Kleiner Nekrolog 2024

  • Angesichts der Tatsache, dass im vergangenen Jahr etliche SF/F-Autoren und -Autorinnen (und ein paar Kreative aus dem Comicbereich) verstorben sind, und ich es außer im Fall von John Maddox Roberts nicht geschafft habe, etwas dazu zu schreiben, habe ich mich entschlossen, das in einem kleinen Nekrolog nachzuholen. Natürlich ist mir bewusst, dass Guido dankenswerterweise einen Großteil der Leute, um die es geht, hier schon erwähnt hat, aber ... erstens hätte ich das Ganze gerne etwas übersichtlicher (denn das war ja das Schöne an den Texten im Neuigkeiten-Thread - dass man auf einen oder zwei Blicke sehen konnte, wer in letzter Zeit gestorben war), und zweitens möchte ich einfach zu manchen Verstorbenen doch auch selbst etwas schreiben.


    Da es aber keinen Sinn macht, irgendwelche Texte zu teilweise vor einem Jahr verstorbenen Autoren unter "Neuigkeiten" zu bringen, wird's eben hier einen Sammelthread geben, in dem die Texte vielleicht auch manchmal ein bisschen persönlicher werden könnten als in den "offiziellen" Kommentaren, die ja vergleichsweise nüchtern und sachlich sein sollen bzw. sind.


    Ich werde hier nach und nach eine Liste der Verstorbenen posten, und den Namen dann mit dem entsprechenden Beitrag verlinken (wenn der denn mal geschrieben ist), so dass man bei Interesse zu den Texten springen kann, die einen interessieren. Und alle, die das alles nicht interessiert, brauchen die Texte ja nicht zu lesen. :biggrin2:

    Beware the stories you read or tell; subtly, at night, beneath the waters of consciousness, they are altering your world. (Ben Okri)

  • Herbie Brennan (1940-2024)


    Das Jahr 2024 hat direkt schlecht angefangen, denn gleich am 01. Januar ist der nordirische (nicht nur Fantasy-) Autor Herbie Brennan, der bereits seit einigen Jahren an der Parkinson-Krankheit gelitten hatte, im Alter von 83 Jahren gestorben.

    Der am 05. Juli 1940 in Gilford in Nordirland geborene James Herbert Brennan, der seine Romane zumeist als J.H. Brennan oder Herbie Brennan veröffentlicht hat, hat anfangs als Journalist gearbeitet. Sein erstes Buch Astral Doorways: Techniques for Experiencing the Boundless Possibilities of the Astral Plane (1980; dt. Astral-Projektion. Anleitung zu ausserkörperlichen Erfahrungen (1991)) war ebenso wie gut drei Dutzend andere, die noch folgen sollten, seinem im Jugendalter erwachten und nie erlahmenden Interesse an Spritualität und Paranormalität geschuldet. Die Bekanntschaft mit Dungeons & Dragons erweckte sein Interesse an Rollenspielen, was u.a. dazu führte, dass er mit Arena ein eigenes Rollenspiel entwickelte und Abenteuerspielbücher wie z.B. Grail Quest (sechs Bände, 1984-86) schrieb. Ebenso wie "richtige" phantastische Romane, vorzugsweise für Kinder und Jugendliche. Und einige von diesen phantastischen Romanen haben es – neben drei, vier weiteren Bücher mit spirituellen Themen – auch nach Deutschland geschafft.

    Den Anfang machten die Kinderbücher Zartog aus dem All (2001; OT: Zartog's Remote (2000)) und Elfenquatsch (2003; OT: Fairy Nuff (2002)), doch so richtig erfolgreich sollten erst die Bücher werden, die auch in der anglophonen Welt Brennans größte Erfolge waren: Die 2003 mit dem Roman Faerie Wars – der auch als Zyklustitel herhalten durfte – begonnene fünfbändige Jugendbuchserie, die mit The Purple Emperor (2004), Ruler of the Realm (2006), Faerie Lord (2008) und The Faeman Quest (2011) fortgesetzt wurde, und die hierzulande (ohne Serientitel) mit den Einzeltiteln Das Elfenportal (2003), Der Purpurkaiser (2005), Der Elfenpakt (2006), Der Elfenlord (2007) und Der Elfenthron (2012) erschienen ist. Zumindest die ersten zwei oder drei Bände erlebten mehrere Auflagen und waren zusammen mit Jean-Louis Fetjaines etwas anderer Artus-Trilogie und den Thursday-Next-Romanen von Jasper Fforde so ziemlich die ersten Versuche von dtv, Fantasy in der Allgemeinen Reihe zu bringen.

