Wie geplant kommt jetzt ein kurzer Beitrag über den Comickünstler Fabrice Lebeault, der heute seinen 65. Geburtstag feiern kann. Ich bin zwischenzeitlich ins Grübeln gekommen, weil heute auch ein paar runde Todestage anstehen, aber es würde sich für mich komisch anfühlen, wenn ich sozusagen einen Toten einem Lebenden vorziehen würde.
Der am 11. Februar 1961 in Albi, der Hauptstadt des Départements Tarn in der Region Okzitanien, geborene Fabrice Lebeault hat im Alter von 15 Jahren seine Liebe zu den Comics entdeckt, aber erst einmal Jura und Geschichte studiert und u.a. einige Zeit in einem Zeichentrickfilm-Studio gearbeitet, ehe er 1994 sein erstes Comicalbum L'homme sans clef (dt. Der Mann ohne Schlüssel (1995), den ersten Band der Serie Horologiom veröffentlicht hat. Horologiom ist eine u.a. von George Orwells 1984 inspirierte skurrile, poetisch-philosophische SF-Serie über eine Stadt, in der alles, wirklich alles den strengen Gesetzen der Mechanik unterworfen und jedwedes "animalische" Verhalten strengstens verboten ist. Das Große Zahnrad herrscht über alles; seinem Willen müssen sich die hier lebenden Menschen (die – um vor ihrer "animalischen" Natur geschützt zu sein, mit einem Schlüssel ausgestattet sind und aufgezogen werden müssen) und Roboter unterordnen. Doch dann kommt eines Tages Mariulo, ein Seiltänzer, in die Stadt und bringt die so sorgsam austarierte Ordnung ins Wanken, denn er ist der besagte Mann ohne Schlüssel ... Mit dem fünften Album Das große Räderwerk (2011; OT: Le grand rouage (2000)) kommt die eigentliche Geschichte über Horologiom und Mariulo und warum in der Stadt alles so ist, wie es ist, zu ihrem Abschluss. In zwei weiteren Alben erzählt Fabrice Lebeault sozusagen als Nachklapp noch zwei Kriminalfälle, die sich nur in einem Setting wie Horologiom ereignen können.
Inzwischen können auch deutschsprachige Comicafficionados Horologiom komplett lesen; allerdings muss man sich die ersten vier Alben – der etwas wirren Publikationsgeschichte in Deutschland geschuldet – antiquarisch zusammensuchen.
Auch bei Le mangeur d'histoires (2008; dt. Mit fremder Feder (2010), einer im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielenden Hommage an die Groschenromane der gleichen Epoche, ist Fabrice Lebeault – wie schon bei Horologiom – für das Szenario und die Zeichnungen verantwortlich. Die Geschichte des Raben, einer Romanfigur, die plötzlich ins Leben eines Konkurrenten ihres Schöpfers tritt, weil sie sich zu einem für die Leser unvergesslichen Genie des Bösen entwickeln will, liegt hierzulande in einer sehr schönen Ausgabe vor und verfügt über ein ganz eigenes Flair.
Zuletzt ist von Fabrice Lebeault Selenie erschienen (2022; OT: Sélénie (2021)), ein weiterer Oneshot, in dem es um Selenia, Méliès und Verne geht, "junge Helden, die aus der Verbindung von Erdlingen und Außerirdischen hervorgegangen sind, und die auf der Rückseite des Mondes leben, sicher vor Antacycles, einem Tyrannen, der die Menschheit versklavt hat" sagt sinngemäß der Klappentext, was nach einer weiteren Hommage an frühe Abenteuergeschichten und die Anfänge des Kinos klingt. (Mehr weiß ich nicht, weil ich das Album nicht habe.)
Mit Stiftung Z (2019), einem Album der Reihe Spirou + Fantasio Spezial hat Fabrice Lebeault nach einem Szenario von Denis-Pierre Filippi seine Version eines in einer sehr anderen, bizarren Zukunft lebenden Spirou vorgelegt, die nicht allerorten Begeisterung hervorgerufen hat (um es vorsichtig auszudrücken). Die weiteren Arbeiten von Fabrice Lebeault – Felix (2001), ein Oneshot um einen Träumer, dessen Traumland in Gefahr gerät, nach einem eigenen Szenario, und Le croquemitaine (zwei Alben, 2004 u. 2006), eine Geschichte, in der es um den Mythos des "schwarzen Mannes" geht (wiederum nach einem Szenario von Denis-Pierre Filippi) sind noch nicht auf Deutsch erschienen.
Die Alben, die vorliegen, machen – bis auf das Spirou-Spezial – allesamt Spaß bzw. sehen zumindest sehr gut aus. Horologiom bietet außerdem durchaus Stoff zum Nachdenken, denn die Problematik einer vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Reglementierung des alltäglichen Lebens – egal, ob mit ideologischen oder religiösen Elementen unterfüttert – ist ja keineswegs ausschließlich auf die Seiten eines Comics begrenzt. Dass Lebeault das Thema trotz allem mit einer gewissen spielerischen Leichtigkeit behandelt, hat auch seine Vorteile. Grafisch kann man in allen seinen Arbeiten die Einflüsse seiner Vorbilder Moebius und Hergé erkennen, ohne dass er sie sklavisch imitiert. Und natürlich passt er seine Grafik auch dem jeweiligen Setting an.
Ich persönlich mag Horologiom und Mit fremder Feder sehr, und ich kann mir gut vorstellen, dass mir auch Selenie gefallen wird.
Die den Titel unterlegten Links führen jeweils zum Cover des deutschen Albums. Hier kann man klicken, wenn man sich auf den Finix-Seiten die restlichen Horologiom-Cover sowie Beispielseiten der Alben fünf bis sieben ansehen will.