Ein Blick zurück ...

  • Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Thread starten soll (wobei das auch damit zu tun hat, dassich seit ein paar Tagen fett erkältet bin), und als ich mich schließlich dazu entschlossen habe, ist als nächstes Hindernis aufgetaucht, dass ich keine gute Idee für den Threadtitel hatte. Der, für den ich mich jetzt entschieden habe, passt mMn nicht ganz, aber er ist besser als die anderen, die mir durch den Kopf gegangen sind.


    Worum soll es oder wird es hier gehen? Die Antwort ist eigentlich einfach ... aber andererseits auch kompliziert. :biggrin2:


    Ich habe ja früher gelegentlich Blogeinträge anlässlich des Geburts- oder Todestags bekannter oder auch nicht so bekannter Autoren verfasst. Ich würde das eigentlich auch gerne wieder tun, aber ... naja, ich tu's halt nicht. Teils, weil ich seit Jahren einen Virus namens Unlust mit mir rumschleppe, der mal mehr, mal weniger aktiv ist, teils weil ich im passenden Moment dann gerade doch keine Zeit habe, teils, weil ich aus verschiedenen Gründen gerne nochmal in das eine oder andere Buch reinschauen würde, das sich natürlich nicht finden lässt, wenn man es braucht, teils weil ich keinen Zugang zum eigentlichen Text finde (was normalerweise bedeutet, dass ich gar nicht so recht weiß, was ich zum betreffenden Autor oder zur betreffenden Autorin schreiben will/soll).


    Andererseits bedaure ich das immer mal wieder, wenn ich in die ISFDB oder meine Listen schaue, denn eigentlich (s.o.) schreibe ich diese Texte ja gerne, und eigentlich finde ich es schade, dass zu X oder Y noch immer kein Text im Blog erschienen ist. Das war zB am vergangenen Sonntag der Fall, denn da hatte ein Autor Geburtstag, der viele Jahre lang auch auf dem deutschen Buchmarkt präsent war (und es immer noch ist) und den auch manche Forumosen gern gelesen haben, iirc. Hinzu kommt, dass wir über viele seiner Kolleginnen und Kollegen, die im gleichen Segment aktiv sind oder waren, Beiträge verfasst habe, es also nur recht und billig wäre, wenn dieser Autor einen Blogtext bekommt.


    Ich habe sogar angefangen ... und dann die Lust verloren, weil mich allein die bibliografischen Informationen sauber zusammenzutragen genervt hat. Und dann habe ich mich gefragt, warum schreibst du nicht im Forum einen kleinen Text - kürzer als ein Blogbeitrag, weniger fundiert/recherchiert, einfach nur ein paar Sätze zu dem Mann und seinem Werk? Das wäre immerhin eine Möglichkeit, auf manche Autoren oder Autorinnen hinzuweisen, ohne den Aufwand zu betreiben, den ich bei den meisten Blogtexten betreibe bzw. betrieben habe. Und da in diesem Forum, was die Zahl der aktuellen Beiträge angeht, jetzt nicht gerade der Bär steppt, erhöht ein derartiger Thread auch nicht ein "too-much-traffic"-Problem. :floet2:


    Last but not least - es muss ja niemand in den Thread schauen. ;) Und es werden auch ziemlich sicher nicht täglich Posts kommen. Außerdem ... werde ich irgendwann einen eigenen Blog haben und mich dann dort mit solchen Sachen austoben. (Und ja, ich weiß, dass da noch ein Thread existiert, in dem ich weiterschreiben wollte/sollte. Und dass der Varley-Text eher halbfertig als fertig ist. Aber momentan habe ich mehr Lust auf dies hier. Und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben ... *hust* :floet2: ).


    Tja, nach der langen Vorrede werde ich mir jetzt einen Tee machen und dann den Post verfassen, den ich eigentlich schon am Sonntag vor einer Woche schreiben wollte.

    Beware the stories you read or tell; subtly, at night, beneath the waters of consciousness, they are altering your world. (Ben Okri)

  • Am vergangenen Sonntag konnte Raymond E. Feist, der am 21. Dezember 1945 in Los Angeles als Raymond Elias Gonzales III geboren wurde und später den Nachnamen seines Stiefvaters annahm, seinen 80. Geburtstag feiern (hoffentlich bei guter Gesundheit).


    Feist war einer der Autoren, die im Zuge der ersten High-Fantasy-Welle Anfang der 80er Jahre die Szene betreten haben (Magician, sein Erstling, erschien 1982), und die Welt Midkemia - bzw. der ganze, umfangreiche Zyklus, der im Riftwar Universe angesiedelt ist und der von der Riftwar Saga bis zur ganz aktuellen Dragonwar Saga reicht - basiert u.a. auf einem Rollenspiel, das Feist mit seinen Freunden an der Universität als Alternative zu Dungeons & Dragons geschaffen und gespielt hat. Die Entstehung eines Fantasyromans oder -zyklus' aus einem Rollenspiel heraus, war damals noch eher die Ausnahme (wurde aber mit Erscheinen der Dragonlance-Bände von Weis/Hickman zwei Jahre später zu einer der Säulen, auf denen die High Fantasy ruhte), wohingegen die spürbaren tolkienesken Elemente typisch für die damalige Fantasy waren. (Immerhin hat Feist in seinem Erstling mal keinen uralten Bösen als Gegner gebraucht, was dem Roman durchaus gut getan hat.)


    Auch in Deutschland war Raymond Feist recht früh präsent, denn 1984 erschien die Übersetzung seines Erstlings in zwei Bänden als Pug und Tomas und Milamber und die Valheru in der (von etlichen meiner Altersgenossen mit nostalgisch verklärtem Blick betrachteten) "schwarzen Fantasyreihe" des Goldmann Verlags. Die meisten auf die Riftwar Saga (bei uns Midkemia Saga) folgenden, im Riftwar Universe angesiedelten Bücher sind danach weiterhin bei Goldmann bzw. Blanvalet (nachdem die Fantasyreihe von Goldmann aus "verlagsinternen Gründen" zu Blanvalet gewandert war) erschienen und z.T. mehrfach (gelegentlich auch mit neuen Titel) neu aufgelegt worden; als letzte kam die Darkwar Saga (als Die Erben von Midkemia bzw. Der dunkle Krieg von Midkemia) bei uns auf den Markt. Die weiteren Subzyklen (Demonwar Saga, Chaoswar Saga, inzwischen zählt anscheinend auch die Firemane Saga zum Gesamtzyklus, wenn man einigen Rezensionen zum ersten Band der Dragonwar Saga trauen kann) wurden noch nicht übersetzt (und ich rechne auch nicht unbedingt damit, dass das noch passiert.


