Neue Buchgedanken

  • @ Vertigo:


    Uff. Ich muss ... nachdenken. Oder, anders ausgedrückt: Ich bin jetzt doch mehr als ein bisschen irritiert. Und ich frage mich, was ich da Anfang der 90er Jahre eigentlich gelesen habe. Ich war und bin ja nicht der Einzige, für den Hyperion - oder der ganze Hyperion Cantos - sozusagen die Benchmark für die moderne Space Opera darstellt (ich meine, lies dir einfach mal John Clutes fast schon hymnische Besprechung in der Encyclopedia of Science Fiction durch). Aber ich kann auch nicht bestreiten, dass das, was du da teilweise zitierst, alles andere als ein gutes Licht auf Dan Simmons wirft.


    Okay, es hilft alles nichts. Ich werde mir Hyperion und The Fall of Hyperion irgendwann in den nächsten Monaten/im nächsten Jahr nochmal durchlesen, und dieses Mal auf Englisch. Und wenn sich dann herausstellt - was ich mehr oder weniger vermute -, dass die zitierten Szenen auch so im Original vorhanden sind, dann ... tja, dann werde ich den Hyperion Cantos zwar deswegen nicht verbrennen oder in die Mülltonne werfen, aber ich werde ihn zumindest als "flawed masterpiece" ablegen.


    Dass Menschen wie ich vor mehr als dreißig Jahren noch anders gelesen bzw. über manche Dinge einfach weggelesen haben, will und kann ich nicht bestreiten. Das war wahrscheinlich tatsächlich so, vor allem, wenn man bedenkt, dass Dan Simmons seinen Roman (oder seine Romane, wenn man Endymion und The Rise of Endymion noch mit dazunimmt) mit einem nahezu perfekten worldbuilding ausgestattet hat, das es möglicherweise leicht gemacht hat, über die oben genannten Inhalte "wegzulesen". Und mir ist auch klar, dass du heutzutage all das ganz anders liest. Aber das ist keine Entschuldigung, kann keine sein, und bringt mein Weltbild - mein Weltbild in Bezug auf die SF, heißt das - im Moment gerade gehörig ins Wanken.


    :nixweiss: :zweifel:

    Beware the stories you read or tell; subtly, at night, beneath the waters of consciousness, they are altering your world. (Ben Okri)

  • Ich möchte an der Stelle auch gar nicht abstreiten, dass Hyperion und Der Sturz von Hyperion (gerne auch zusammen mit Endymion etc.) in ihrer Zeit sicher wegweisend gewesen sind. Dem, was John Clutes schreibt, habe ich nichts entgegen zu setzen und rein aus der Perspektive der Welt, die dort erschaffen wird, kann ich die Faszination vollkommen nachvollziehen. Neben den von mir angesprochenen Störfaktoren musste es schließlich einen Teil geben, der mich dabei gehalten hat, anderenfalls würde sich das doch ganz schön ziehen. Ich möchte an der Stelle auch noch gar keine Vorschusslorbeeren verteilen, habe allerdings ein paar Seiten in Der Sturz von Hyperion reingelesen und muss sagen, dass mir der Teil - soweit ich ihn denn bisher gelesen habe (Keats 2.0 wurde gerade wieder aus Hyperion ausgeschifft) - deutlich mehr zugesagt hat. Einerseits gefällt mir die Struktur, dass der Leser mit Betreten der Zeitgräber nunmehr ausgeschlossen und die Kommunikation auf ein rein passives Traum-Erleben reduziert ist, während wir nun vielmehr von außen erfahren, was vorher durch den Blickwinkel der Reisegruppe eingeschränkt war. Das ist alles wunderbar und macht richtig Spaß, außerdem habe ich bisher das Gefühl - um noch etwas weiter in dem Fass zu rühren -, dass sich der Autor dort ein bisschen mit den im vorherigen Beitrag benannten Auswüchsen zusammengerissen hat. Es ist zwar ein bisschen schade, dass man auf einen fragwürdigen Minimalkonsens zurückfallen muss, dass zur Beschreibung einer Frau nun einmal vorwiegend die Brüste dazugehören, das hat sich bis heute ja wunderbar in der Literatur gehalten, aber immerhin lässt sich das an dem besonderen Beispiel rein theoretisch sogar noch im Sinne der Geschichte schönreden.

