In jenen Zeiten, als Füchse für schlau und Esel für dumm gehalten wurden, lebte ein gieriger König im Reiche von Tha`Ashaan.
Der König war ein fürchterlicher Eroberer und unterdrückte alle benachbarten Länder und auch sein eigenes Volk.Reichtum war sein höchstes Gut und er tat alles dafür, dass seine Schatzkammern stets bis zum Rande gefüllt waren. Er besteuerte alle Bürger seines Reiches so sehr, dass keiner mehr als das besaß, was zum Überleben benötigt wurde. Eines Tages, da dachte der König, dass er nun endlich der reichste Herrscher auf Erden war. Doch ein wandernder Händler verbreitete auf dem Marktplatz das Gerücht, dass weit im Osten ein prächtiges Königreich lag, das um ein Vielfaches größer und schöner war und dass die Armee dieses Reiches um ein Hundertfaches der hiesigen überlegen sei. Als der König davon erfuhr, wurde er sehr zornig und ließ den Händler zu sich rufen. Als der Händler seine Worte vor dem König wiederholte, wollte der König wissen, woher der Händler von diesem Reich wusste, dessen Schönheit, Größe und Macht er beschrieb.
Der Händler berichtete von einem sprechenden Esel, der anscheinend sehr weise war und über die entferntesten Länder bestens bescheid wusste.Da lachte der König hämisch und sprach: „Ein jeder weiß doch, dass Esel dumm wie Bohnenstroh sind und nicht sprechen können!“ Der Händler beteuerte jedoch, dass ihm dieser Esel schon oft Geschichten erzählte, welche sich später als wahr erwiesen hatten. Er betonte, dass es keinen Zweifel an der Geschichte über jenes prachtvolle Reich gäbe, von dem er selbst auf dem Marktplatz berichtet hatte. Da wurde der König noch zorniger und ließ den Händler in die Grube zu den hungrigen Wölfen werfen, wo das Leben des Händlers ein jähes Ende nahm. Noch an dem selben Abend brach der König vor Kummer in Tränen aus. Nicht etwa deswegen, weil er dem Händler sein Leben nahm, sondern einzig aus dem Grunde, weil er nun dachte, dass er wohl nie der reichste Herrscher dieser Welt werden konnte, wenn die Geschichte des Händlers stimmte. Dieser Gedanke zermürbte ihn so sehr, dass er weinte, weinte und nicht mehr damit aufhören konnte. Selbst beim Sprechen und Essen schluchzte er weinerlich und dicke Tränen liefen ununterbrochen über seine Wangen. Ständig musste der König trinken, damit er durch das viele Weinen nicht austrocknete. So ging es Wochen, Monate und schließlich ein ganzes Jahr. Da fasste der König plötzlich einen Entschluss und ließ im ganzen Reich die Nachricht verbreiten, dass er sein halbes Königreich und die Hälfte seiner Schätze vergeben würde, wenn es jemandem gelänge, ihn von diesem Weinen zu befreien. Überall wurden hölzerne Tafeln aufgestellt, die davon berichteten.
In einem der angrenzenden Ländereien, die noch zum Reich des weinerlichen Königs gehörten, lebte ein Jägersmann. Der Jäger hatte Hochachtung vor allen Geschöpfen und erlegte nur dann ein Tier, wenn es gut für den Bestand des Waldes war oder wenn er ansonsten vor Hungersnot gestorben wäre. Die Tiere im Walde wussten dies und waren so vertraut mit dem Jäger, dass sie ihm aus den Händen fraßen. Eines Tages, da lief dem Jäger ein Esel zu, der nicht mehr von seiner Seite wich. Da der Esel sehr genügsam war, pflegte der Jäger das Tier, baute ihm einen großzügigen Stall und lebte Seite an Seite mit dem Graupelz. Der Esel half dem Jäger bei der Holzarbeit im Walde und führte ihn oft an Stellen, wo der Jäger essbare Pilze fand. Zwar wunderte sich der Jäger darüber, doch was sollte er Fragen stellen, denn ein Esel, so wusste doch jeder, war ein nicht all zu kluges Tier.
Eines Tages ergab es sich, da machte sich der Jäger mit dem Esel auf den Weg zum Markt, um Brennholz und getrocknete Pilze gegen andere Waren zu tauschen oder gar für ein paar Kupfermünzen zu verkaufen. Auch auf diesem Marktplatz stand ein hölzernes Schild, das von dem Leid des gierigen Königs berichtete. Als der Esel das Schild sah, ging er gemächlich darauf zu und blieb davor stehen, ganz so, als ob er lesen könnte, was darauf geschrieben war.