    Raymond Feist war vor allem in den 80er und 90er Jahren ein wichtiger Autor, der lange Zeit sehr erfolgreich war, und dessen Riftwar Saga bzw. Midkemia Saga sich immer noch für den Einstieg in das Genre eignet. Und er hat zusammen mit Janny Wurts mit der Kelewan Saga eines der Meisterwerke der späten 80er-Jahre- bzw. frühen 90er-Jahre-Fantasy geschaffen, das auch heute noch uneingeschränkt lesenswert ist.*


    Wer sich noch genauer über Raymond Feist und das Riftwar Universe / den Midkemia Zyklus informieren will, kann das z.B bei der deutschen oder der englischen Wikipedia tun.


    * - dass Bücher aus den 80er und 90er Jahren in mancherlei Hinsicht nicht dem entsprechen, was der Zeitgeist heute für unabdingbar hält, dürfte klar sein; dass sie deswegen alle nicht mehr lesbar sind, muss man nicht so sehen.

    Beware the stories you read or tell; subtly, at night, beneath the waters of consciousness, they are altering your world. (Ben Okri)

    Edited once, last by gero ().

  • Danke für den Beitrag. Raymond Feist hat mich, als ich 14 Jahre alt war, überhaupt erst zur Fantasy gebracht, mit Der Lehrling des Magiers. Das war Mitte der 90er; um Bücher zu kaufen, mussten mich meine Eltern vom Dorf nach Koblenz fahren. Und nach dem ich den ersten Band verschlungen hatte, musste mein Vater mich am nächsten Wochenende wieder nach Koblenz fahren, um Band 2 zu kaufen. Und das Wochenende danach, für den ganzen Rest der Midkemia-Saga (für alle Bände musste ich sämtliche Buchhandlunge der Stadt abklappern). Die ich auch alle paar Jahre gerne und mit viel nostalgischer Verklärung wieder lese. Feist war auch einer der wenigen Autoren, die das Vergnügen hatten, von mir für den Fantasyguide interviewt zu werden. Sehr netter und umgänglicher Mensch.


    Feist ist aktuell auf Facebook sehr aktiv und postet fast täglich, auch viel in Bezug auf Trump. Da ist er zum Glück politisch stabil geblieben und schießt gut gegen das aktuelle Regime und die MAGA-Goblins. Ich folge ihm gar nicht, hatte aber vor ein paar Tagen zufällig einen Post von ihm in der Timeline.

  • Okay, einer hat sich gefreut, niemand hat "Nein, bitte nicht!" gerufen ... dann werde ich hier also ein bisschen weitermachen. :biggrin2: (Keine Sorge, dieses Jahr kommt da nicht mehr viel, und nächstes Jahr erstmal lange nichts.)


    Deine Antwort, Pogo, macht nebenbei auch deutlich, was z.B. an einem Blogbeitrag über Feist wirklich nervig wäre, denn du hast Pug und Tomas in einer späteren deutschen Ausgabe (mit einem anderen Titel) kennengelernt als ich. Allein schon die Titel und die entsprechenden Jahrszahlen zu recherchieren ist ... naja, sagen wir, es kostet Zeit. ;) Und wenn man es nicht tut, passiert das, was im obigen Feist-Posting passiert ist, dass da nämlich eine falsche - bzw. nicht ganz richtige - Jahreszahl steht. (Die steht da jetzt nicht mehr, weil es mir irgendwann aufgefallen ist, aber hingeschrieben habe ich sie, ohne nachzusehen.) In meinen Blogbeiträgen habe ich eigentlich immer kreuz und quer recherchiert, um die echten Daten hinschreiben zu können, im Forum werde ich das nicht immer tun (sondern sie im Zweifelsfall einfach weglassen.)


    Ansonsten kann ich nur wiederholen, dass ich Feists Riftwar Saga/Midkemia Saga immer noch für sehr gut lesbar und lesenswert halte; bei den späteren Romanen sieht das ein bisschen anders aus, da gibt es echte Totalausfälle (The Riftwar Legacy/Die Krondor-Saga ... :heul2: ), aber auch positive Überraschungen (z.B. die ersten beiden Bände der Legends of the Riftwar/Legenden von Midkemia), wobei die Tendenz generell nach unten geht, weswegen ich auch irgendwann nicht mehr weitergelesen habe.


    Aber es freut mich natürlich, dass Feist Haltung zeigt und kein Trump-Fan geworden ist. Das passt zu dem, was unterschwellig in seinen Romanen (auch den späteren oder schwächeren) mMn immer zu spüren war.


    Edit: krummen Satz ein bisschen geradegebügelt ...

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  • Das muss ein Zeichen sein, dass ich vorgestern mal wieder durch meine 200 Lesezeichen gegangen bin und alte Lesezeichen zu Büchern, die ich kaufen wollte, gefunden habe, wo sich auch der komplette Riftwar Zyklus fand...ich hatte damals nach der Empire-Trilogie aufgehört aber nach vielen Jahren Pause irgendwie wieder Lust bekommen darauf und überlegt, ob ich mir die zwei Bücher in Krondor's Sons und die Riftwar Legacy Trilogie kaufen soll..


    Vielleicht war das jetzt mein Zeichen, das zu tun...

    Mit Schirm, Charme und McClane


    ------

    And now the page before us blurs.

    An age is done. The book must close.

    We are abandoned to history.

    Raise high one more time the tattered standard

    of the Fallen. See through the drifting smoke

    to the dark stains upon the fabric.

    This is the blood of our lives, this is the

    payment of our deeds, all soon to be

    forgotten.

    We were never what people could be.

    We were only what we were.


