Ah ja, manche Probleme lösen sich von ganz allein.
Wobei "Problem" nicht die richtige Bezeichnung bzw. ein viel zu großes Wort ist, denn eigentlich ging es nur um die Frage, in welchem Thread ich das Nachfolgende posten soll bzw. will. Ich weiß nämlich schon seit einiger Zeit von dem Buch, um das es hier gleich gehen wird, aber im Vorschauen-Thread erschien mir das ein bisschen unpassend (weil wir da ja eher Programmvorschauen von Verlagen verlinken, die eine phantastische Reihe im Programm bzw. einen eigenen phantastischen Imprint haben - sprich: die sozusagen standardmäßig SF/Fantasy/Phantastik bringen - und das ist hier nicht der Fall; außerdem haben mir noch ein paar Infos gefehlt), und in diesem Thread soll es ja um aktuelle (!) Neuerscheinungen gehen und nicht um Titel, die erst in zwei, drei, vier Monaten erscheinen (obwohl da Ausnahmen denkbar sind - über eine denke ich gerade ernsthaft nach).
Jedenfalls habe ich die Beantwortung dieser Frage so lange erfolgreich vor mir hergeschoben, dass das Buch mittlerweile erschienen ist und der entsprechende Hinweis damit auch in diesen Thread passt. Ganz schön viel Vorrede, gelle? Vor allem, wenn man bedenkt, dass es um ein ... sagen wir sehr spezielles Buch geht, bei dem ich mir sehr gut vorstellen kann, dass es viele Forumosen überhaupt nicht interessieren wird. Erstens, weil's keine Fantasy ist, zweitens, weil's zwar irgendwie SF ist (aber sicher keine typische Genre-SF) und drittens, weil es eben sehr speziell ist. Je, nu ... es ist, wie's ist. ![]()
Und worum geht es jetzt? Na, darum:
Ende Oktober ist bei Matthes & Seitz der Roman Die Flüchtigen (OT: Les Furtifs) von Alain Damasio erschienen, den der Verlag so präsentiert:
QuoteEin atemberaubender Roman, der alle Kategorien sprengt! Über 250 000 verkaufte Exemplare in Frankreich.
Sahar und Lorca führen mit ihrer Tochter Tishka ein glückliches Familienleben. Als Tishkas Bett eines Morgens leer ist, obwohl alle Fenster und Türen fest verschlossen sind, verändert sich alles. Während Sahar sich zurückzieht und zunächst an eine Entführung glaubt, geht Lorca einer urbanen Legende nach: Er vermutet, dass Tishka bei den sogenannten Flüchtigen ist, Wesen, die angeblich unerkannt in den toten Winkeln unserer Wahrnehmung leben. Als merkwürdige Symbole an der Wand ihres Kinderzimmers erscheinen, steht fest: Tishka lebt, und sie versucht, zu kommunizieren. Gemeinsam mit Freunden und Weggefährten versuchen Sahar und Lorca Kontakt aufzunehmen, und dringen in eine fremdartige Welt vor, die sich immer dort befindet, wohin wir gerade nicht schauen. Doch je näher sie ihrer Tochter kommen, desto größer wird das öffentliche Interesse an dem Fall, denn bald wird klar, dass die Flüchtigen die Fähigkeit haben, vermeintliche Notwendigkeiten radikal umzudeuten. Tishka wird zur meistgesuchten Person des Landes. Ob sie überhaupt noch eine Person ist oder schon etwas ganz anderes, ist nicht klar.
Alain Damasio zeigt einen vom Lobbyismus geprägten Kapitalismus im Endstadium: Überwacht werden wir nicht, um unterdrückt zu werden, sondern damit man uns Dinge verkaufen kann, die uns das Leben in der Überwachung erträglicher machen. Allein die Flüchtigen weisen den Weg aus dem Konsumzwang. Ihre Wandel- und Formbarkeit bildet sich in der Typografie ab, hinter der der Text immer mehr zum Rätsel wird.
Als ich mitbekommen habe, dass dieser Roman erscheinen wird, hat mich das aus zwei Gründen fasziniert: Erstens, weil Damasio da eine Idee aufgreift, die ich so ähnlich vor vielen Jahren selbst schon mal hatte (und die immer noch in meinem Ideen-und-Konzepte-Ordner drin ist, allerdings bei mir ohne die ausgeprägte politische Komponente, die für einen Teil der französischen SF wiederum typisch ist), vor allem aber, weil damit erstmals ein Roman eines Autors auf Deutsch erscheinen wird, der in seinem Heimatland mit nur zwei Romanen zum Kultautor geworden ist. Auch wenn man sich zum Auftakt den - nach allem, was ich über die drei Romane weiß, denn ich kenne keinen davon (für einen Autor wie Damasio reicht mein Französisch noch nicht einmal annähernd aus) - vielleicht schwierigsten oder anspruchsvollsten seiner Romane ausgesucht hat, nährt das die Hoffnung (gerade bei einem engagierten, konzernunabhängigen Verlag wie Matthes & Seitz), dass man mit dem Autor vielleicht weitermacht. (Und ja, dies vorweg, diese Hoffnung wird sich wohl erfüllen.)
