Der schlaue "Esel" und der gierige König Teil I

  • In jenen Zeiten, als Füchse für schlau und Esel für dumm gehalten wurden, lebte ein gieriger König im Reiche von Tha`Ashaan.


    Der König war ein fürchterlicher Eroberer und unterdrückte alle benachbarten Länder und auch sein eigenes Volk.Reichtum war sein höchstes Gut und er tat alles dafür, dass seine Schatzkammern stets bis zum Rande gefüllt waren. Er besteuerte alle Bürger seines Reiches so sehr, dass keiner mehr als das besaß, was zum Überleben benötigt wurde. Eines Tages, da dachte der König, dass er nun endlich der reichste Herrscher auf Erden war. Doch ein wandernder Händler verbreitete auf dem Marktplatz das Gerücht, dass weit im Osten ein prächtiges Königreich lag, das um ein Vielfaches größer und schöner war und dass die Armee dieses Reiches um ein Hundertfaches der hiesigen überlegen sei. Als der König davon erfuhr, wurde er sehr zornig und ließ den Händler zu sich rufen. Als der Händler seine Worte vor dem König wiederholte, wollte der König wissen, woher der Händler von diesem Reich wusste, dessen Schönheit, Größe und Macht er beschrieb.


    Der Händler berichtete von einem sprechenden Esel, der anscheinend sehr weise war und über die entferntesten Länder bestens bescheid wusste.Da lachte der König hämisch und sprach: „Ein jeder weiß doch, dass Esel dumm wie Bohnenstroh sind und nicht sprechen können!“ Der Händler beteuerte jedoch, dass ihm dieser Esel schon oft Geschichten erzählte, welche sich später als wahr erwiesen hatten. Er betonte, dass es keinen Zweifel an der Geschichte über jenes prachtvolle Reich gäbe, von dem er selbst auf dem Marktplatz berichtet hatte. Da wurde der König noch zorniger und ließ den Händler in die Grube zu den hungrigen Wölfen werfen, wo das Leben des Händlers ein jähes Ende nahm. Noch an dem selben Abend brach der König vor Kummer in Tränen aus. Nicht etwa deswegen, weil er dem Händler sein Leben nahm, sondern einzig aus dem Grunde, weil er nun dachte, dass er wohl nie der reichste Herrscher dieser Welt werden konnte, wenn die Geschichte des Händlers stimmte. Dieser Gedanke zermürbte ihn so sehr, dass er weinte, weinte und nicht mehr damit aufhören konnte. Selbst beim Sprechen und Essen schluchzte er weinerlich und dicke Tränen liefen ununterbrochen über seine Wangen. Ständig musste der König trinken, damit er durch das viele Weinen nicht austrocknete. So ging es Wochen, Monate und schließlich ein ganzes Jahr. Da fasste der König plötzlich einen Entschluss und ließ im ganzen Reich die Nachricht verbreiten, dass er sein halbes Königreich und die Hälfte seiner Schätze vergeben würde, wenn es jemandem gelänge, ihn von diesem Weinen zu befreien. Überall wurden hölzerne Tafeln aufgestellt, die davon berichteten.


    In einem der angrenzenden Ländereien, die noch zum Reich des weinerlichen Königs gehörten, lebte ein Jägersmann. Der Jäger hatte Hochachtung vor allen Geschöpfen und erlegte nur dann ein Tier, wenn es gut für den Bestand des Waldes war oder wenn er ansonsten vor Hungersnot gestorben wäre. Die Tiere im Walde wussten dies und waren so vertraut mit dem Jäger, dass sie ihm aus den Händen fraßen. Eines Tages, da lief dem Jäger ein Esel zu, der nicht mehr von seiner Seite wich. Da der Esel sehr genügsam war, pflegte der Jäger das Tier, baute ihm einen großzügigen Stall und lebte Seite an Seite mit dem Graupelz. Der Esel half dem Jäger bei der Holzarbeit im Walde und führte ihn oft an Stellen, wo der Jäger essbare Pilze fand. Zwar wunderte sich der Jäger darüber, doch was sollte er Fragen stellen, denn ein Esel, so wusste doch jeder, war ein nicht all zu kluges Tier.


