Film(- und Serien-)gedanken 2.0

  • Da ich auf meiner Recherche im Bereich Phantastik zwar auf einen Thread-Versuch von vor etwas mehr als 16 Jahren gestoßen bin, der wiederum unter Verweis auf einen dubiosen Thread in diesem Bereich geschlossen wurde, wobei der Link ins Leere lief und ich jetzt nicht so viel erhellendes gefunden habe - hier also eine Neueröffnung in der Hoffnung, auf genug Desinteresse zu stoßen, dass es einfach akzeptiert wird.


    Auch ist es nicht so, dass hier regelmäßig mit Input meinerseits zu rechnen ist, aber in unregelmäßigen Abständen kommt doch der Wille auf, ein paar Wörter zu einem Film (oder einer Serie) zu verlieren. Um mit der regelmäßigen Unregelmäßigkeit also zu beginnen:



    Nocturnal Animals (Tom Ford)


    Ich bin vor einigen Wochen in meinem CD-Fundus eher zufällig über den wunderbaren Soundtrack von Abel Korzeniowski zu Nocturnal Animals gestoßen, den ich seitdem immer mal wieder zur Arbeit habe laufen lassen, ohne dass ich groß gewusst hätte, worum es in dem Film selbst geht oder auch nur ein besonderes Interesse gehabt hätte, das herauszufinden. Dass mir eben jener Film auf einer Streamingplattform des Vertrauens dann einige Zeit später vorgeschlagen wurde, war ein interessanter Zufall, sodass ich vor einigen Tagen dann doch daran hängen geblieben bin. Worum geht es also.


    Quote

    Die Inhaberin einer Kunstgalerie wird von dem Roman ihres Ex-Ehemanns verfolgt, einem gewalttätigen Thriller, den sie als eine verschleierte Drohung und eine Geschichte der symbolischen Rache auslegt. (IMDB)


    Ohne die literarische Vorlage Tony & Susan von Austin Wright zu kennen, das fasst jedenfalls den Film hervorragend zusammen und stellt sich, ob nun gewollt oder nicht, als ein doch erstaunliches Bild männlicher Verletzlichkeit dar. Nicht in der Form, wie damit gesellschaftlich umgegangen werden kann, sondern vielmehr in der Form eines gekränkten Egos, das nur dadurch geheilt werden kann, dass die Frau leidet. Dazu sogleich. Aufgebaut ist der Film auf zwei (es ließen sich auch drei begründen) Ebenen. Der realen Ebene, in der Susan eine Kunstgalerie leitet und ein leidlich erfolgreiches Leben mit ihrem neuen Mann führt - Gegenwart und Vergangenheit (daher ggfs. drei Ebenen) - und der Ebene des Romans, der ihr von ihrem Ex-Mann zugesandt wurde und den sie in Abwesenheit ihres Mannes liest und in dessen Wechselwirkung mit der Realität sie immer wieder ihre Lebensentscheidungen in Frage stellt.


    Interessant ist dabei an einer Stelle etwas vermutlich Wahres innerhalb der Geschichte. Susan ist mit Edward zusammen, der versucht, als Romanautor erfolgreich zu sein, wobei Susan die von ihm vorgelegte Geschichte nicht mag und ihm dies auch sagt. Sinngemäß: 'Schreib über etwas anderes als dich' und alles, was nun im vorgelegten Roman dieser Geschichte folgt ist eine Geschichte von und über Edward, wobei es kein Zufall sein dürfte, dass der eigentliche Auslöser gesetzt wird durch 'Women in Refrigerators'. Ein Weg, der nicht hätte beschritten werden müssen, in diesem Film jedoch etwas legt, das vermutlich über das Filmende selbst hinausweist. Dazu muss ich etwas ins Detail gehen, also erwartbare Spoiler für alles ab dieser Stelle.


