Wie gestern bekannt wurde, ist der französische SF- und Fantasyautor Pierre Bordage, der bereits seit einigen Jahren an Parkinson gelitten hat, am 26. Dezember - dem zweiten Weihnachtsfeiertag - im Alter von 70 Jahren im Schlaf an einem Herzinfarkt verstorben.
Der am 29. Januar 1955 in La Réorthe, einer kleinen Gemeinde im Département Vendée in der Region Pays de la Loire geborene Pierre Bordage war einer der erfolgreichsten SF-Autoren Frankreichs, dessen Werke auch in verschiedene europäische Sprachen übersetzt wurden. Er debütierte 1992 mit dem ersten Band der SF-Reihe Rohel le Conquérant, die er bis 1997 auf vierzehn Bände ausbauen sollte. Schlagartig bekannt wurde er nur ein Jahr nach seinem Debüt mit Les Guerriers du silence, dem Auftakt der gleichnamigen Trilogie, der von Anfang an ein großer Publikumserfolg war und für den er 1994 den Grand prix de l'Imaginaire und den Prix Julia-Verlanger erhielt. Auch die beiden Folgebände Terra Mater (1994) und La Citadelle Hyponéros (1995) kamen sehr gut an und zementierten Bordages Ruf als einer der wichtigsten neuen französischen SF-Autoren, dem nachgesagt wird, er habe mit der o.g. Trilogie und dem nachfolgenden, zweibändigen Wang-Zyklus (!996/97) einen wesentlichen Beitrag zur Erneuerung der französischen SF der 90er Jahre geleistet, nachdem das Genre zuvor von angloamerikanischen Autoren und Autorinnen dominiert worden war.
Etliche weitere, zumeist nur aus zwei oder drei Bänden bestehende SF- und Fantasyzyklen sowie mehr als zwanzig Einzelromane folgten, sodass Pierre Bordage zum Zeitpunkt seines Todes mehr als 50 Romane und ca. 30 längere Erzählungen veröffentlicht hatte.
Ein Teil - ein sehr kleiner Teil, wenn man sich sein gesamtes Œeuvre anschaut - hat es auch nach Deutschland geschafft. Den Anfang machte die o.g. Trilogie Les Guerriers du silence, deren einzelne Bände hierzulande unter den Titeln Die Krieger der Stille (2007), Terra Mater (2008) und Die Sternenzitadelle (2010) erschienen sind, und deren erstem Band Andreas Eschbach im Klappentext "Eine erzählerische Wucht, die ihresgleichen sucht!" attestierte, was dem Roman bzw. der ganzen Trilogie vermutlich eher zum Fluch als zum Segen gereichte. Wenn man sich klar macht, dass die französische SF, wenn sie nicht ganz nah an den angloamerikanischen Vorbildern dran ist, gerne ungemein phantastisch bis hin zu absurd und surreal - oder eminent politisch - ist*, dann war eigentlich klar, dass das nur schiefgehen konnte. Denn in Die Krieger der Stille und den Folgebänden erwartet die Leser und Leserinnen ein ungemein buntes, wildes Universum, das weit eher fantasy- oder märchenhaft als technokratisch oder wissenschaftlich ist. Hinzu kommt eine Vielzahl von Figuren, die häufig das Kapitel, in dem sie erstmals auftreten, nicht überleben. Und die Tendenz des einschlägig vorbelasteten Autors, die Geschichte zusätzlich mit mystischen und spirituellen Inhalten aufzuladen, macht das Ganze für den durchschnittlichen deutschen SF-Leser ganz sicher nicht besser goutierbar.