    Eines Tages ergab es sich, da machte sich der Jäger mit dem Esel auf den Weg zum Markt, um Brennholz und getrocknete Pilze gegen andere Waren zu tauschen oder gar für ein paar Kupfermünzen zu verkaufen. Auch auf diesem Marktplatz stand ein hölzernes Schild, das von dem Leid des gierigen Königs berichtete. Als der Esel das Schild sah, ging er gemächlich darauf zu und blieb davor stehen, ganz so, als ob er lesen könnte, was darauf geschrieben war.


    Da rief ein junger Bursche aus der Menge hervor: „Seht nur, der Esel kann lesen!“


    Da lachten alle auf dem Marktplatz sehr laut, denn jeder wusste, dass nur die wenigsten Leute lesen konnten und schon gar kein Esel. Der Esel blieb jedoch noch einige Zeit ganz unbekümmert vor der Tafel stehen, dann wandte er sich um und ging zurück zu dem Jäger. Als der Markt vorüber war, gingen beide zurück zur Jägerhütte und zu dem Stall, wo sie sich von dem langen Weg ausruhten. Als der Jäger eingeschlafen war, machte sich der Esel plötzlich davon. Geradewegs marschierte er in das Reich des weinerlichen Königs und die Schlosswachen ließen ihn passieren, da er ja nur ein Esel ohne Herren war. Ohne Umweg ging der Esel zum Schloss und betrat zur Verwunderung der Wachen die Schosshalle. Als ihn eine der Wachen aufhalten wollte, begann der Esel plötzlich zu sprechen: „Bringt mich zu euerem König, ich werde ihn von seinem Leid befreien.“ Da blieb der Wache die Luft im Halse stecken. Doch als der Soldat wieder sprechen konnte, da sagte er: „Ein sprechender Esel will unseren König von seinem Leid befreien? Esel, ich muss dich warnen, schon so manche Zauberkünstler und Gaukler waren hier und versuchten ihr Glück, doch keinem gelang es, den König zu heilen. Sie landeten einer nach dem anderen im Kerker, da der König vor Wut außer sich war, dass solche Scharlatane sich an seinem Leid bereichern wollten. Wenn du also nicht als Wurst auf des Königs Tafel enden willst, dann ziehe besser deines Weges.“


    Der Esel bestand jedoch darauf, vor den König geführt zu werden und die Wache machte sich davon. Schnell kam die Wache zurück und bat den Esel in einen großen Saal, in dem der König bereits auf seinem goldenen Thron saß und bitterlich weinte. Der Esel trat heran, sah den mit Goldketten behängten und mit Edelsteinen übersäten König an und sprach: „Sagt mir König, soll ich euch von euerem Leid befreien?“ Da blickte der König auf, sah den Esel an und sagte schluchzend: „Wenn kein Zauberer und Gaukler mich heilen kann, wie will es dann ein dummer Esel vollbringen? Du kannst zwar sprechen, doch ich hörte schon davon, dass es sprechende Esel geben soll. Doch dumm bleibt dumm!“


    Da trat der Esel sehr nahe an den König heran und sprach voller Ernst in seiner Stimme: „Ich kann besser rechnen als euer bester Mathematiker, ich kann besser lesen, als euer bester Hofschreiber und ich kann schöner singen, als euere begnadetste Sängerin und ich werde bald der Herrscher dieses Reiches sein.“


    Der König hörte aufmerksam zu, dann schluckte er heftig, hustete mehrmals, dachte kurz nochmals über die Worte dieses scheinbar dummen Graupelzes nach und plötzlich begann er zu lachen. Er lachte und mit seinem kläglichen Geheul war es nun endlich vorbei. Der König war so glücklich, dass er sofort seinen Hofschreiber rief. Dieser sollte ein Schriftstück verfassen, das den Esel als Eigentümer des halben Königreiches und des halben Reichtums betiteln sollte. Da fragte der Schreiber, ob der Esel denn einen Namen hätte. „Laydorian von Weidenau“, antwortete der Esel so, als ob es das Natürlichste der Welt wäre, dass ein Esel solch einen edlen Namen trug. Der Hofschreiber setzte den Namen ein, der König drückte seinen Sigelring in heißes rotes Wachs auf dem Pergament und der Esel bat darum, dass man ihm die Schriftrolle in die Satteltasche stecken sollte und ging. Bevor er die Halle des Königs verließ, drehte er sich nochmals um, sah dem König tief in die Augen und sprach: „Vergesst niemals meine Worte!“ Dann verließ er den Saal.