    Remember us

  • Von Krondor's Sons würde ich dir jetzt nicht total abraten, auch wenn ich den ersten der beiden Romane ziemlich schwach fand (iirc hat mit Prince of the Blood mein Hadern mit Feist als Geschichtenerzähler angefangen), aber wenn du dir einen Gefallen - einen großen Gefallen! - tun willst, lass die Finger von The Riftwar Legacy! (Ein Blick in den deutschen Wikipedia-Artikel über Raymond Feist wird dir verraten, dass ich durchaus die Kompetenz für eine solche Aussage habe ... :secr: )

    Beware the stories you read or tell; subtly, at night, beneath the waters of consciousness, they are altering your world. (Ben Okri)

  • Ah je, es nützt ja alles nichts ... wenn ich hier nicht noch einen auf "Pause" gestellten Thread haben will, sollte ich mal weitermachen, um nicht noch mehr Altlasten ins neue Jahr zu übernehmen. Blöderweise ... äh ... habe ich mir ein bisschen ins Knie geschossen, denn ich habe als zweiten Kandidaten einen Autor ausgeguckt (naja, eigentlich nicht - er hatte halt am 24.12. Geburtstag :nixweiss: ), der mir zwar wichtig ist, um den ich aber aus guten Gründen im Blog bisher immer einen Bogen gemacht habe. Selbst wenn man den knapp abhandelt, wird's umfangreich, und genau das wollte und will ich eigentlich vermeiden. Aber zum Glück ist mir irgendwann die Erleuchtung gekommen: Ich werde den Text dieses Mal ganz anders angehen und ausnahmsweise auf andere Seiten/Texte verweisen, auf denen die Informationen zu finden sind, die ich hier sozusagen weglasse. :biggrin2:


    Und jetzt, nach der Vorrede - keine Sorge, die wird's nicht jedes Mal geben - in medias res:


    An Heiligabend hat sich zum 115. Mal der Geburtstag von Fritz Leiber gejährt, der am 24. Dezember 1910 als Fritz Reuter Leiber jr. in Chicago geboren wurde und der am 05. September 1992 im Alter von 81 Jahren verstorben ist. Leiber war ein vielseitiger Autor, der Horror, SF und Fantasy geschrieben hat, doch seine Werke in den beiden erstgenannten Genres sollen uns hier nicht interessieren; an dieser Stelle geht es nur um den Fantasy-Autor Fritz Leiber, der dank seiner Geschichten über Fafhrd and the Gray Mouser (bzw. Fafhrd und den Grauen Mausling) mMn zu den "Großen Drei" der Sword & Sorcery zu zählen ist (neben Robert E. Howard und Karl Edward Wagner). Fafhrd und der Mausling - bleiben wir beim deutschen Namen, auch wenn der ein bisschen nach Kinderbuch klingt ... andererseits ist der Mausling ja tatsächlich ziemlich klein - also, Fafhrd und der Mausling wirken wie die Personifizierung des Genres, dem Leiber selbst den Namen gegeben hat, denn Fafhrd ist ein über zwei Meter großer und überaus kräftiger rothaariger Barbar aus dem Norden, der verdammt gut mit dem Schwert umgehen kann (und gerne singt), während der Mausling wie gesagt klein ist (knapp über einen Meter fünfzig), allerdings ebenfalls ein guter Fechter ist (mit Rapier und Parierdolch) und zudem als Ex-Lehrling eines Magier über gewisse magische Fähigkeiten verfügt. Erschaffen hat Leiber die beiden zusammen mit seinem Freund Harry Otto Fischer (den wir an dieser Stelle auch nur dieses eine Mal erwähnen ;) ), und ihre ersten Abenteuer haben die beiden Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre in Unknown erlebt (dem der Fantasy gewidmeten Schwestermagazin von Astounding, welches wiederum das damals führende SF-Magazin war). Ihr erster Auftritt in Buchform war das Hardcover Two Sought Adventure (1957) bei Gnome Press (da waren vorher schon Howards Conan-Erzählungen in Buchform erschienen); der Band beinhaltete die fünf Geschichten aus Unknown (plus zwei weitere, die Anfang der 50er Jahre in anderen Magazinen veröffentlicht worden waren).


    Jetzt machen wir einen Sprung in die 60er Jahre, denn sonst kommen wir (a) nicht vom Fleck, und (b) wird das dann doch alles wieder furchtbar lang. :biggrin2:


    In den 60er Jahren gab es mit Fantastic nicht nur wieder ein Magazin, das (zumindest auch) Fantasy veröffentlichte (und wo z.B. auch John Jakes' Brak the Barbarian seine ersten Abenteuer erlebte), sondern mit den Conan-Bänden bei Lancer Books dazu noch eine erfolgreiche Taschenbuchreihe, die das Genre Sword & Sorcery auf dem Buchmarkt etablierte. Fritz Leiber begann, weitere Fafhrd-&-Mausling-Stories zu schreiben, und schließlich kam die TB-Reihe auf den Markt, die dafür gesorgt hat, dass die Abenteuer der beiden ungleichen Kumpels (nebenbei die ersten echten "Buddys" in der Sword & Sorcery) zumindest in Deutschland (nach der vergleichsweise schnell erfolgten Übersetzung) auch unter einem "griffigeren" Namen bekannt wurden (denn Die Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling ist ja auch eher sperrig). Der inneren Chronologie folgend waren das Swords and Deviltry und Sword Against Death (beide 1970), Swords in the Mist, Swords Against Wizardry und The Swords of Lankhmar (alle drei 1968). Jeweils etliche Jahre später folgten mit Swords and Ice Magic (1977) und The Knife and Knave of Swords (1988) zwei weitere Bände, die allerdings - das vorweg - an die Qualität der früheren Bände nicht anknüpfen konnten. Die ersten Bände wurden - wie bereits erwähnt - relativ schnell übersetzt, allerdings machte man aus fünf Original-Bänden aufgrund der damals noch häufig geltenden Umfangsbeschränkungen für auch über den Zeitschriften- und Bahnhofsbuchhandel vertriebene Taschenbücher in Deutschland sechs, was zu ... äh ... sagen wir lustigen Nebeneffekten führte.


    Die deutschen Titel waren Schwerter und Teufelei, Schwerter gegen den Tod (beide 1972), Schwerter im Nebel, Schwerter gegen Zauberei, Die Schwerter von Lankhmar (alle 1973) und Schwerter im Kampf (1976 ). Allerdings hat man in Deutschland zwar ein Buch mehr veröffentlicht, aber trotzdem ein paar Geschichten weggelassen, die teilweise in anderen Anthologien erschienen sind, teilweise auch erst in der ersten deutschen Gesamtausgabe der Geschichten von Fafhrd und dem Mausling, die in vier Bänden (mitsamt ein bisschen Zusatzmaterial) 2004-2006 in der Edition Phantasia erschienen ist. Aber dazu kommen wir ein bisschen später. Vorher gilt es noch, die deutschen Titel der beiden o.e. Nachzügler nachzutragen; die hießen Schwerter und Eiszauber (1981) und Ritter und Knappe des Schwerts (1997). Und einen kleinen Schlenker zu persönlichen Leseerlebnissen zu machen. :floet:


    Als 1972 Schwerter und Teufelei erschien, hatte ich - vor allem dank der elf (dünnen) Bände mit den Abenteuern Conans, des Cimmeriers (den Herr der Ringe konnte oder wollte ich mir damals schlicht nicht leisten) - eine gewisse Vorstellung von "Fantasy", und der Band wurde als Auftakt eines der "interessantesten und spannendsten Zyklen der Fantasy-Literatur" angepriesen. Also habe ich kurz entschlossen DM 2.80 über die Ladentheke geschoben und erwartungsvoll mit der Lektüre begonnen ... und bin ziemlich hart auf dem Boden aufgeprallt. Das Problem ist, dass in diesem Band mit "Die Schneefrauen" (OT: "The Snow Women") und "Der unheilige Gral" (OT: "The Unholy Grail") sozusagen die Origin-Stories von Fafhrd und dem Mausling - und die einzigen, in denen sie nicht zusammen, sondern jeweils allein agieren - enthalten sind. Beide Geschichten sind ganz okay, aber wenn man gerade mal 17 Jahre alt ist und mit der Erwartung an sie herangeht, sowas Ähnliches wie Conan lesen zu können, fällt man schon in ein ziemlich tiefes Loch. Im Originalband ist noch eine weitere Geschichte enthalten, die hat man weggelassen, weil das Buch sonst zu lang geworden wäre. Immerhin hat man sie im gleichen Jahr in der Anthologie Welt der Zukunft (einem der Auswahlbände aus dem Magazine of Fantasy & Science Fiction) veröffentlicht - aber da muss man ja erstmal drauf kommen (im Jahr 1972, ohne Internet, social media etc.pp.). Obwohl ... so richtig viel hätte das auch nicht gebracht, denn die Geschichte - eine novella bzw. längere Erzählung mit dem Titel "Ill Met in Lankhmar", in der geschildert wird, wie unsere beiden Gelegenheitsdiebe sich kennenlernen und die auf Deutsch (in dieser Version) "Das Haus der Diebe" heißt - war derbe gekürzt, so dass eigentlich nichts von dem übriggeblieben ist, was sie wirklich lesenswert macht, nämlich teils großartige Dialoge, eine ... ich nenne es einmal Weird-Tales-Atmosphäre und eine ordentliche Portion Tragik. Außerdem ist "Ill Met in Lankhmar" jeweils als beste novella mit dem Hugo und dem Nebula Award ausgezeichnet worden - aber auch das ist anscheinend kein Grund, eine Geschichte so zu belassen, wie sie im Original ist.


    "Das Haus der Diebe" wurde 1986 in der gleichen Version in einem - ebenfalls Schwerter im Nebel betitelten - Sammelband nachgedruckt (der andere Sammelband aus dem gleichen Jahr hieß Schwerter von Lankhmar); wäre ja auch irre viel Aufwand gewesen, sie neu zu übersetzen (und die Kosten, die Kosten ... mein Gott, Übersetzungen sind doch sooo teuer! =O ). Ich selbst konnte sie allerdings schon (naja) 1982 mehr oder weniger ungekürzt in einer anderen Anthologie lesen. Da hatte ich allerdings längst wieder meinen Frieden mit Fritz Leiber geschlossen, denn in den weiteren Schwerter-Bänden waren dann doch noch etliche gute Geschichten - und ein paar wirklich großartige wie "Schwere Zeiten in Lankhmar" (OT: "Lean Times in Lankhmar"), "Basar des Bizarren" (OT: "Bazaar of the Bizarre") oder "Die Herren von Quarmall" (OT: The Lords of Quarmall"); die deutschen Titel sind die der definitiv ungekürzten Versionen aus der Edition-Phantasia-Ausgabe.


    Fortsetzung folgt ...

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  • ... und hier die Fortsetzung (weil der Text zu lang war ... :stupid:


    Okay, jetzt bin ich müde, der Text ist mir eh aus dem Ruder gelaufen ... was gibt es noch zu sagen?


    Vielleicht könnte man anmerken, dass die Geschichten ab dem Roman The Swords of Lankhmar/Die Schwerter von Lankhmar spürbar schwächer werden. Was auch bedeutet, dass im Hinblick auf die vierbändige Gesamtausgabe bei der Edition Phantasia (die mMn die einzige wirklich lesenswerte deutsche Ausgabe ist) die ersten beiden Bände Der unheilige Gral und Die Herren von Quarmall für Sword-&-Sorcery-Fans uneingeschränkt empfehlenswert sind, während Band drei - Der traurige Henker - dann bereits abfällt und der vierte Band - Das Meerweib - wirklich schwach ist (nicht nur, aber vor allem im Vergleich zu den ersten Bänden). Oder, anders gesagt: alle Geschichten, die nach ca. 1972/73 entstanden sind, lassen sich nicht mehr mit denen davor vergleichen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, aber auf die genauer einzugehen, würde hier endgültig den Rahmen sprengen. Schade ist es, aber anderseits ist eine Veränderung der Qualität bei einer so lange - von 1939 bis 1988 - laufenden Reihe wahrscheinlich unvermeidbar.


    Wer kann, sollte sich Fritz Leiber durchaus im Original gönnen, das macht schon Spaß, den zu lesen (ich habe mir die Fafhrd and the Gray Mouser Bände längst im Original besorgt; da gibt es preiswerte und weniger preiswerte Ausgaben). Und auch seine Horror- und SF-Sachen sind z.T. sehr lesenswert, wenn man sich für die jeweiligen Genres interessiert. (Es hat einen Grund, dass Fritz Leiber zwar keiner meiner absoluten Lieblingsautoren ist, aber ein Autor, den ich sehr schätze, und von dem ganz sicher die eine oder andere Story dabei wäre, sollte ich jemals in die Verlegenheit kommen, einen Band mit meinen Lieblingsgeschichten zusammenzustellen :zweifel:.)


    Und jetzt ... bin ich wirklich müde. :einschlaf: Und ich verspreche, so schlimm wird es in Zukunft nicht mehr. :biggrin2: (Ich werde mir nämlich nächstes Mal doch lieber wieder ein richtiges Konzept machen.)


    P.S.: Wer mehr über Fritz Leiber wissen will, findet einen sehr ordentlichen Artikel bei der deutschen Wikipedia; die englische ist natürlich noch ein bisschen ausführlicher und bietet auch ein paar weiterführende Links (wenn man die haben will). Ansonsten könnt ihr auch einfach mich fragen.