Die drei Bände, in denen die Zukunft wieder einmal feudalistisch ist und eine wohlmeinende Konföderation gemeinsam mit einem Orden, für den die Jedi-Ritter Pate standen, die Geschicke der auf vielen hundert Planeten verteilten Menschheit lenkt, bis die Bösen in Gestalt einer Allianz aus der fanatischen Kirche des Kreuzes, einem ehrgeizigen planetaren Herrscherhaus und den geheimnisvollen, telepathisch begabten Scaythen (den eigentlichen Schurken mit ganz schlimmen Plänen in diesem Spiel) einen Umsturz herbeiführen und ein Blutbad in der Galaxis anrichten, während der "Held" auf der Seite der Guten eigentlich ein Angestellter eines Reisebüros ist, der nolens volens in die Geschichte hineinstolpert und irgendwann feststellen muss, dass er tatsächlich vom Schicksal auserwählt wurde, sind generell flott erzählt, bieten einen Vielzahl farbiger Schauplätze und verhandeln durchaus ernste, gehaltvolle Themen, aber sie sind eben auch technisch und wissenschaftlich "luftig", folgen eher Fantasy-Handlungsmustern und warten mit deutlichen spirituellen oder metaphysischen Elementen auf. Sie fuhren eher durchwachsene Kritiken** ein und verkauften sich wohl auch nicht so doll. Zumindest war nach der Veröffentlichung der drei Bände Pierre Bordages Karriere in Deutschland erstmal wieder zu Ende.
Mit Die Sphären (im Original Les dames blanches (2015)) machte Heyne 2017 dann einen zweiten Versuch, Pierre Bordage in Deutschland zu etablieren, und eigentlich hat die Geschichte, die mit einer riesigen weißen Kugel beginnt, die eines Tages in der französischen Provinz herumliegt, und zu der sich alsbald viele tausend und schließlich Millionen weitere gesellen, das Potential dazu. Denn die äußerlich weichen, aber letztlich unnachgiebigen und unzerstörbaren Kugeln, die nur still daliegen und eigentlich nichts tun - außer Kinder unter drei Jahren in ihr Inneres zu locken und eine Strahlung zu emittieren, die für den Ausfall der menschlichen Technologie sorgt - führen zu einer Veränderung der Gesellschaft, die vor allem im Umgang von Eltern mit ihren Kindern für bedrückende Szenen sorgt. Doch auch mit diesem Roman blieb Pierre Bordage hierzulande der Durchbruch verwehrt, und es ist davon auszugehen, dass auch der bislang letzte Versuch - die Übersetzung von La Désolation (2017), dem ersten Band des Fantasy-Zweiteilers Arkane als Arkane: Das Haus des Drachen (2018) - nicht von Erfolg gekrönt war, denn der Nachfolgeband ist nie auf Deutsch erschienen.
Pierre Bordage konnte seinen Misserfolg in Deutschland vermutlich verschmerzen, denn in Frankreich ist er bis zu seinem Tode einer der Stars der Szene geblieben, und dass der deutsche Buchmarkt französische SF-, Fantasy- oder Horrorautoren nicht gerade mit offenen Armen empfängt hat sich bei den Phantastik-Autorinnen und -Autoren jenseits des Rheins inzwischen bestimmt herumgesprochen. Außerdem musste Pierre Bordage in seinem Leben mit anderen Schicksalschlägen wie dem Unfalltod seiner Frau im Jahre 2009 oder seiner Parkinson-Erkrankung umgehen, die ihn ganz gewiss mehr getroffen haben. Jetzt ist er mit 70 Jahren gestorben. Das ist heutzutage normalerweise kein Alter, in dem man stirbt. Aber wenn man schon sterben muss, ist es vielleicht nicht die schlechteste Lösung, es nachts im Schlaf zu tun.
R.I.P., Pierre Bordage!
* - das stimmt - wie es bei pauschalen Aussagen fast immer der Fall ist - jetzt nicht hundertprozentig, aber bei der in Deutschland erschienen SF (oder Fantasy oder Phantastik, denn die Aussage gilt eigentlich für alle phantastischen Genres), die ich gelesen habe, war die Tendenz eindeutig; das Traurige an der Sache ist, dass französische SF und Fantasy, die als (fast immer eher schwache) Kopien der angloamerikanischen Vorbilder daherkommen, sich meist besser verkaufen als die genuine oder sich ihrer eigenen Wurzeln besinnende französische SF und Fantasy
** - wenn ich mich recht erinnere - es ist ja schon ein Weilchen her - war Josefson von der SF-Rundschau des Standard der einzige Kritiker, der die Trilogie positiv besprochen hat und sie ähnlich eingeschätzt hat wie ich (ich habe allerdings nie eine Rezi geschrieben); beim Nachsehen war ich jetzt überrascht, dass zumindest die Amazon-Bewertungen besser sind, als ich es in Erinnerung habe