    Als der König nochmals an die Worte des Esels dachte, musste er sofort wieder lachen. Er lachte, lachte und lachte. So ging es Wochen, Monate und gar ein volles Jahr. Er konnte einfach nicht mehr aufhören und selbst im Schlaf, da hörte man ihn lachen. Wie sollte denn ein Esel besser rechnen als beste Lehrer, besser lesen als der Hofschreiber und schöner singen als die begnadetste Sängerin können? Und zudem sagte das scheinbar dumme Tier, dass es bald der Herrscher dieses Reiches sein würde. Ja, das fand der gierige König so zum Lachen, dass er nicht mehr aufhören konnte. Zwar hatte es der Esel nun schriftlich, dass ihm das halbe Reich und die Hälfte aller Reichtümer gehörten, doch was sollte ein strohfressender und wassersaufender Esel damit tun? Die Lachanfälle des Königs wurden derweilen immer schlimmer. Bald bekam er kaum noch Luft und bangte um sein Leben. Da ließ der König aus Verzweiflung überall im Lande hölzerne Tafeln aufstellen, die von seinem neuen Leid berichteten. Diesmal war die Sache so ernst, dass der König als Gegenleistung für die Heilung den gesamten Rest seines Königreichs versprach. Natürlich wollte der König sein Versprechen nicht einlösen und war nur auf seine Heilung bedacht, doch das wusste natürlich niemand.

    Wenn Du Deine tiefsten Träume nicht in Taten verwandelst,


    dann wirst Du im Alter viele Geschichten darüber zu erzählen haben,


    dass es in Deinem Leben so viele Dinge gab, die Du gern getan hättest.


    Wäre es nicht viel erfüllender darüber zu berichten,


    was Du an schönen Dingen erschaffen hast?


    Dennoch, bedenke stets, dass selbst ein Zauberer kein Brot in Brot verwandeln kann.

