Ach, den Thread gibt's ja auch noch.
(Mal ernsthaft, ich hatte einige Kandidaten, die ich in diesem Thread eigentlich vorstellen bzw. auf die ich hinweisen wollte. Dummerweise ist es in den letzten sechs Monaten jeweils bei der Absicht, es zu tun, geblieben - und jetzt sind sie nicht mehr aktuell.
)
So ganz aktuell ist das Buch, um das es jetzt gehen wird, auch nicht - es ist am 14. April 2025 erschienen - aber wir wollen ja nicht päpstlicher als der Papst sein ... oder so. Und außerdem hier irgendwie einen Neustart hinlegen.
Okay, here we go ...
Im April ist bei Suhrkamp Die blutige Kammer: Erzählungen von Angela Carter erschienen. Bei dem Titel - der Übersetzung von The Bloody Chamber (1979), einer Kurzgeschichtensammlung, die hierzulande erstmals (und zum einzigen Mal) in den 1980er Jahren unter dem Titel Blaubarts Zimmer* als HC und TB veröffentlicht wurde - handelt es sich nicht um eine einfache Neuausgabe, sondern um eine Neuübersetzung mit Illustrationen und einem Nachwort.
Das Buch, das der Verlag zB bei Amazon so anpreist
QuoteDas Kultbuch von der Godmother der feministischen (Horror-)Literatur
Väter, Bestien, Werwölfe – die Frauen in Märchen haben seit jeher kein einfaches Los. In Angela Carters Kult-Nachdichtungen von etwa Blaubart, Der gestiefelte Kater oder Die Schöne und das Biest wird die traditionelle Rollenverteilung nicht nur umgekehrt, sondern in die Luft gejagt. Hier werden Frauen zu Tigerbräuten und Schöne zu Biestern, Erlkönige mit dem eigenen Haar erwürgt und Werwolfsgroßmütter von ihren Enkelinnen erledigt. Die Antiheldinnen und Heldinnen dieser Märchen sinnen in gleichem Maße auf Rache, wie sie nach Liebe streben.
Angela Carter ist die Godmother der feministischen (Horror-)Literatur. Ihre abgründig-erotischen Neuerzählungen von Märchen bestechen auch mehr als fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen mit unvermittelter Wucht.
und dessen letzte Taschenbuchauflage aus dem Jahr 1987 stammt (was immerhin fast 40 Jahre her ist), hat eine neue Ausgabe mMn durchaus verdient. Die enthaltenen Kurzgeschichten - im Prinzip gegen den Strich gebürstete und die im Ausgangsmaterial unterschwellig enthaltene Erotik und/oder Sexualität deutlicher ins Blickfeld rückende Märchen - gelten als gut geeigneter Einstieg in das Werk der im Jahr 1992 verstorbenen englischen Autorin, deren Werke (von denen es The Infernal Desire Machines of Doctor Hoffman als Die infernalischen Traummaschinen des Doktor Hoffman überraschenderweise auf unsere Liste der 100 besten Fantasybücher geschafft hat) ein recht breites Spektrum abdecken, aber sicher nicht typisch für das jeweilige Genre sind, in dem man sie verortet. Es wäre zu hoffen, dass Die blutige Kammer nur ein Anfang ist und auch noch ein paar andere, längst vergriffene Werke Carters gelegentlich wieder neu aufgelegt werden.
* - hier haben wir mal wieder ein kleines Beispiel für die beliebten oddities of publishing, die häufig nichts als Fragezeichen über den Köpfen der Nicht-Eingeweihten erzeugen: bei der HC-Ausgabe von Rowohlt aus dem Jahr 1982 lautet der vollständige Titel Blaubarts Zimmer: Märchen aus der Zwischenwelt, bei den rororo-TB-Ausgaben von 1985 und '87 hingegen Blaubarts Zimmer: Märchen für Erwachsene. Tja ...