Da rief ein junger Bursche aus der Menge hervor: „Seht nur, der Esel kann lesen!“
Da lachten alle auf dem Marktplatz sehr laut, denn jeder wusste, dass nur die wenigsten Leute lesen konnten und schon gar kein Esel. Der Esel blieb jedoch noch einige Zeit ganz unbekümmert vor der Tafel stehen, dann wandte er sich um und ging zurück zu dem Jäger. Als der Markt vorüber war, gingen beide zurück zur Jägerhütte und zu dem Stall, wo sie sich von dem langen Weg ausruhten. Als der Jäger eingeschlafen war, machte sich der Esel plötzlich davon. Geradewegs marschierte er in das Reich des weinerlichen Königs und die Schlosswachen ließen ihn passieren, da er ja nur ein Esel ohne Herren war. Ohne Umweg ging der Esel zum Schloss und betrat zur Verwunderung der Wachen die Schosshalle. Als ihn eine der Wachen aufhalten wollte, begann der Esel plötzlich zu sprechen: „Bringt mich zu euerem König, ich werde ihn von seinem Leid befreien.“ Da blieb der Wache die Luft im Halse stecken. Doch als der Soldat wieder sprechen konnte, da sagte er: „Ein sprechender Esel will unseren König von seinem Leid befreien? Esel, ich muss dich warnen, schon so manche Zauberkünstler und Gaukler waren hier und versuchten ihr Glück, doch keinem gelang es, den König zu heilen. Sie landeten einer nach dem anderen im Kerker, da der König vor Wut außer sich war, dass solche Scharlatane sich an seinem Leid bereichern wollten. Wenn du also nicht als Wurst auf des Königs Tafel enden willst, dann ziehe besser deines Weges.“
Der Esel bestand jedoch darauf, vor den König geführt zu werden und die Wache machte sich davon. Schnell kam die Wache zurück und bat den Esel in einen großen Saal, in dem der König bereits auf seinem goldenen Thron saß und bitterlich weinte. Der Esel trat heran, sah den mit Goldketten behängten und mit Edelsteinen übersäten König an und sprach: „Sagt mir König, soll ich euch von euerem Leid befreien?“ Da blickte der König auf, sah den Esel an und sagte schluchzend: „Wenn kein Zauberer und Gaukler mich heilen kann, wie will es dann ein dummer Esel vollbringen? Du kannst zwar sprechen, doch ich hörte schon davon, dass es sprechende Esel geben soll. Doch dumm bleibt dumm!“
Da trat der Esel sehr nahe an den König heran und sprach voller Ernst in seiner Stimme: „Ich kann besser rechnen als euer bester Mathematiker, ich kann besser lesen, als euer bester Hofschreiber und ich kann schöner singen, als euere begnadetste Sängerin und ich werde bald der Herrscher dieses Reiches sein.“
Der König hörte aufmerksam zu, dann schluckte er heftig, hustete mehrmals, dachte kurz nochmals über die Worte dieses scheinbar dummen Graupelzes nach und plötzlich begann er zu lachen. Er lachte und mit seinem kläglichen Geheul war es nun endlich vorbei. Der König war so glücklich, dass er sofort seinen Hofschreiber rief. Dieser sollte ein Schriftstück verfassen, das den Esel als Eigentümer des halben Königreiches und des halben Reichtums betiteln sollte. Da fragte der Schreiber, ob der Esel denn einen Namen hätte. „Laydorian von Weidenau“, antwortete der Esel so, als ob es das Natürlichste der Welt wäre, dass ein Esel solch einen edlen Namen trug. Der Hofschreiber setzte den Namen ein, der König drückte seinen Sigelring in heißes rotes Wachs auf dem Pergament und der Esel bat darum, dass man ihm die Schriftrolle in die Satteltasche stecken sollte und ging. Bevor er die Halle des Königs verließ, drehte er sich nochmals um, sah dem König tief in die Augen und sprach: „Vergesst niemals meine Worte!“ Dann verließ er den Saal.
Als der König nochmals an die Worte des Esels dachte, musste er sofort wieder lachen. Er lachte, lachte und lachte. So ging es Wochen, Monate und gar ein volles Jahr. Er konnte einfach nicht mehr aufhören und selbst im Schlaf, da hörte man ihn lachen. Wie sollte denn ein Esel besser rechnen als beste Lehrer, besser lesen als der Hofschreiber und schöner singen als die begnadetste Sängerin können? Und zudem sagte das scheinbar dumme Tier, dass es bald der Herrscher dieses Reiches sein würde. Ja, das fand der gierige König so zum Lachen, dass er nicht mehr aufhören konnte. Zwar hatte es der Esel nun schriftlich, dass ihm das halbe Reich und die Hälfte aller Reichtümer gehörten, doch was sollte ein strohfressender und wassersaufender Esel damit tun? Die Lachanfälle des Königs wurden derweilen immer schlimmer. Bald bekam er kaum noch Luft und bangte um sein Leben. Da ließ der König aus Verzweiflung überall im Lande hölzerne Tafeln aufstellen, die von seinem neuen Leid berichteten. Diesmal war die Sache so ernst, dass der König als Gegenleistung für die Heilung den gesamten Rest seines Königreichs versprach. Natürlich wollte der König sein Versprechen nicht einlösen und war nur auf seine Heilung bedacht, doch das wusste natürlich niemand.