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  • Während des vergangenen Jahres war der Esel zu seinem guten Herren zurückgekehrt, nachdem er einen kurzen Besuch in Weidenau gemacht hatte. Weidenau war ein Waldstück voller prächtiger Weiden und hochgewachsener Birken, von dem die Landesbewohner erzählten, dass dort wahrhaftige Elben wohnen sollten, die jedoch in ihrer edlen Gestalt für Menschen meist nicht sichtbar waren. Zwar soll ab und an jemand einen gesehen haben, doch Beweise gab es nicht. So mancherlei Zauberkünste brachte man mit den Elben in Verbindung. Doch es wurde das erzählt, was man hörte und das wurde dann weitererzählt.Da der Esel jedoch aus dieser Gegend kam, wie sein Name verriet, wusste er vielleicht Genaueres, oder auch nicht, wer konnte das schon sagen?Als der Esel wieder bei seinem Herren ankam, freute sich der Jäger so sehr, dass er dem Esel von seinen letzten Kupfermünzen die saftigsten Möhren kaufen wollte, die auf dem Markt zu finden waren.Gemeinsam zogen sie los und kamen bald auf dem gut besuchten Marktplatz an. Der Esel bemerkte sofort, dass sich einige Leute um ein hölzernes Schild scharten und heftig diskutierten. Da drängte sich der Esel vor, las, was den König für ein neues Leid plagte und ein breites Grinsen kam über sein Gesicht, so wie es für einen Esel absolut unpassend war. Als ein junger Bursche das bemerkte, rief er laut in die Menge: „Seht nur, der Esel lacht!“ Als die umherstehende Menge den Esel ansah, brachen alle selbst in schallendes Gelächter aus. Der Esel machte sich jedoch sofort auf den Weg in das Reich des gierigen Königs, weil er dort ankommen wollte, bevor dieser an seinen Lachkrämpfen erstickt war.Der Jäger war etwas traurig über den erneuten Verlust seines geliebten Gefährten. Doch gutmütig, wie er eben nun mal war, dachte er sich, dass der Esel wohl gewiss seine Gründe für seine erneute Reise hatte.Der Esel war bald im Reich des gierigen Königs angekommen. Da man ihn dort bereits kannte, wurde er von den Wachen sofort zum König geführt. Der Esel sah, wie der König in seinem protzigen Thron saß und neben kurzen Lachanfällen immer wieder erbärmlich nach Luft rang.Es war ganz offenensichtlich, dass der König nicht mehr dazu imstande war, selbst zu sprechen. Von nun an übernahm der Esel selbst das weitere Geschehen. Er forderte die Wachen dazu auf, den besten Mathematiker, den besten Hofschreiber und die begnadetste Sängerin des Volkes unverzüglich hier her zu bringen. Zudem forderte er ein Dutzend von den ältesten uns weisesten Beratern des Königs in den Saal.Als alle anwesend waren, schlug der Esel einen Wettbewerb vor.Die besten Berater des Königs sollten zuerst eine schwierige Rechenaufgabe stellen. Wer zuerst antworten konnte, war der Sieger dieses Wettstreits. Da schrieben die Weisesten auf eine Schiefertafel eine Aufgabe und zugleich nahm der beste Mathematiker seine Schreibfeder und ein Pergament zur Hand und begann zu rechnen.Der Esel trat vor die Tafel, warf einen kurzen Blick darauf und sprach: „374,531.“Die Weisesten konnten es nicht glauben. Tatsächlich hatte der Esel die Aufgabe richtig gelöst und das ganz ohne Pergament und Feder.Als der König das hörte, musste er kurz um Luft ringen, sah sich hilfesuchend im Raum um, doch dann atmete er tief und lachte weiter. Der Esel bat die Weisesten nun darum, einen beliebigen Text in ganz verschiedenen Sprachen beliebig gemischt auf die Tafel zu schreiben, der korrekt übersetzt werden musste.Als die Weisesten fertig waren, nahm der beste Hofschreiber seine Schreibfeder und begann den Text auf einem Pergament zu übersetzen, wobei er jedoch immer wieder längere Schreibpausen machte und nachdenklich auf die Tafel sah.
    Da trat der Esel vor die Tafel und sprach:
    „Das Reich von Tha`Ashaan wird von dem weisesten aller Könige regiert. Mit starker Hand wird das Volk geführt. Mit sehr großem Geschick führt er alle zu Reichtum und unendlichem Glück. Geplagt von viel Leid, ist er gar alles zu geben bereit, wenn ihn nur jemand von dem Leiden befreit.“ Die Weisesten des Volkes waren fassungslos. Wort für Wort hatte der Esel den Text richtig übersetzt, obwohl er aus fünf verschiedenen Sprachen zusammengesetzt war. Der beste Hofschreiber war gerade mal mit seiner Übersetzung bei der dritten Zeile angelangt und warf voller Wut seine Schreibfeder auf den Boden der königlichen Halle.Da stand der König plötzlich auf, ging auf den Esel mit einem klaren Blick, ohne jedwede Atemnot und ohne zu lachen zu und sprach: „Esel, du erstaunst m... Ha, ha, ha, hi, hi, ho…“ Die Freude aller Anwesenden kam zu früh. Jeder dachte für einen kurzen Augenblick, dass der König nun geheilt sei, doch der Zustand war nur von kurzer Dauer. Nun forderte der Esel die begnadetste Sängerin dazu auf, ein Lied vorzutragen, von dem sie überzeugt war, dass sie jeden Ton genau treffen würde. Hochnäsig und stolz trat die Sängerin in die Mitte Saals und leistete ihren Beitrag.Tatsächlich hatte sie eine äußerst begnadete Stimme und traf jeden Ton mit vollendeter Perfektion. Noch nie hatte der Esel eine menschliche Stimme von dieser Qualität gehört und alle applaudierten, während der Esel respektvoll nickte. Zufrieden stellte sich die Sängerin auf ihren Platz zurück, während sie spöttisch zu sprechen begann: „Nun, Herr Esel, lasst uns euere Kunst hören.“ Alle Anwesenden lachten und somit fiel der König für einen kurzen Augenblick in der Menge nicht mehr auf. Der Esel bewegte sich nun langsam in die Mitte des Saals.

