Schwedenfreizeit

  • Nein, dies ist keine Fantasy, es ist autobiographisch. Gehört vielleicht nicht wirklich hier her, dann wird's eben wieder gelöscht. Für mich fühlt es sich gerade richtig an zu teilen, mit denen die es hier lesen mögen. Warnung: Nichts für gute Laune!


    Brief an die Eltern:

    Liebe M., Lieber S., (Mama und Papa hab ich nie gesagt solang ich mich erinnere)


    ich kann gerade, morgens um halb fünf nicht mehr einschlafen, da ich in Gedanken schon mal diesen Brief geschrieben habe. Ich kann nicht versprechen, dass der Brief frei ist von Vorwürfen, denn bei dem Thema bin ich nicht frei davon, vor allem, dass es bei all Euren Streitereien früher, für mich keinen Vertrauensraum gab Euch so etwas zu erzählen, dafür zwei Jahre später „gewaltsames zum Arzt schleifen“ wegen meiner Depression.
    Es beschäftigt mich, weil ich gestern Abend hier in der Sauna Dinge von der Schwedenfreizeit erzählt habe, die ich Euch nie erzählte. Woher kommt das?
    Ich hatte Angst Euch von der Brille zu erzählen, die ich „verlor“, die irgendwo auf einer Insel im Wald heruntergefallen ist, als ich mit Klebeband gefesselt durch den Wald getragen wurde. Das „mit Klebeband fesseln“ war da schon in Mode gekommen.
    Begonnen hat es damit, dass mehrere Jungs und auch ein Mädchen von der fieseren Sorte ins Bad eingebrochen sind (mit dem Schraubendreher) während ich duschte, den Vorhang weggezogen und mich gefilmt haben dabei. Der Älteste von denen hatte eine Videokamera.
    Das wurde dann herumgezeigt und sich darüber lustig gemacht wie klein mein Schwanz sei.
    Auch die Betreuer haben es sich angeguckt, fanden es wohl ganz lustig und dass mein Penis wirklich recht klein sei und reagierten nicht auf meine Bitte das Tape zu konfiszieren. Später wurde ich dann mit Klebeband gefesselt und ausgezogen, das Ganze wieder auf Video aufgenommen, auch mal gefesselt am Rand in den See geworfen.
    Ausgeliefert sein beschreibt es wohl ganz gut, diese Erfahrung durfte ich in Schweden auskosten.
    Hättet ihr mich aufgeklärt, hätte es einen Raum gegeben für mich, mit Euch über intime Dinge zu sprechen, hätte es vielleicht etwas Gerechtigkeit geben können. Für mich einstehen, vor Gericht gehen, wie bei dem Mädchen, dass mich später fast jeden Tag am Bus drangsalierte, der ich mal am Pulli zog. Sechzig Euro haben die Eltern dann bekommen, weil ihre Markenjacke zerrissen sei, weil sie mit dem Anwalt drohten.
    Sich wehren – ja das habt ihr versäumt mir zu zeigen wie man das macht. Vielleicht, weil es selbst nicht konntet voreinander.
    Die Nachbarin, Oma E., meinte mal ich solle doch zurückschlagen, wenn mich einer schlägt.
    Ich war eher der Meinung ich sollte wie Jesus die andere Wange hinhalten.
    Lag vielleicht an gewissen abgehobenen Ansprüchen, die unterschwellig an mich gestellt wurden.
    Manchmal hilft nur zurückschlagen.


    A.

  • Hi Thargor,
    das klingt heftig und schockierend, und irgendwie fehlen mir da die Worte - aber ich finde es toll, dass du dich mit der Sache beschäftigst, um sie hinter dich lassen zu können. Denn wie Khalil Gibran mal so schön gesagt hat, "Man muss durch die Nacht wandern, wenn man die Morgenröte sehen will." Und die Morgenröte sehen zu können, ist es allemal wert - weiß ich aus eigener Erfahrung.


    In diesem Sinne - :daumen3: :wink: :vic:


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    "An eagle flies only as high as the sky. But a silver swan, reborn from its funeral pyre, flies to the stars." David Zindell
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  • Hm, heftig ist es auf jeden Fall!


    Umgekehrt finde ich es sehr mutig von dir - und ich fühle mich geehrt!!! - dass du es mit uns teilst!
    Klar ist die Geschichte heftig und ziemlich übel, aber nach dem ersten Schock muss ich sagen, dass mich das hier jetzt irgendwie ein bisschen stolz macht, weil ich Anteil haben darf an einer solchen Geschichte, einem solchen Geständnis (blödes Wort, mir fällt nix passenderes ein!) und dass mir (uns) das Vertrauen entgegengebracht wird so etwas zu erzählen.
    Das ist ein unglaublich intimer Einblick in dein Seelenleben. Besonders für die Leute, die dich schon kennen und wissen was du für ein netter Kerl bist! ;)


    Von dem her: Danke! sonst nichts! :yes:

    If you fuck the bad guy, remember the bad guy's gonna fuck you back! (Caine)


    "Fleas are like lying politicians. There is no being rid of them in any permanent sort of way." - Croaker


    Tad Williams - Osten Ard

  • Danke für Eure lieben Rückmeldungen, auch dem Gerd schon per PN. Und danke Elric für dein Kompliment, das ich natürlich nur zurückgeben kann. Geständnis, ja, lieber hier als bei beichthaus.com ;)
    Irgendwie denken ich bei vielen Dingen an Forumos, auch wenn die meisten Dinge dann nie hier aufgeschrieben werden. Z.B. zum Thema Hochzeit will ich mich hier schon lange mal beraten lassen. Aber das dann in einem anderen positiveren Thema. :)

  • Wow, Hut ab Thargor!!! Ich kann mich den anderen ausnahmslos anschließen. Eine schockierende Geschichte, und das nicht nur vor dem elterlichen Hintergrund, sondern auch mal wieder das Beispiel, wie grausam Menschen sein können, vor allem auch schon in jungen Jahren.


    Ich weiß wie schwer es sein kann über eigene Probleme selbst mit der Familie zu reden und wie es sich anfühlt in diese Krankheit abzurutschen. Du hast meinen größten Respekt, dich so zu öffnen und ich hoffe, dass du im Laufe der Zeit auch viel Stärke von Freunden bekommen hast, die dir durch schwere Zeiten helfen! Und ich denke ich kann für viele hier sprechen, wenn ich sage: die Tür steht immer offen, falls es Redebedarf geben sollte!

    Mit Schirm, Charme und McClane


    ------

    And now the page before us blurs.

    An age is done. The book must close.

    We are abandoned to history.

    Raise high one more time the tattered standard

    of the Fallen. See through the drifting smoke

    to the dark stains upon the fabric.

    This is the blood of our lives, this is the

    payment of our deeds, all soon to be

    forgotten.

    We were never what people could be.

    We were only what we were.


    Remember us

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