    Gerade vor dem Hintergrund dessen, was im Spoiler steht, bleibt bei mir aber erst recht eine gewisse Unschlüssigkeit stehen. Sind beide Beispiele bewusste Entscheidungen oder ist das im Spoiler angeführte Beispiel jetzt einfach ein positiver(er) Ausrutscher? Zum jetzigen Zeitpunkt werde ich Der Sturz von Hyperion jedenfalls noch zu Ende lesen und bin verhalten optimistisch(er) gestimmt, dass die negativen Ausreißer sich in überschaubaren Grenzen halten werden.


    Vor dem ganzen zuvor geschriebenen finde ich es so oder so einfach bedauerlich, dass ein Autor wie Dan Simmons sich so eine Geschichte erdenken kann, dann aber nicht an den Punkt kommt, gewisse Vorstellungen - meinetwegen auch der Zeit - über Bord zu werfen und gleich zu einem Rundumschlag auszuholen. Aber das scheint ohnehin ein generelles Problem innerhalb von Fantasy und Science Fiction zu sein, dass man sich alle möglichen anderen Welten und Zukünfte erdenken kann, dass es aber grundsätzlich ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint, diese Welt, wenn man sie ohnehin neu erfindet, mit etwas anderem zu füllen als dem, was man bei uns zur Genüge kennt. Wobei ich auch hier zugebe, dass mir so ein internalisierter Müll schon fast lieber ist als die Feigenblatt-Behandlung die das Thema durch manche Autoren erfährt. Vor ein paar Monaten habe ich in der Hörbuchsektion einmal größer im Bereich der Military Science-Fiction gewütet und Hut ab, was dort regelmäßig an Truppen männlicher und weiblicher Besetzung auftritt, wobei es unumgänglich ist, dass sich alle Personen in bester Starship-Trooper-Manier eine Dusche teilen und das zur absoluten Fleischbeschau durch die männlichen Darsteller kommt, die nicht müde werden zu erwähnen, was sie mit den Frauen denn so machen würden, sich das aber niemals trauen würde, da die Frauen sich sehr gut verteidigen können und überhaupt, eigentlich sind sie ja auch im Geiste Geschwister und würden die Frauen der Truppe immer verteidigen und das die Frauen sich dabei lasziv in alle Richtungen beugen ... wenn man jetzt noch kein Bild vor Augen hat (wer ernsthaft Titel genannt haben möchte, mag mich darauf festnageln, ich werde dann einmal schauen, ob ich da noch einen wiederfinde. Ich der Hinsicht kann ich aber nichts versprechen). Lange Ausschweifung kurzer Sinn, die Darstellung von Dan Simmons wird dadurch zwar nicht besser, aber ihm kann man immerhin zu Gute halten, dass er die Geschichten zu einer Zeit geschrieben hat, in der die Themen tatsächlich noch nicht die Öffentlichkeit erfahren haben.


    Solltest du also irgendwann einmal dazu kommen, die Titel noch einmal im Original zu lesen, wäre ich durchaus gespannt, was du aus Perspektive der Übersetzung dazu zu sagen hättest. Denn auch wenn ich jetzt mal davon ausgehe, dass das inhaltlich in etwa stimmen dürfte, kommt es in dem Bereich ja auch zu manch interessanten Auswüchsen.

  • The Price of Fear von Miley Lyon


    The Price of Fear spielt in einer Welt, in der es das von einem Kaiser regierte Imperium von Inath gibt und das nördliche Königreich (The North), in dem der König verschiedenen Stämme vereint hat. Zwischen den beiden Reichen herrschte lange Krieg, aktuell aber ein Waffenstilstand, der brüchig ist, wie sich schnell herausstellt, da es Fraktionen gibt, die zunächst im Verborgenen intrigieren, um einen neuen Krieg vom Zaun zu brechen.


