gleich seine Gegner ausschalten wird. In der Mischung kommt das abwechslungsreich und erfrischend rüber.
Das hört sich jetzt alles an, als wäre es eher eine oberflächliche von Action geprägte Geschichte, und es gibt auch knallharte, detailliert beschriebene spektakuläre Actionszenen, aber nicht in der Fülle, wie man es vielleicht erwarten würde. In der ersten Buchhälfte gibt es nur zwei kurze Kämpfe. Das ist so eine Cool-Guys-don’t-look-at-Explosions-Geschichte, in der nicht wirklich etwas explodiert, außer ein paar Körper, aber nichts, was Michael Bay in Schnappatmung versetzen würde. Der Fokus liegt tatsächlich auf Introspektion der Hauptfigur. Deren Sinnieren und Philosophieren über die Situationen, in der sie sich befindet, nimmt viel Raum ein und hat durchaus Tiefgang. Dazu kommt die Wichtigkeit der Beziehungsverhältnisse, der Figuren untereinander.
Fast alle Verbündete und Gegner haben eine Vergangenheit mit unserem Protagonisten Azrael. Sie gehören fast alle zu den Godless und waren mit ihm auf einer Akademie. Es gibt auch Rückblenden zu früheren Schlachten, wo sie noch Seite an Seiten gekämpft haben und Freunde waren. Der Autor nimmt sich Zeit, die Nebenfiguren auszubauen und zu charakterisieren.
Der Weltenbau hingegen bleibt ziemlich rudimentär. Es gibt eben die zwei Reiche, die Krieg miteinander führen; es ist eine Welt voller Krimineller und Killerbanden fast wie bei John Wick. Das war es aber auch. Und das reicht auch. Vielen aktuellen Romantasy- und Young-Adult-Romanen würde ich einen so dürftigen Weltenbau ankreiden, aber für die Geschichte, die hier erzählt wird, funktioniert es hervorragend.
Ich muss aber auch sagen: das letzte I-Tüpfelchen fehlt noch. Das besondere an The Price of Fear ist vielleicht dieser Deadpool-Humor-Erzählton des abgebrühten Protagonisten. Die Geschichte selbst ist aber relativ vorhersehbar.
Mir hat das Buch trotzdem Spaß gemacht, auch wenn die Innenansichten des Protagonisten im Vergleich zur Action manchmal etwas zu viel Raum eingenommen haben. Da stimmt die Balance noch nicht ganz. Der Humor ist Geschmackssache. Sprachlich finde ich den Roman toll geschrieben, die Fähigkeiten der Godless originell umgesetzt.