    Beware the stories you read or tell; subtly, at night, beneath the waters of consciousness, they are altering your world. (Ben Okri)

  • Danke für diesen schönen Text. Ich habe Leiber über die Ausgabe in der Edition Phantastia kennengelernt, da war ich schon ein relativ erfahrener Fantasyleser, konnte mich aber trotzdem schwer für die Geschichten begeistern. Habe allerdings nur die ersten beiden Bände gelesen, da ich damals auch schon gehört habe, das 3 und 4 deutlich schwächer sein sollen. Ich glaube, ich werde meinen Reread auf Englisch machen ... oder auch nicht, mal sehen. Die E-Book-Ausgaben sind doch ganz schön teuer und gedruckt nicht so einfach zu bekommen.

  • Feist ist aktuell auf Facebook sehr aktiv und postet fast täglich, auch viel in Bezug auf Trump. Da ist er zum Glück politisch stabil geblieben und schießt gut gegen das aktuelle Regime und die MAGA-Goblins.

    Es freut mich, das zu lesen. Obwohl man das erzählerische Ich ja nicht mit dem Autor oder der Autorin gleichsetzen soll, finde ich es immer etwas traurig, wenn beides zu sehr auseinanderdriftet. Beim Thema Trump bekommt das noch einmal mehr eine Bedeutung.

    Die "Kelewan-Saga" übersetzen zu dürfen, die nicht von ihm allein verfasst wurde, gehört zu den Highlights meiner Übersetzer-Tätigkeit. Damals war ich immer irgendwie auf der Suche nach starken Heldinnen, und Mara ist eine der besten weiblichen Figuren, die ich kenne. (Die andere Frau, die ich sehr hoch schätze, ist Durhams Königin von Acasia, Corinn, aber ich weiß, da gehen die Meinungen auseinander.)


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    "An eagle flies only as high as the sky. But a silver swan, reborn from its funeral pyre, flies to the stars." David Zindell
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  • Post by Timpimpiri ().

    This post was deleted by the author themselves ().
  • Danke für die Rückmeldung, Pogo. Du hast Glück gehabt, dass du Fafhrd und den Grauen Mausling erst in den Ausgaben der Edition Phantasia kennengelernt hast, denn die vorherigen Ausgaben sind eigentlich nicht zu empfehlen. Wenn man ein bisschen zynisch sein will, könnte man auch sagen, dass man bei Heyne (da ist der Schwerter Zyklus - bleiben wir mal bei diesem Titel - damals erschienen) ja vielleicht gar nicht wollte, dass der Zyklus ein Erfolg wird. Oder es war den Powers That Were schlicht scheißegal. Nehmen wir z.B. auch dieses Indiz: Da bringt man die ersten fünf Schwerter-Bände recht kurz hintereinander 1972-73, und dann wartet man drei Jahre (!), um den sechsten Band nachzuliefern, der ja auf Deutsch nur notwendig geworden war, weil man jeweils nicht mehr als maximal 128 Seiten zur Verfügung hatte (weil ein Druckbogen mehr den VK verändert hätte), und da passten halt nicht immer alle Geschichten der Originalausgaben rein. Aber warum dann drei Jahre warten und den Nachzügler mit einem Coverdesign ausstatten, dass sich deutlich von dem der Vorgängerbände unterscheidet, so dass nur der Titel, nicht aber die Optik die Zugehörigkeit zum Schwerter-Zyklus deutlich macht? Noch dazu, wenn in dem Band mit "Harte Zeiten in Lankhmar" (aka "Lean Times in Lankhmar") eine der besten Fahrhd-und-der-Graue-Mausling-Erzählungen enthalten ist? Ich werde nie begreifen, was das Heyne-Lektorat da geritten hat ... :nixweiss:


    Andererseits ist auch die erste Übersetzung von Fritz Leibers Hugo-Gewinner The Wanderer (1964), die unter dem Titel Wanderer im Universum 1967 erschienen ist, deutlich gekürzt (erst die Neuausgabe von 1979 unter dem gleichen Titel ist dann ungekürzt ... hoffe ich); wahrscheinlich hat man also einfach mit der erprobten Vorgehensweise weiter gemacht, und bei Sammelbänden mit Erzählungen lässt sich ja leicht kürzen. Trotzdem ist der gesamte Umgang mit dem Schwerter-Zyklus ... irgendwie schräg. :zweifel:


    @ Timpi:

    Dass ich mit dir in Sachen Mara (und auch Corinn) einer Meinung bin, weißt du ja. Und wie schon weiter oben geschrieben, bin ich auch froh, dass Raymond Feist kein Trump-Fan geworden ist. Würde auch nicht passen - und macht es mir leichter, ihn weiterhin in einem positiven Licht zu sehen, auch wenn mir die späteren Midkemia-Bände nichts mehr geben. An mein erstes Leseerlebnis mit Pug und Tomas (unter diesem Titel 1984) erinnere ich mich dagegen immer noch gern.


    So. Eigentlich wollte ich hier heute noch einen kurzen Post bringen, aber ich fürchte, ich muss mich erst um einen anderen Thread kümmern ... :egal:

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  • Ach ja, der Leiber...

    Da hab ich doch damals tatsächlich das erste Mal überhaupt Spaß an einem Comic gehabt, weil mir wer die 4 Hefte bei nem Forentreffen geschenkt hatte. Außerdem besitze ich zwei Sammelbände von Fantasy Masterworks auf englisch, die mir auch durch ein Forentreffen erreicht haben. Da hab ich bisher nur vereinzelt draus gelesen...

    Und wollte das schon längst mal ändern... SuB...


    Und was Feist angeht: auch von ihm habe ich eine Trilogie gelesen, auf englisch... Google sagt, dass sie Conclave of Shadows heißt.

    Damals war ich noch recht Fantasy-unbedarft und hatte meinen Spaß daran...

    If you fuck the bad guy, remember the bad guy's gonna fuck you back! (Caine)


    Der Nachteil der Intelligenz besteht darin, dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen. - George Bernhard Shaw


    Michael Moorcock - Mutter London

  • Okay, machen wir hier mal weiter. Eigentlich wollte ich heute gestern hier etwas über R.H. Barlow schreiben, dessen Todestag sich gestern zum 75. Mal gejährt hat, aber letztlich ist ein Text zu einem anderen Autor sinnvoller. (Robert Hayward Barlow ist eine Figur aus dem Dunstkreis von H.P. Lovecraft, den bzw. dessen Werk hierzulande vermutlich kaum jemand kennen dürfte, der aber vor allem in Bezug auf sein Verhältnis zu HPL nicht uninteressant ist. Seinen 100. Geburtstag habe ich verpasst, jetzt verpasse ich seinen 75. Todestag - aber irgendwann wird es wieder eine Gelegenheit geben.)