    Das Imperium von Inath ist technisch eher fortschrittlich, mit Kanonen und Hochhäusern (?) und einer halbwegs modernen Gesellschaft, während der Norden eher der Zeit kurz nach dem Mittelalter ähnelt. Die Stärke des Nordens sind die sogenannten Gottlosen (Godless), Menschen, von denen jeder einen bestimmten Gegenstand besitzt, der dem Träger eine besondere Fähigkeit verleiht, die Magie ähnelt (aber eher an die X-Men erinnert), doch auch ihren Preis fordert. Sie werden Magier (Mages) genannt werden. Mit diesen Kräften können sie verschiedene Dinge anstellen. Jeder der Gottlosen hat auch noch einen Beinamen, der auf diese Fähigkeit anspielt.


    Unsere Hauptfigur Azrael the Wretched ist einer davon. Seine Waffe sind zwei Dolche (The Wretched), die sich von Angst ernähren, Verzweiflung sähen und irgendwie Laserstrahlen abschießen (so ganz hat sich mir das nicht erschlossen, könnte aber auch absichtlich vage sein). Azrael sitzt zu Beginn der Geschichte im Kerker des Imperiums, weil er den Thronfolger umgebracht hat. Verhörexpertin Anamira Lestrade (mit dem Titel Memory of Crime) soll herausbekommen, wer hinter dem Attentat steckt. Dafür bleiben ihr nur sechs Stunden Zeit, bis zu Azraels Hinrichtung, ansonsten verliert sie selbst ihr Leben.


    Und so erzählt Azrael ihr aus der Ich-Perspektive davon, wie er einen anderen Gottlosen als Verräter gejagt und getötet hat, so herausfand, dass ein totgeglaubter, sehr mächtiger Gottloser noch lebt, zum Feind übergelaufen ist …


    Wie man sieht, originell ist die Geschichte nicht, und auch nicht wirklich komplex. So viel passiert gar nicht auf den knapp 500 Seiten. Das könnte auch alles gut in einen Film passen. So hat es der Autor vermutlich auch konstruiert, mit Filmen wie Deadpool als Vorbild.


    Was das Buch herausstechen lässt, ist die Art wie es erzählt wird. Wir haben hier eine Grimdark-Welt mit einem Hardboiled-Erzählton in kurzen, prägnanten Sätzen wie z. B. bei Glenn Cocks Black Company. Dazu aber Humor wie in den Deadpool-Filmen, vor allem durch den erzählenden Protagonisten, der gerne unter die Gürtellinie geht und Pegging-Witze macht. Dazu das Erzählkonstrukt mit einer Verhörsituation aus Büchern wie Das Reich der Vampire von Jay Kristoff oder Das Lied des Raben von Anthony Ryan. Wenn auch nicht ganz auf deren Niveau. Da legt der Autor hier andere Prioritäten. Er bedient sich aber auch gerne mal bei Sitcoms wie How I Met Your Mother, wenn er über eine halbe Seite eine Szene erzählt und dann meint, so hätte es eigentlich ablaufen sollen, tatsächlich passierte aber das … oder beschreibt wie in Guy Ritchies Sherlock Holmes im Voraus, wie er gleich seine Gegner ausschalten wird. In der Mischung kommt das abwechslungsreich und erfrischend rüber.


    Das hört sich jetzt alles an, als wäre es eher eine oberflächliche von Action geprägte Geschichte, und es gibt auch knallharte, detailliert beschriebene spektakuläre Actionszenen, aber nicht in der Fülle, wie man es vielleicht erwarten würde. In der ersten Buchhälfte gibt es nur zwei kurze Kämpfe. Das ist so eine Cool-Guys-don’t-look-at-Explosions-Geschichte, in der nicht wirklich etwas explodiert, außer ein paar Körper, aber nichts, was Michael Bay in Schnappatmung versetzen würde. Der Fokus liegt tatsächlich auf Introspektion der Hauptfigur. Deren Sinnieren und Philosophieren über die Situationen, in der sie sich befindet, nimmt viel Raum ein und hat durchaus Tiefgang. Dazu kommt die Wichtigkeit der Beziehungsverhältnisse, der Figuren untereinander.


    Fast alle Verbündete und Gegner haben eine Vergangenheit mit unserem Protagonisten Azrael. Sie gehören fast alle zu den Godless und waren mit ihm auf einer Akademie. Es gibt auch Rückblenden zu früheren Schlachten, wo sie noch Seite an Seiten gekämpft haben und Freunde waren. Der Autor nimmt sich Zeit, die Nebenfiguren auszubauen und zu charakterisieren.


