Eigentlich … ja, eigentlich wollte ich heute – bzw. gestern, dazu gleich mehr* – die beiden Namen nachliefern, auf die ihr seit Ende Februar oder so wartet (wenn ihr denn überhaupt noch wartet - und nein, ich habe nicht vergessen, dass da noch was offen ist, und ja, ich weiß, ich weiß ...). Aber dann sind mir beim täglichen Blick in die ISFDB ein, zwei, drei Namen aufgefallen, und ich dachte mir, die beiden "verpassten" Autoren sind schon seit vielen Jahren tot – da kommt's jetzt auf ein paar Tage mehr oder weniger auch nicht mehr an.
Also … gestern am Samstag habe ich in die ISFDB geschaut und bin dabei über Walter Schwerdtfeger gestolpert, dessen Geburtstag sich gestern am Samstag zum 125. Mal gejährt hat. Und wer ist Walter Schwerdtfeger?, fragt ihr euch jetzt vielleicht. Bis Samstag hätte ich darauf keine Antwort geben können. Inzwischen weiß ich, dass Walter Georg Hermann Schwerdtfeger Anfang der 50er Jahre etliche Romane für den Leihbuchmarkt geschrieben hat (über die genaue Zahl gibt es widersprüchliche Aussagen), unter anderem auch drei SF-Romane unter dem Pseudonym Alan D. Smith. Im ersten dieser SF-Romane Die Botschaft des Panergon (1952) mit dem Untertitel Geheimis der fliegenden Untertassen geht es darum dass "eine in zwei Lebensanschauungen gespaltene Menschheit einen zerstörenden Krieg beginnen will" und dass "die Männer der fliegenden Untertassen in einer einmaligen Art, ohne Freund und Feind töten zu müssen, die Erde zur Ruhe zwingen". Das klingt jetzt nicht unbedingt wahnsinnig aufregend, ist es aber doch … um ein, zwei, drei Ecken herum.
Denn der am 11. Juli 1901 geborene Walter Schwerdtfeger war Mitglied der Reichspressekonferenz, die im Rahmen der Gleichschaltung der Presse am 1. Juli 1933 in das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda integriert wurde. Das am 1. Januar 1934 in Kraft getretene Schriftleitergesetz verbeamtete den Beruf des Journalisten (was mit dem journalistischen Berufsethos unvereinbar ist). Die nationalsozialistischen Zensur- und Lenkungsmaßnahmen blieben dem Blick der Öffentlichkeit entzogen, da die auf der Reichspressekonferenz ergangenen Regie- und Verwertungsanweisungen als Geheim klassifiziert wurden. Walter Schwerdtfeger hat diese vertraulichen Anweisungen des Propagandaministeriums an ausländische Journalisten weitergegeben und ist dafür im Juli 1935 verhaftet und im Juli 1936 zu lebenslänglich Zuchthaus (und dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte) verurteilt worden. Okay, Ende April 1945 war dann der Spuk vorbei, aber trotzdem hat der Mann seine demokratische Gesinnung mit knapp zehn Jahren im Zuchthaus bezahlt. Irgendwie wundert es mich da nicht, dass es in seinem ersten SF-Roman um eine "gespaltene Menschheit" und um eine friedliche Lösung des Konflikts geht. (Wer sich für etwas detailliertere Hintergründe der Geschichte interessiert, wird in diesem Wikipedia-Artikel fündig, in dem es auch noch zwei, drei weiterführende Links gibt.)** Schwerdtfeger ist übrigens am 19. Juni 1979 gestorben.
Immerhin 100 Jahre alt wäre am 11. Juli Friedrich Scholz (* 11. Juli 1926, † 17. Oktober 2008) geworden, dessen erster und afaik auch einziger SF-Roman Nach dem Ende 1987 den DSFP (den Deutschen Science Fiction Preis) gewonnen hat (zusammen mit 427 – Im Land der grünen Inseln von Claus-Peter Lieckfeld und Frank Wittchow). Scholz hat nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin Komposition und Klavier studiert und als Hörspiel- und Filmmusikkomponist gearbeitet. Der Roman ist zu einer Zeit erschienen, in der ich gerade die Veröffentlichungen deutscher Autoren und Autorinnen noch ziemlich regelmäßig gelesen habe, aber in diesem Fall muss ich zugeben, dass ich mich nur noch sehr vage an den Inhalt erinnern kann. Immerhin scheint er den DSFP-Jurorinnen und –Juroren gefallen zu haben, und das ist ja auch schon mal was.
Ansonsten hätten wir an besagtem 11. Juli noch Hanns Kneifel (* 11. Juli 1936, † 07. März 2012), den Mann, der bei Perry Rhodan vor allem (aber nicht nur) für die Dschungelabenteuer zuständig war, und der sich mit seinen Atlan Zeitabenteuern eine ganz spezielle Nische "erschrieben" hat. (Für die Nicht-PR-Leser & -Leserinnen: Atlan ist ein auf der Erde gestrandeter Außerirdischer, der viele tausend Jahre in einer Tiefseekuppel schläft bzw. immer mal wieder in die Geschichte der Menschheit eingreift.) Außerdem war Kneifel einer der wenigen PR-Autoren, die etwas mit Fantasy anfangen konnten, was man an seinen Beiträgen zu den Heftserien Dragon – Söhne von Atlantis und Mythor erkennen kann (und weswegen er theoretisch auch mal einen Blogbeitrag verdient hätte). Ich habe Hans (damals meist noch mit einem n) Kneifel Anfang der 90er Jahre zusammen mit Thomas Tilsner für unser Jahrbuch interviewt, und das Interview hat mir/uns sehr viel Spaß gemacht. Und ich habe mich gefreut, dass ich auf dem PR-Weltcon 2011 die Gelegenheit hatte, noch einmal ein bisschen mit ihm zu plaudern.
Und schließlich gibt es noch Amitav Ghosh, der am 11. Juli 70 Jahre alt geworden ist. Ghosh ist ein in Kalkutta (bzw. Kolkata) geborener und mittlerweile in New York lebender indischer Schriftsteller, der mit Ghost-Eye ganz aktuell einen SF-Roman vorgelegt hat (seinen zweiten nach dem Arthur-C.-Clarke-Award-Gewinner The Calcutta Chromosome von 1996, dt. Das Calcutta-Chromosom (1996)). Ob dieser Roman ebenfalls auf Deutsch erscheinen wird, kann ich noch nicht abschätzen. Interessant ist aber, was die deutsche Wikipedia über Amitav Ghosh (bzw. sein Werk) zu sagen hat …
* - ah, ja, die Datumsgrenze, die Datumsgrenze ... Ich will die Sachen eigentlich immer früher fertig haben, aber ... williger Geist und schwaches Fleisch und so. ![]()
** - in dem einen weiterführenden Link im Schwerdtfeger-Artikel wird u.a. erwähnt, dass man Schwerdtfeger 1950 vorgeworfen hat, er hätte die Infos über die Lenkung der Presse rein aus kommerziellen Motiven weitergegeben. Aber ganz ehrlich: Das juckt mich nicht. Auch wenn er dafür Geld bekommen hat, hat er auch gleichzeitig seinen ausländischen Kollegen mitgeteilt, was mit der deutschen Presse passiert. Seine deutschen Kollegen hingegen ... haben sich anscheinend so ziemlich alle weggeduckt. Ist das etwa besser?
edit: Ich habe noch ein paar fehlende Lebensdaten nachgetragen ... ![]()