    Dann kommen wir jetzt also zu Brian Lumley, dessen Todestag sich heute zum zweiten Mal jährt. Nein, keine Angst, ich werde mich meistens auch weiterhin an Fünf-Jahres-Schritte halten, aber in diesem Fall, wo Lumley der nächste Kandidat für einen Eintrag im ... äh ... versandeten Nekrolog-Thread wäre, macht es Sinn, ihn in diesem Thread kurz abzuhandeln. Kurz deshalb, weil Lumley ein paar für Fantasy- oder genauer Sword-&-Sorcery-Fans interessante Bücher geschrieben hat und er deshalb irgendwann - vielleicht zu seinem Geburtstag nächstes Jahr - einen "richtigen" Eintrag im Blog bekommen wird.


    Brian Lumley, der hierzulande vor allem Horrorfans durch die Necroscope-Reihe bekannt sein dürfte, wurde am 02. Dezember 1937 im County Durham im Nordosten Englands geboren. Seine erste Kurzgeschichte ("The Cyprus Shell") erschien in der Sommerausgabe 1968 des Arkham Collector, der Hauszeitschrift des Verlags Arkham House; sie gehörte zum Cthulhu-Mythos und ist zusammen mit weiteren Mythos-Stories in der Collection The Caller of the Black (1971) enthalten. In dieser Collection finden sich auch bereits die ersten Geschichten mit Titus Crow, einer Figur, über die Lumley nicht nur mehrere Stories, sondern auch sechs Romane schrieb, die zu den wichtigsten modernen Ergänzungen/Fortführungen des Mythos zu zählen sind. Der erste dieser Romane, The Burrowers Beneath (1974), war unter dem Titel Die Herrschaft der Monster (1975) auch Lumleys erste Roman-Veröffentlichung in Deutschland.


    Die Herrschaft der Monster dürfte meine zweite Begegnung mit Lumley gewesen sein, denn den Roman habe ich irgendwann in der zweiten Hälfte der 70er Jahre nicht nur, aber auch wegen seines Titelbilds von irgendeinem Remittendentisch mitgenommen. (Das Bild hat meine Vorstellung von Cthulhu jahrelang geprägt, bis irgendwann ein anderes an seine Stelle getreten ist). Meine erste Begegnung mit dem Autor Brian Lumley war die Geschichte "Der Windgott" (OT: "Born of the Winds" (1975)) in einem der Auswahlbände aus dem Magazine of Fantasy and Science Fiction mit dem wunderschönen Titel Ein Affe namens Shakespeare (1976), in der es ein Meteorologe in der kanadischen Wildnis mit den Anhängern Ithaquas, des Windwanderers (und schließlich mit ihm selbst) zu tun bekommt. Hat mir damals unter anderem deshalb gut gefallen, weil Lumleys Hauptfiguren in seinen Mythos-Geschichten nicht so passiv wie die des Mythos-Schöpfers selbst sind, sondern sich gegen die Anhänger und Handlanger der Großen Alten (und auch gegen die GA selbst) zur Wehr setzen, manchmal sogar erfolgreich.


    Weniger erfolgreich war Brian Lumley damals auf dem deutschen Buchmarkt, denn mit Die Herrscher in der Tiefe (1979) erschien zwar noch der zweite Titus-Crow-Roman (OT: The Transition of Titus Crow (1975)), aber das war's dann auch fürs Erste mit Brian Lumley auf Deutsch. In England veröffentlichte er zunächst drei weitere Titus-Crow-Romane (The Clock of Dreams (1978), Spawn of the Winds (1978) und In the Moons of Borea (1979)) sowie mit Khai of Ancient Khem (1981) einen im Alten Ägypten (äh ... im ganz Alten Ägypten, sozusagen im prähistorischen Ägypten) spielenden Roman, in dem zwar ein von Aliens abstammender Pharao vorkommt, der aber eigentlich Sword & Sorcery reinsten Wassers ist. Darauf folgte die Psychomech-Trilogie (1984/85) und schließlich zwei Zyklen/Serien, von denen sich eine als absoluter Volltreffer entpuppen sollte. In der einen brach David Hero (nomen es omen) in dem Roman Hero of Dreams (1986) zu New Adventures in H. P. Lovecraft's Dreamlands (Serientitel) auf, traf dort auf Elgin the Wanderer und erlebte mit ihm weitere Abenteuer in Ship of Dreams (1986) und Mad Moon of Dreams (1987). Diese drei Romane erschienen als Dreamland 1, 2 und 3 (2002-05) auch auf Deutsch, und zwar im Festa Verlag - und dass sie überhaupt erschienen sind (wenn auch unter nicht gerade sonderlich einfallsreichen Titeln), hat wahrscheinlich sehr viel mit der zweiten Serie zu tun, die Brian Lumley 1986 in seinem Heimatland gestartet hat.


    Denn mit Necroscope, der Serie, die so heißt wie die Figur, die in ihrem Mittelpunkt steht - nämlich der "Necroscope" oder "Totenhorcher" (iirc) Harry Keogh, der mit den Toten sprechen kann -, gelang Brian Lumley auf dem englischen Buchmarkt der Durchbruch. Die ab 1988 jeweils im Jahresabstand folgenden Romane verkauften sich hervorragend und machten ihn zum Bestsellerautor. Interessanterweise hatte in Deutschland kein Verlag Interesse an der Serie, so dass es bis 1999 dauern sollte, bis Frank Festa die Chance nutzte und die Romane in seinem relativ kurz zuvor gegründeten Verlag auf Deutsch veröffentlichte - anfangs, um die Übersetzungskosten in Grenzen zu halten, gesplittet (das war ja auch bei den Publikumsverlagen gang und gäbe), später auch in einem Band. (Nein, hier kommt jetzt keine Aufzählung der Originaltitel und der deutschen Titel; die kann man woanders finden, wenn man will. ;)) Irgendwann in den 00er Jahren wollte Frank Festa noch "alles auf Deutsch bringen, was Brian Lumley geschrieben hat" (so oder so ähnlich war die Aussage), allerdings scheint sich dieser Plan doch recht rasch zerschlagen zu haben; der vierte Band von Dreamland(s) ist nie auf Deutsch erschienen, und auch Necroscope wurde mit Band 12 (Entweiht, das ist im Original Defilers (2000), der Mittelband des dreibändigen E-Branch-Subzyklus) eingestellt. Danach folgte mit Invasion der tiefen Wesen (2014) noch ein Sammelband, in dem Lovecrafts novella The Shadow over Innsmouth (1936) und Lumleys Fortsetzung The Return of the Deep Ones (1984) enthalten sind, und dann nichts mehr.