    Der eigentliche Kern der Geschichte wird durch die Zusammenfassung hervorgehoben. Es geht um Rache. Innerhalb des Romans geht es um Rache durch Edward an drei ihm unbekannten Tätern, die seine Frau und Tochter entführt, vergewaltigt und getötet haben. Außerhalb der Romanebene geht es unter Zuhilfenahme des Romans um Rache durch Edward an seiner Frau dafür, dass sie sich gegen ihn und für einen anderen Mann entschieden hat. Eine Entscheidung, die für sie nur konsequent umgesetzt werden konnte, indem sie sich ebenfalls für eine Abtreibung entscheidet. Mit Edward wollte sie nicht zusammen sein und auch kein Kind haben. Das selbst bietet Stoff genug für eine interessante Charakterstudie, denn dass das so Erlebte grundsätzlich zu Problemen auf Seiten Edwards führt, ist nicht unerwartet und gut nachvollziehbar. Der Inhalt des Romans vermittelt uns aber ein anderes Bild, nämlich das eines zutiefst gekränkten Egos. Denn unabhängig von der moralischen Frage im Kontext der Abtreibung, die man für sich auf die eine oder andere Weise beantworten kann, muss man sich unabhängig von dem Ergebnis, zu dem man kommt, die Frage stellen, warum Edward sich in seinem Roman für diesen Weg entscheidet. Frau und Tochter werden durch fremde Männer entführt [Platzhalter für Hutton (neuer Ehemann)], vergewaltigt und getötet. Dabei fällt die massive Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion ins Auge. Susan trifft eine freie Entscheidung, mit Hutton anstelle von Edward zusammen zu sein, was Edward nicht verkraften kann, weshalb der Umstand, dass sie nun mit ihm Sex hat, für ihn bloß eine Vergewaltigung sein kann. Edward kann sich ein Szenario, in dem Susan unabhängig von ihm als frei handelndes Wesen existiert, nicht vorstellen. Gleichzeitig schafft er mit dem Umstand, dass es sich um drei Männer als Platzhalter für Hutton handelt, eine geschichtliche Erklärung des Versagens seines Alter Ego, die auf ganz anderen Gründen basiert als dem so implizierten Verlust der Männlichkeit durch Unfähigkeit des körperlichen Widerstandes. Auch tot ist seine Frau erst am Ende nach der Vergewaltigung, dabei lebt sie in der Realität noch und - hier hängt die Formulierung natürlich von der eigenen Haltung ab - gelebt hat die von ihm erdachte Tochter nie. Der Tod der Frau und die Nichtexistenz der Tochter wird dabei gleichwohl auf Hutton übertragen und zumindest Letzteres ist zutreffend, wenn auch hier verkannt wird, dass Hutton an der Stelle des Films zwar unterstützend vor Ort war, die Entscheidung einer umfassenden Trennung jedoch schon vorher erfolgt ist. Warum werden diese Bilder also bedient? Weil Edward gar nicht anders kann, wie uns das letzte Bild der Romanebene suggeriert. Edward stirbt, nachdem er Rache genommen hat, indem sich durch Ungeschicklichkeit (aufgrund vorheriger Verletzung) der Schuss aus seiner Waffe löst und ihn im Bauch trifft. Natürlich ist es der Bauch, das Blut das herausströmt. Edward fühlt sich persönlich gekränkt davon, dass er bei Susans Entscheidung zur Abtreibung kein Mitspracherecht hatte. Das hat ihn getötet und ich bin sogar gewillt, Edward in diesem Film so zu lesen, dass es nicht die freie Entscheidung von Susan zur Abtreibung war, sondern der Umstand, dass Susan es überhaupt gewagt hat, eine Entscheidung ohne ihn zu treffen.


    Und damit weist der Film letztlich weit über das letzte Bild hinaus. Susan, die nach Kontaktaufnahme zu Edward in einem Restaurant auf ihn wartet. Edward kommt nie. Edward hat ausformuliert, was Susan und ihr Mann für ihn bedeuten. Die Zeit der Gespräche sind vorbei. Er kratzt damit zumindest gedanklich an einer Rachephantasie, die auf der Romanebene kaum deutlicher hätte ausformuliert werden können und bei der sich auch für Susan die Frage stellt, ob er seinen Roman Wirklichkeit werden lässt. Dass er es jahrelang nach der Trennung nicht getan hat, scheint dabei keine Beruhigung zu bieten, wirft es doch die Frage auf, warum der Roman nun, nach neunzehn Jahren der Trennung aufkommt. Etwas scheint zu brodeln und auch wenn nichts passiert, muss Susan nunmehr doch in der Realität leben, dass sie sich nie sicher sein kann, ob durch Edward nicht doch noch etwas anderes droht.