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  • Sein Brustkorb schwoll an und plötzlich hörte man nicht nur eine, sondern gleich zwei Stimmen in verschiedenen Tonlagen, die in vollendeter Perfektion ein Lied von sich gaben, dessen Sprache allen Anwesenden völlig fremd war. Doch es war nicht die Sprache, die alle zu verzaubern schien, sondern vielmehr der kristallklare Mehrklang der verschiedenen Stimmen aus dem Maul eines Esels. Allen Anwesenden lief es eiskalt den Rücken rauf und wieder runter und die Vorsängerin schien gar vor Neid zu platzen.


    Plötzlich kippte der König unter einem schweren Hustanfall von seinem prunkvollen Thron und rang hilfesuchend nach Luft. Alle Anwesenden standen wie festgewachsen auf der Stelle. Nur der Esel eilte schnell herbei und versetze dem König einen kräftigen Huftritt in dessen Hinterteil. Der König rutsche von dem Tritt ein Stück über den blankpolierten Boden. Dann holte er tief Luft, hustete nochmals kräftig, doch dann beruhigte er sich und setzte sich ohne jedwedes Lachen zurück auf seinen Thron. Fassungslos blickte er den Esel an, denn solch eine Vorführung hatte er noch nie gesehen und gehört. Der Esel war ganz offensichtlich klüger und gebildeter als die schlausten Untertanen des Königs und zudem hatte er eine begnadete Mehrklangstimme, die man ansonsten nur aus den Geschichten über die Elben kannte.


    Dem König war es sehr recht, dass ein Esel ihn geheilt hatte, denn dem Esel konnte er bedenkenlos den Rest seines Königreiches als Besitz überschreiben. Und so geschah es dann auch. Wieder wurde ein Pergament auf den Namen „Laydorian von Weidenau“ ausgestellt und wieder wurde diese Eigentumsurkunde mit dem Sigelring des Königs rechtskräftig gemacht.“Der Esel bat erneut darum, dass man ihm die Schriftrolle in die Satteltasche stecken sollte und ging. Er ging jedoch nicht aus dem königlichen Saal, so wie es alle erwartet hatten, sondern er begab sich geradewegs auf den König zu und befahl ihm, sofort seinen Thron zu verlassen. Da wurde der König sehr zornig und rief die Wachen.Voller Boshaftigkeit befahl er, dass man den Esel schlachten und aus ihm Pasteten herstellen sollte, um sie zur Feier seiner Genesung zu servieren. Da lachten alle Anwesenden hämisch und durchschauten die List des Königs. Somit hätte er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Er hätte sein Königreich zurück und zugleich leckere Eselspasteten für sein geplantes Fest.


    Niemand zeigte Mitleid mit dem Esel und die neidische Sängerin bewarf ihn sogar mit einem verzierten Zinnbecher, der eben noch neben ihr stand. Gerade, als die Wachen den Esel eingekreist hatten und ihn mit ihren Lanzen durchbohren wollten, ereignete sich ein seltsames Schauspiel. Dichter Nebel durchflutete die königliche Halle und von allen Plätzen, wo sich eben noch jemand befand, hörte man Schreie und kurz darauf sehr merkwürdige Laute, so wie man sie in einer königlichen Halle nicht erwarten würde.


    Der Esel war zu einem prächtigen Elben geworden, der wahrlich fürstlich aussah und um sich herum einen strahlenden Glanz verbreitete. Des Königs Gefolge hatte sich bis auf die Sängerin und den König selbst in Esel verwandelt. Die Sängerin und der König hingegen, die am boshaftesten zu dem Esel waren, wurden zu fetten Wildschweinen, die quiekend und grunzend durch die Halle rannten. Die Esel brüllten laut: „III AAA, III AAA!“ und traten sich in ihrer Verzweiflung gegenseitig mit den Hufen.