    Der Weltenbau hingegen bleibt ziemlich rudimentär. Es gibt eben die zwei Reiche, die Krieg miteinander führen; es ist eine Welt voller Krimineller und Killerbanden fast wie bei John Wick. Das war es aber auch. Und das reicht auch. Vielen aktuellen Romantasy- und Young-Adult-Romanen würde ich einen so dürftigen Weltenbau ankreiden, aber für die Geschichte, die hier erzählt wird, funktioniert es hervorragend.


    Ich muss aber auch sagen: das letzte I-Tüpfelchen fehlt noch. Das besondere an The Price of Fear ist vielleicht dieser Deadpool-Humor-Erzählton des abgebrühten Protagonisten. Die Geschichte selbst ist aber relativ vorhersehbar.


    Mir hat das Buch trotzdem Spaß gemacht, auch wenn die Innenansichten des Protagonisten im Vergleich zur Action manchmal etwas zu viel Raum eingenommen haben. Da stimmt die Balance noch nicht ganz. Der Humor ist Geschmackssache. Sprachlich finde ich den Roman toll geschrieben, die Fähigkeiten der Godless originell umgesetzt.

  • so, und damit wandert das Buch sicher auf meine Wunschloste, das klingt hervorragend!

    Deadpool-Humor und Black Company... was will ich mehr!? :D

    If you fuck the bad guy, remember the bad guy's gonna fuck you back! (Caine)


    Der Nachteil der Intelligenz besteht darin, dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen. - George Bernhard Shaw


    Michael Moorcock - Mutter London

  • Ich habe eben auch ein Buch beendet: the tyrant Baru Cormorant

    Ich bin noch immer fasziniert von der Geschichte und muss ehrlich zugeben, dass ich sie noch immer nicht ganz einschätzen kann.

    Der erste Band war extrem spannend geschrieben, hatte aber eigentlich keine Fantasy-Elemente zu bieten. Der zweite Teil war mir etwas zu trist und "mießepetrig", da Baru sehr lange braucht um sich von den Geschehnissen im ersten Band zu erholen. Das ist alles nachvollziehbar, hat mir aber nicht so gut gefallen. Der dritte Band dagegen ist überragend! Ich habe ihn quasi verschlungen nur um im Nachwort zu erfahren, dass es noch einen Teil geben soll!

    Die ganze Story dreht sich um Baru, eine junge Frau, die vom Imperium der Masken (the masquerade) von klein auf indoktriniert wurde und ein Experiment eines der beiden Lenker dieses Imperiums ist. Der Weg bis hin zur Realisierung Barus, was ihr alles angetan wurde, ist unglaublich toll geschrieben, die Figuren, die sie auf ihrem Weg begleiten, sind super nachvollziehbar, die Ideen hinter dem Imperium stellenweise sehr beunruhigend und schockierend aktuell...

    Ich habe keine Idee, wie die Geschichte enden soll bzw. kann, es sind wirklich alle Richtungen möglich. Auch eine Sache, die mir besonders gut gefällt!

    Ein Buch, bei dem man mit leidet bzw. sich mit freut. Wirklich überragend gut geschrieben. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an Gerd für die Empfehlung!

    If you fuck the bad guy, remember the bad guy's gonna fuck you back! (Caine)


    Der Nachteil der Intelligenz besteht darin, dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen. - George Bernhard Shaw


    Michael Moorcock - Mutter London

  • Um das Thema Die Hyperion-Gesänge abzuschließen - nicht, dass das jetzt besonders überraschend wäre -, strukturell und storytechnisch hat mir der zweite Teil deutlich besser gefallen als der erste, zum Ende raus hat sich das Buch allerdings ganz schön gezogen. Das hätte man meines Erachtens nach in Gänze gut um ein Drittel kürzen können, ohne dass besonders viel der Geschichte liegen geblieben wäre. Endymion werde ich Stand jetzt tatsächlich nicht mehr angehen. Bleibt von Dan Simmons nur noch Der Berg, der mich ernsthaft interessiert.

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