    Was insofern schade ist, als den deutschen Lesern und Leserinnen, die weniger an Horror, sondern eher an Fantasy interessiert sind, nicht nur der letzte Dreamlands-Band Iced on Aran and Other Dreamquests (1990) vorenthalten wird, sondern auch die weiteren Bände des Titus Crow Zyklus, den Brian Lumley 1989 mit Elysia: The Coming of Cthulhu abgeschlossen hat. Und vor allem werden sie nie die Tales of the Primal Land kennenlernen, die nicht zuletzt von Clark Ashton Smith inspirierten Sword-&-Sorcery-Stories, die in den frühesten Tagen der Erde auf dem vorzeitlichen Kontinent Theem’hdra spielen und die in den drei Bänden The House of Cthulhu (2007), Tarra Khash: Hrossak! und Sorcery in Shad (beide 1991) - oder in dem Omnibusband Tales of the Primal Land (2015) - gesammelt vorliegen und die Lumleys umfangreichsten Beitrag zur Sword & Sorcery darstellen. Ob der Titus Crow Zyklus eher Fantasy oder Horror oder Phantastik ist, darüber lässt sich sicher trefflich streiten (oder man stellt sich auf den Standpunkt, dass Crow und sein Kumpel de Marigny schlicht Action-Helden in Mythos-Country sind), aber für Khai of Ancient Khem und die Tales of the Primal Land gilt das nicht.


    Insofern ist es bedauerlich, dass Frank Festa seine Pläne in Bezug auf Brian Lumley nicht umsetzen konnte, denn die Chancen, dass sich ein anderer Verlag dieser Titel annimmt, sind zumindest im Moment mehr als gering. :nixweiss: Irgendwann - vielleicht nächstes Jahr - werde ich mich dann nochmal ein bisschen mehr über Brian Lumley und seine der Fantasy zuneigenden Romane und Erzählungen auslassen. Für heute war es eh schon wieder viel zu viel ... :aufgeb:

    Beware the stories you read or tell; subtly, at night, beneath the waters of consciousness, they are altering your world. (Ben Okri)

    Edited once, last by gero ().

  • Danke für den informativen Text. Band 1 der Necroscope-Reihe war 2001 meine erste Begegnung mit dem Festa Verlag. Da ich gemerkt habe, dass da ein englischer Band in zwei relativ teure deutsche Bände mit nur 160 Seiten aufgeteilt worden war, hatte ich die Reihe aber nicht weitergelesen. Das hat mein damals schmales Schüler/Studentenbudget nicht hergegeben. In Folge habe ich mich nie weiter mit Brian Lumley und seinem Werk beschäftigt, obwohl ich ja sehr gerne Horror lese. Titus Crow werde ich mir mal genauer ansehen.

  • da stellt er sich hin und schreibt was von Sword and Sorcery... Du hättest auch einfach noch den Satz spendieren dürfen: "das ist was für Elric!" :D

    Klingt echt gut, wobei ich zu den Cthullu-Sachen keinen Zugang finde... Aber okay, Brian Lumley mit Titus Crow... Dankeschön! :D

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    Der Nachteil der Intelligenz besteht darin, dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen. - George Bernhard Shaw


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  • @ Elric:


    Langsam, Höllenfürst, langsam. Wenn du mit dem Cthulhu-Mythos nichts anfangen kannst, würde ich die Finger von den Titus-Crow-Romanen lassen, denn die sind Teil des erweiterten Cthulhu-Mythos; schließlich bekommt Titus Crow es ständig mit irgendwelchen Handlangern der Großen Alten zu tun (oder auch direkt mit einem). Und Crow und sein Kumpel de Marigny sind zwar - eben im Gegensatz zu Lovecrafts Figuren - im Prinzip Actionhelden, aber mit S&S hat das weder vom Setting noch vom Feeling her was tun. Dir würde ich tatsächlich eher zu den Tales of the Primal Land raten, denn die dürften viel eher deinem Beuteschema entsprechen. (Ich kann dir den ersten Band mal leihen, wenn du die reihe antesten willst.) Da kommen zwar Cthulhu & Co auch vor, aber nicht in allen Stories (die ersten beiden Bände sind Kurzgeschichtenbände), und weil das Setting ein urzeitliches Land ist und die Helden mit Schwertern rumlaufen, "fühlen sich" selbst diese Geschichten nicht nach "Mythos" an, sondern nach "Monstergeschichten". Ich hoffe, du verstehst, was ich meine. ;)


    @ Pogo:


    Wobei ich dazusagen muss, dass es lange, lange her ist, dass ich die ersten Titus-Crow-Bände gelesen habe. Damals haben sie mir gefallen; wie das heute wäre ... :nixweiss: (Das gilt eigentlich für alle Sachen, die in den 70er, 80er oder 90er Jahren erschienen sind. Mit knapp 20 - und auch mit 30 - habe ich eh noch ganz anders gelesen als heute bzw. auf andere Dinge Wert gelegt, und außerdem ist das so lange her, dass da nur noch eher vage Erinnerungen an meine eigenen Empfindungen und die Atmosphäre, aber praktisch keine mehr an Handlungsdetails vorhanden sind. Und immer nochmal in die Bücher reinschauen, schaffe ich nicht ... oder will es gar nicht.)


    Ich könnte auch einfach sagen, Titus Crow war/ist eine meine guilty pleasures. :biggrin2:

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  • Heute, am 03. Januar, konnten gleich vier Autoren, die mehr oder weniger mit der Phantastik zu tun haben, ihren 75. Geburtstag feiern - wobei, so ganz stimmt das nicht, denn der eine - der irische Krimiautor Ken Bruen, der anscheinend auch vier phantastische Stories verfasst hat, ist am 29. März des vergangenen Jahres im Alter von 74 Jahren verstorben und konnte somit nicht mehr feiern* - und der andere ist kein anderer, sondern eine andere, nämlich die spanische Journalistin und Autorin Rosa Montero, die - neben etlichen nicht-phantastischen Romanen und Geschichten - auch sieben Romane verfasst hat, die man als SF oder phantastisch bezeichnen kann. Und da Phantastik aus Spanien auf dem deutschen Buchmarkt eher etwas Exotisches ist, kann man sich das ja mal etwas genauer anschauen.