    Der ehemalige Esel war in Wahrheit ein edler Elbenfürst, der gerne unter den Menschen lebte, seit dem er den gutherzigen Jäger kennen gelernt hatte. Die Gestalt eines Esels wählte er nur, weil er wusste, dass die Menschen Esel für dumm erachteten und somit wollte er sie eines Besseren belehren. Als nach und nach die anderen Diener und Soldaten in die königliche Halle kamen und den Elbenfürst auf dem Thron sitzen sahen, da unterwarfen sich ihm alle. Dies machten sie nicht aus freien Stücken, sondern aus Angst davor, dass sie auch als Schweine oder Esel enden könnten, wenn sie sich widersetzen würden. Die Gefolgschaft des Königs hatte an den goldenen Ketten und den restlichen zerfetzten Kleidungsstücken der Tiere erkannt, wer diese vor kurzer Zeit noch waren. Der Elbenfürst blickte zufrieden in die Menge. Als er aufstand wurde es sofort so still, dass man den Wind durch die Eingangspforte der Halle rauschen hörte. Als der Elbenfürst zu den Tieren blickte, drehte er sich zu den Soldaten und sprach mit ernster Stimme: „Nehmt die Esel und verteilt sie an jene Bauern, welche die schwersten Arbeiten im Lande zu verrichten haben. Die beiden Wildschweine jagt jedoch in den Wald und lasst danach auch die hungrigen Wölfe aus der Grube in die Wälder ziehen, dahin, wo sie hingehören. Ich werde euch nun für einige Zeit verlassen, doch ich komme wieder, verlasst euch darauf. Verteilt die Reichtümer der Schatzkammern in der Zwischenzeit zu gerechten Teilen unter der ganzen Bevölkerung, sodass kein Leid mehr herrscht, in diesem Reich. Glaubt mir, wenn ich euch sage, dass ich jeden Betrug oder Hinterhalt bemerken werde.“ Dann ging der Elbenfürst mit schnellen Schritten seines Weges und seine neuen Untertanen führten all seine Befehle gehorsam aus.


    Der Elbenfürst machte sich währenddessen auf den Weg zu seinem treuen und barmherzigen alten Herrn, dem Jäger. Auf dem Wege dort hin besuchte er die prächtigen Wälder von Weidenau. Als er dort ankam, wurde er bereits von einer Elbenschar herzlich empfangen, denn er war der Fürst dieser Wälder.

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  • Er ließ sich die Schriftrolle bringen, die er für seinen ersten Hilfsdienst von dem alten König bekam und sagte, dass er bald zurückkommen würde. Sein Elbengefolge verbeugte sich höflich vor ihm und er zog seines Weges. Als er bei der alten Hütte des Jägers angekommen war, klopfte er an die Tür und rief des Jägers Namen, der Arton Waldmann war. Da öffnete der Jäger die Tür und warf sich auf den Boden nieder, als er den Elbenfürst in seinem strahlenden Glanze sah. „Sagt, wollt ihr mich bestrafen, weil ich über die Jahre die Tiere des Waldes aß?“, fragte Arton ängstlich.


    Arton hörte schon viele Geschichten über die Elben und genau so wurden sie beschrieben, wie jener, der nun vor ihm stand.


    Der Elbenfürst lächelte freundlich, nahm Arton an dessen Schulter, half ihm aufzustehen und bat ihn mit freundlichen Worten, ihm zu folgen. Arton nickte mehrmals zustimmen und folgte wortlos den schnellen Schritten des Elben. Die Zeit verging und sie kamen zu dem Schloss des ehemaligen Königs, von dem nun der Elbenfürst der neue Herrscher war. Als beide den Innenhof des Schlosses betraten, ließ der Elbenfürst die Turmwachen das Signal zur öffentlichen Versammlung mit ihren Hörnen blasen. Weit schallte das Signal ins Land und bald strömten die Menschen von nah und fern zusammen.