    Damit ist dieser Film letztlich eine wunderbare Darstellung männlicher Kränkung, auch wenn ich (noch) nicht herausgefunden habe, ob das so sein sollte.

  • Reacher - Staffel 1


    Auch hier wieder ohne Kenntnis der literarischen Vorlage, ist das wahrscheinlich die amerikanischste Serie, die ich (zuletzt) gesehen habe. Es wird bei dieser einen Staffel und meinem Unverständnis bleiben, wie die Serie so viele Folgestaffeln generieren konnte.


    Mein ganz kurzer Eindruck: Reacher ist die von jeglicher Konsequenz entkoppelte Allmachtsphantasie eines Kleinkindes. Dabei stellt sich die gesamte Serie als so klischeebeladen dar, dass sich durchaus die Frage stellt, ob die Charaktere und Handlung nicht als Ganzes ironisch zu verstehen sind. Das fängt schon mit solchen Nicht-Aussagen eines wohlgemerkt aus dem US-Militär stammenden Jack Reacher (Jack Jackson :nixweiss: ) an wie (sinngemäß, für eine wörtliche Darstellung müsste ich die Serie noch einmal starten, was ich vermeiden möchte) "Es ist immer etwas persönliches, wenn dich jemand töten möchte", wobei die offensichtlich als Love-interest fungierende Polizeibeamtin mit großen Augen daneben steht und schier überwältigt ist von der Genialität des Mannes vor ihr, wobei gewisser Jack Reacher dabei irgendwie zu verkennen scheint, dass er aus einem Hintergrund kommt, der aufgrund seiner zum Exzess getriebenen Wir-Sie-Unterscheidung so losgelöst von allem Persönlichen ist, dass das Töten dort doch gerade zu etwas rein mechanischem verkommt. Er beweist dann im Laufe der ganzen Serie eigentlich auch wunderbar, dass es für ihn eigentlich nichts persönliches ist, sondern das Töten vielmehr zur reinen Spaßübung und gewissermaßen Arbeit verkommt. Denn natürlich muss der Mord am Bruder aufgeklärt werden, aber so richtig interessieren tut das den Herrn Reacher auch nicht. Emotionalität kann es schließlich nicht geben. Jedenfalls nicht in der Form, wie man es beim Tod eines nahen Angehörigen vermuten könnte. Das wäre aber unmännlich. Man arbeitet sich also vielmehr nebenbei noch daran ab, dass der (quasi) Vorgesetzte Vegetarier ist und man diesem in jedem Etablissement nur Salat vorsetzen kann und - was natürlich bereits in der ersten Folge angelegt wird, da man sonst übersehen könnte, dass man es hier mit dem amerikanischen Helden zu tun hat: Jack Reacher kümmert sich um einen im Garten angeketteten Hund. Und nicht nur in der ersten Folge, man kommt über die gesamte Staffel immer wieder darauf zurück, bis man dem Besitzer schließlich mit Fäusten zu verstehen gibt, dass er nichts zu melden hat, man den Hund befreit und - Trommelwirbel - ins Tierheim bringt. Ich habe an dieser Stelle auf die Einholung von Informationen verzichtet, wie Tierheime in Amerika so ausgestattet sind und ob das insgesamt so eine gute Idee ist. Es fällt aber wunderbar darauf zurück, dass man alles für den äußeren Schein tut, sich mit den Konsequenzen der eigenen Handlungen aber gerade nicht auseinandersetzen möchte. Man selbst kann nun wirklich nicht damit belastet werden, sich mit einem Hund herumschlagen zu müssen. Vielmehr muss man mitten in einem Wohngebiet eine Handfeuerwaffe abfeuern und das mit dem markigen Spruch "Vertraue niemals einer Waffe, die du nicht selbst getestet hast" begleiten, wobei man sich natürlich darüber hinwegsetzt, dass nicht einmal eine halbe Minute vorher die als Love-interest fungierende Polizistin genau das untersagt hat. Wobei es sicher auch noch mehr zu bedeuten hat, dass sie diese Waffe ihres verstorbenen Vaters auf ihrem eigenen Rachefeldzug gerade nicht selbst nutzt, sondern dies nur ein Jack Reacher kann. Der sich - wohlgemerkt weiterhin gegenüber der Polizistin - auch dazu hat hinreißen lassen etwas in die Richtung "Ich erschieße alle Leute, die sich an Kindern vergehen und sag mir nicht, dass dir das nicht passt" zu sagen, wobei besagte Polizistin vermutlich in diesem Moment - durch das Drehbuch gezwungen - entschieden hat, dass sich bei der nächsten sich anbietenden Gelegenheit zusammen mit dem Herrn Reacher unter die Dusche hüpfen muss.