    Rosa Montero - oder, genauer, Rosa Montero Gayo - wurde am 03. Januar 1951 in Madrid geboren und arbeitete nach ihrem Studium zunächst sehr erfolgreich als Journalistin, ehe sie 1979 mit Crónica del desamor ihren ersten Roman veröffentlichte. Mit La función Delta folgte 1981 der zweite, und danach kamen mehr oder weniger regelmäßig im Jahresabstand weitere Romane, Kurzgeschichtensammlungen oder Sachbücher auf den Markt, so dass sie zu den meistgelesenen Autorinnen Spaniens gezählt werden kann, in deren Œuvre es fast immer auch um die Stellung der Frau in der (nicht nur spanischen) Gesellschaft und die problematischen Auswüchse des Kapitalismus geht.

    Ihr erster phantastischer Text war Temblor (1990), der bereits kurz darauf unter dem Titel Zittern (1991) als Hardcover auf Deutsch erschien und zwei Nachdrucke im Taschenbuch erlebte (1995 und 2005). Zittern ist im Prinzip eine Dystopie, in der ein geheimnisvoller Nebel die Welt zu verschlingen droht und kaum noch Kinder geboren werden, während eine totalitär herrschende Priesterinnenkaste, keinerlei Veränderung des Status quo zulassen will und aus Gründen des Machterhalts die einfachen Menschen unterdrückt. Doch eine junge Frau, die zur Priesterin ausgebildet werden und zum unbedingten Gehorsam erzogen werden soll, erkennt die Ungerechtigkeiten des Systems und die Bedrohung der gesamten Welt, und sie flieht in die Wildnis. Dort trifft sie auf zwar gefährlich, aber in Freiheit lebende andere Menschen ... womit der Weg zur Revolution fast schon vorgezeichnet ist.

    Rosa Monteros nächster phantastischer Roman El nido de los sueños (1991; dt. Das Nest der Träume (1998)) ist ein kurzes Kinderbuch, in dem ein elfjähriges Mädchen Abenteuer in der selbst erdachten Phantasiewelt erlebt, während in Bella y oscura (1993) eine zwergenhafte Frau einem jungen Mädchen phantastische Geschichten erzählt (sagt die SFE).

    Historia del rey transparente (2005; dt. Die Ritterin des Königs (2008)) ist die Geschichte einer jungen Frau namens Leola, die im 12. Jahrhundert als Leibeigene auf der untersten Stufe der Gesellschaft steht und durch einen Krieg und die drohende Niederlage ihres Lehnsherrn den (dürftigen) Schutz verliert, den sie zuvor hatte. Auf einem Schlachtfeld voller toter Ritter nimmt sie einem davon seine Rüstung und legt sie selbst an, zieht fortan als Ritter durch die Lande. Was natürlich nicht allzu lange gut geht, da sie weder mit der Lanze, noch mit dem Schwert umgehen kann. Doch als sie auf Nyneve trifft, die von sich behauptet, eine Hexe zu sein und manchmal tatsächlich zu zaubern scheint, scheint sich alles zum Guten zu wenden, bis Leola einem Mann begegnet, in den sie sich verliebt ... Der Roman, der es mit der historischen Genauigkeit nicht so genau nimmt (was die Autorin im Nachwort freimütig zugibt), vermittelt dafür sehr überzeugend die mehr oder weniger rechtlose Position von Frauen in der Handlungsepoche und das damals herrschende magisch-mythische Weltverständnis, und erzählt u.a. am Beispiel der Katharer-Verfolgung recht drastisch die negativen Auswüchse einer irregeleiteten Religiosität. Bei der deutschen Leserschaft kam der Roman anscheinend nicht sonderlich gut an, was für derartige, ein bisschen zwischen den Stühlen sitzende Werke aber auch nicht ungewöhnlich ist.

    Mit Lágrimas en la lluvia (2011) und den Fortsetzungen El peso del corazón (2015) und Los tiempos del odio (2018) schuf Rosa Montera in den 2010er Jahren eine SF-Trilogie in deren Mittelpunkt die Detektivin Bruna Husky - eine Replikantin mit Verfallsdatum - steht, die sich nicht zuletzt mit der Frage nach ihrer eigenen Menschlichkeit herumschlägt. Das Ganze ist eine offensichtliche und gar nicht so uninteressant klingende Hommage an Blade Runner, die aber in Zeiten wie diesen ziemlich sicher niemals den Weg nach Deutschland finden wird (sagt auch wieder die SFE - zumindest zum Teil. ;))

    Und mehr gibt es in diesem Kontext jetzt nicht zu sagen.



    * - eine von Ken Bruens vier Kurzgeschichten dreht sich anscheinend um Zombies, woraus man im Kontext von "... Geburtstag feiern ... " einen reichlich pietätlosen Witz hätte basteln können - aber man muss ja wirklich nicht über alles oder aus allem einen Witz machen. :floet2:

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  • Von Ken Bruen wusste ich nur, dass er Krimis schreibt bzw. geschrieben hat, gelesen habe ich nie was von ihm. (Ich weiß allerdings, dass in irgendeiner Verlagsvorschau mal ein Ken Bruen angekündigt war, den ich mir imal ansehen wollte ... aber dann war entweder der Erinnerungszettel weg oder sonstwas hat nicht gepasst, auf alle Fälle habe ich meinen Plan nie in die Tat umgesetzt.) Dass er tatsächlich auch vier phantastische Stories geschrieben hat, hat mich schon überrascht.


    Über Rosa Montero - oder genauer: über Zittern bin ich gestolpert, als wir damals Den Golem, unser Jahrbuch gemacht haben, weil es da u.a. auch immer um die Frage gegangen ist, welche Titel in die Bibliographie gehören, weil sie phantastisch sind; da haben wir dann querbeet alles Mögich an- und manchmal auch durchgelesen. Und als Die Ritterin des Königs rausgekommen ist, habe ich gerade nach spanischer Fantasy gesucht (weil ich Vergleiche zu Ana María Matute und ihrem König Gudú haben wollte); der Fantasy-Gehalt der Ritterin ist aber nicht allzu groß, iirc. Ist eher die Frage, mit welchem Mindset man die Dinge betrachtet, die geschehen. Und ich hatte das Gefühl, dass es - neben Anspielungen auf einige allgemein bekannte historische oder mythische mittelalterliche Figuren - auch Anspielungen auf spezifisch spanische Figuren oder Geschichten in dem Roman gegeben hat, aber ob das tatsächlich so war und welche das dann waren, habe ich nie herausgefunden (mich allerdings auch nicht darum bemüht.) Generell habe ich ihn aber durchaus gern gelesen.

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