    Mir persönlich waren die Faerie Wars, in denen es – nomen es omen – um Kriege zwischen den Elfen des Lichts und den Elfen der Nacht geht, in die Erdenmenschen wie der junge Henry (die Hauptfigur) oder der schrullige Mr. Fogarty (der an UFOs und Elfen glaubt und dem Henry im Haushalt hilft) hineingezogen werden, beim Reinlesen zu jugendbuchig und leichtgewichtig, aber sie haben anscheinend auch in Deutschland ihr Lesepublikum gefunden.

    Generell war Herbie Brennan mit 116 veröffentlichten Büchern, die sich insgesamt über zehn Millionen Mal verkauft haben, ein durchaus erfolgreicher Autor, dessen Bekanntheitsgrad seinem Erfolg nicht unbedingt entsprochen hat. Für mich war er vor allem der "Geburtshelfer" eines der … sagen wir schrägsten und skurrilsten Romane, die die Fantasy je hervorgebracht hat, und der ihm konsequenterweise auch gewidmet ist.







    Argl. Nein, keine Sorge, so lang wird das nicht immer werden. Aber da ich im Blog sicher nichts mehr zu Herbie Brennan schreiben werde, wollte ich das Ganze dann doch nicht zu knapp machen. Die nächsten Kandidaten werden einfacher, weil sie entweder mangels Masse / Bedeutung kurz abzuhandeln sind oder weil sie aufgrund ihrer Bedeutung (oder meiner persönlichen Vorlieben) irgendwann einen Blogbeitrag kriegen werden.

    Beware the stories you read or tell; subtly, at night, beneath the waters of consciousness, they are altering your world. (Ben Okri)

  • David J. Skal (1952-2024)


    Ebenfalls bereits am 01. Januar ist der amerikanische Kulturhistoriker, Kritiker, Schriftsteller und Kommentator David J. Skal im Alter von 71 Jahren einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen.

    Der am 21. Juni 1952 in Garfield Heights im US-Bundesstaat Ohio geborene David John Skal studierte Journalismus an der Ohio University und arbeitete dort als Redaktionsassistent und Filmkritiker für die College-Zeitung. Wenn man denn wollte, könnte man vor allem Letzteres als ersten Hinweis auf das sehen, womit Skal sich ab ab den 90er Jahren einen Namen gemacht hat: mit Forschungen und Büchern zu Horrorfilmen und Horrorliteratur (wobei es da u.a. um die Frage geht, inwieweit sich in Horrorfilmen die kulturellen Krisen ihrer Entstehungszeit wiederfinden lassen). Doch ehe er mit Hollywood Gothic: The Tangled Web of Dracula from Novel to Stage to Screen (1990) seine Karriere als Sachbuchautor begonnen hat – in der sich u.a. Titel wie The Monster Show: A Cultural History of Horror (1993), Screams of Reason: Mad Science in Modern Culture (1998) oder auch Something in the Blood: The Untold Story of Bram Stoker, the Man Who Wrote Dracula (2016, eine Bram-Stoker Biographie) finden lassen –, hat er SF geschrieben, zunächst in Form von Kurzgeschichten (insgesamt acht zwischen 1971 und 1976), und dann auch in Form dreier Romane, von denen es zwei tatsächlich nach Deutschland geschafft haben.

    Bei einem genaueren Blick auf Scavengers (1980), When We Were Good (1981; Perfekte Geschöpfe (1995)) – die titelgebenden perfekten Geschöpfe sind mittels Gentechnik geschaffene Hermaphroditen, die iirc die letzte Hoffnung der Menschheit in einer steril gewordenen Welt darstellen – und Antibodies (1988; dt. Anti-Körper (1990)) – so etwas wie Bodyhorror im Kalifornien der 80er Jahre im SF-Gewand – wird allerdings schnell klar, warum man sich an David J. Skal nicht als SF-Autor, sondern als Sachbuchautor mit interessanten Thesen zum Horror in Film und Literatur erinnern wird. Natürlich vor allem in der englischsprachigen Welt, denn von seinen Sachbüchern ist keines ins Deutsche übersetzt worden.

    Beware the stories you read or tell; subtly, at night, beneath the waters of consciousness, they are altering your world. (Ben Okri)

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