    Es ist also wirklich erstaunlich, mit was für einem Blödsinn man so durchkommt und ich bin fast, aber nur ganz fast und nur ein ganz kleines Bisschen geneigt, mir den ersten Band dieser Buchreihe mal zu kaufen, um herauszufinden, ob das - was ich vermute - ein Problem der bescheidenen Vorlage ist. Wobei da genau genommen vermutlich einfach sehr viel Quatsch zusammenfindet, der so nie hätte zusammenfinden dürfen.


    Reacher war zumindest ein Erlebnis. Und ja, der Mord wird natürlich irgendwann aufgeklärt. Nicht, dass das irgendwie von Bedeutung wäre. So wie gar nichts in dieser ersten Staffel wirklich von Bedeutung war.

  • Ich habe - zum Glück - nie auch nur eine einzige Folge von Reacher komplett gesehen (geschweige denn eine ganze Staffel), und ich habe den starken Verdacht, dass das eher ein Glücksfall und kein Verlust war/ist. ;)


    Aber besten Dank für die unterhaltsame Zusammenfassung, die mich auch weiterhin einen Bogen um Reacher machen lassen wird.

    He was bigger than me even, and he moved with a silence I envied, some piece of the night cut loose and drifting against lesser blacknesses. (Roger Zelazny, A Night in the Lonesome October)

  • Aber besten Dank für die unterhaltsame Zusammenfassung

    Hehe, ja, genau das wollte ich auch gerade schreiben.

    Mein Urteil über die Serie ist nicht ganz so streng wie deins, Vertigo , aber fast ... und inhaltlich hast du natürlich recht. Das Ganze ist ein ziemlicher Quatsch, genau genommen sogar ein sehr bedenklicher Quatsch.

    So eine Selbstjustiz-Rachefantasie kann ja durchaus manchmal etwas erleichternd oder befriedigend sein. Aber hier war mir eindeutig zu viel "pure Lust am Töten" dabei. Dass sie in diesem - doch sehr simpel gestrickten - Fall so viele Fans findet, hat mich ehrlich gesagt auch etwas überrascht.

  • Der Reiz der Buchvorlage liegt darin, dass Autor Lee Child als Brite mit akademischem Hintgrund die amerikanischen Klischees auf die Spitze treibt und die Ironie darin liegt, dass er das völlig unironisch macht, so wie Leslie Nielsen seine Rollen im toternst gespielt hat. In der Serie bleibt da nur noch plumpe Brutalität übrig.

  • Freut mich, dass es Anklang findet.

    Pogopuschel: Mit dem Hintergrund könnte ein kurzer Abstecher in die Buchvorlage doch ganz interessant sein. Die ironischen Anklänge möchte man am Ende in der Serie ja auch erkennen. Dass das jemand komplett ernst meint, möchte man sich dann doch nicht vorstellen, dass die Ironie dann aber wohl doch nicht als solche erkannt wurde...

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!