Ich habe da oben "den vielleicht schwierigsten und anspruchsvollsten seiner Romane" geschrieben, was angesichts der Tatsache, dass ich Die Flüchtigen selbst noch nicht gelesen habe (mein Exemplar liegt noch in der Buchhandlung), vielleicht ein bisschen merkwürdig klingt. Doch ich weiß immerhin einiges über den Roman, denn ich habe das Journal der Übersetzerin Milena Adam zur Übersetzung gelesen, in dem sie auf die spezifischen Probleme dieser speziellen Übersetzung eingeht, und dabei wird deutlich, dass dieser Roman unseren - zumindest was Leute angeht, die primär Genreliteratur lesen - von der angloamerikanischen Unterhaltungsliteratur geprägten Leseerfahrungen und -erwartungen ziemlich zuwiderläuft. Statt das jetzt weiter auszuführen, verweise ich einfach auf den obigen Link, denn Milena Adams Übersetzerjournal ist mehr als lesenswert, wenn man sich auch nur ein klitzekleines Bisschen fürs Schreiben oder Übersetzen interessiert. By the way ... als jemand, der selbst übersetzt und der sich bei im (englischen) Original gelesenen stilistisch oder erzählerisch etwas anspruchsvolleren Sachen (wie etwa Brian Catlings The Vorrh oder Ada Palmers Too Like the Lightning oder manchen Kurzgeschichten bzw. Erzählungen von allen möglichen Autoren und Autorinnen) immer mal wieder fragt, wie ich das übersetzen würde, kann ich vor der übersetzerischen Leistung von Milena Adam nur meinen imaginären Hut ziehen, obwohl ich allenfalls erahnen kann, wie intellektuell, kreativ und empathisch fordernd diese Übersetzung gewesen sein muss.
Für alle, die Die Flüchtigen jetzt irgendwie spannend und interessant finden (hey, ich bezweifle, dass wir in Deutschland 250.000 Leser und Leserinnen hinkriegen, aber wenn dieses Buch sang- und klanglos unterginge, wäre das doch ein Armutszeugnis für das "Land der Dichter und Denker", oder?
), habe ich noch einen Link. Alain Damasio war nämlich im September zu Gast beim Internationalen Literaturfestival Berlin und ist im Rahmen dieser Veranstaltung von seiner Übersetzerin interviewt worden (und außerdem werden zwei Passagen aus dem Buch vorgelesen, die zumindest mir sehr viel Lust auf das Buch machen). Dieses Interview ist auf Youtube zu finden, und zwar hier.
In dem Interview geht Alain Damasio auch kurz auf seinen zweiten Roman La Horde du Contrevent ein, der wiederum der Hauptgrund ist, warum ich auf den Autor überhaupt aufmerksam geworden bin. (Als ich in den 00er Jahren von dem Roman gehört habe, hat mich das, was ich mitbekommen habe - ich habe versucht, ihn zu lesen, aber wie gesagt, für jemanden wie Damasio reicht mein Französisch nicht -, so fasziniert, dass ich ihn zwei deutschen Verlagen vorgeschlagen habe (wobei der Vorschlag natürlich mit soviel Hintergrundinfos wie möglich garniert war). Der Verlag mit Genrereihe hat den Roman zumindest begutachten und dann die Finger davon gelassen - was ich durchaus verstehen kann. Der Verlag, der nur gelegentlich mal was Phantastisches macht bzw. damals gemacht hat, hat auf meine Mail niemals geantwortet.) Ich habe mir immer gewünscht, diesen Roman irgendwann einmal in irgendeiner Form lesen zu können - vielleicht auf Englisch (denn angeblich existiert eine - allerdings unveröffentliche - englische Übersetzung), oder vielleicht doch auf Französisch (wenn ich's denn schaffe, mein angerostetes Französisch wieder aufzupolieren, was natürlich mühsam wäre). Immerhin gibt es inzwischen eine Comicadaption (iirc sollten es ursprünglich drei Alben werden, aber mittlerweile ist in Frankreich das dritte Album erschienen, und die Serie steht weiter als "en cours" in der Bedetheque), die auch den Weg nach Deutschland gefunden hat: Die Horde des Windes. Allerdings geht in dieser Adaption die spezielle Art, wie der Roman erzählt wird, ein bisschen verloren. Und daher freut es mich umso mehr, dass in absehbarer Zukunft tatsächlich die Übersetzung von La Horde du Contrevent bei Matthes & Seitz erscheinen wird. Und spätestens dann werde ich euch nochmal nerven ... ![]()