    In der Zwischenzeit ernannte der neue Herrscher einen neuen Hofschreiber und andere Beamte für die verschiedensten Dienste. Er ließ für den neuen Hofschreiber einen hölzernen Tisch, einen Stuhl, Pergament, Tinte, Feder, eine brennende Kerze, rotes Sigelwachs, den Sigelring und die Krone des alten Königs herbeibringen. Als der ganze Schlosshof mit vielen Bürgern des Landes gefüllt war, sprang er auf den Tisch, sodass ihn alle sehen konnten und bat um Ruhe.


    Plötzlich wurde es so still, dass man die Blätter im Abendwind tanzen hörte. Der Elbenfürst bat nun den Jäger zu sich auf den Tisch. Als dieser bei ihm war, begann der Elb zu sprechen: „Ich bin nun der neue Herrscher von euren Ländern. Der alte König war ein gieriger und schlechter Mensch, der euch Armut und Elend brachte. Es ist nun an der Zeit, einen neuen König zu bestimmen.“


    „Ja, werdet unser neuer König!“, rief ein junger Krieger aus der Menge hervor und sofort folgten weitere Zurufe von anderen Bürgern, die den Elbenfürst sehr gern als ihren neuen König gesehen hätten.


    „Hört mir zu!“, sprach der Elb mit lauter Stimme. „Mein Reich ist nicht jenes hier, darum werde nun ich selbst einen König einsetzen, wenn der Auserwählte das Amt belegen mag.“ Nun nahm der Elb die Krone des alten Königs und setzte sie dem Jäger auf sein Haupt. Der Jäger war völlig überrascht und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Da begann der Elbenfürst dem Volke zu berichten, welch gutherziger und edler Mensch der Jäger war und ein zustimmendes Raunen ging durch die gewaltige Menge, da einige unter ihnen den Jäger bereits kannten.


    „Ja, wir wollen den Jäger als unseren König! Er wird das Reich gewiss weise und mit Bedacht regieren!“, rief eine junge Frau aus der Menge hervor. Da stimmten plötzlich alle zu und der Jäger war beschämt. Womit hätte er wohl solch ein hohes Amt verdient, dachte er bei sich. Der Elb ergriff erneut das Wort, als es wieder stiller wurde.
    „Nun, dann werde ich es dem Jäger einfach machen, eine Entscheidung zu treffen. Hofschreiber, notiert nun alles, was ich hier öffentlich kund tu. - Hiermit ernenne ich den Jäger Arton Waldmann zum rechtmäßigen Eigentümer des gesamten Reiches von Tha`Ashaan. Was er damit zu tun gedenkt, ist nun einzig seine Sache.-“


    Der Hofschreiber hatte alles auf ein Pergament geschrieben.


    Da goss der Elb rotes Sigelwachs auf das Schriftstück und drückte den Sigelring des alten Königs darauf. Nun übergab er Arton die Schriftrolle und zeriss jene beiden, die er selbst einst von dem alten König bekam.


    „Nun ist es besiegelt!“, rief der Elb lautstark in die Menge.


    „Nun frage ich euch vor versammeltem Volke, wollt ihr, Arton Waldmann, das ehrwürdige Amt des Königs von Tha`Ashaan übernehmen?“, fragte der Elbenfürst mit einem ganz besonderen Glanz in seinen großen Augen.


    Der Jäger dachte kurz nach. Da ihm nun alle Ländereien überschrieben wurden und sich ganz offenbar kein anderer für dieses verantwortungsvolle Amt zu interessieren schien, sprach er voller Freude: „Ja, ich werde dieses Amt mit angebrachter Sorgfalt übernehmen!“


    Da jubelte das ganze Volk und trotz der vorangeschrittenen Stunde wurde noch ein kleines Fest gefeiert.


    Am nächsten Tag befahl der neue König, dass an jede Familie und an jedem einzelnen Bürger so viel Land vergeben werden sollte, sodass alle sehr gut davon leben konnten.


    Zudem senkte er die Steuerlast auf eine minimale Abgabe und er begann gemeinsam mit den Weisesten und Ältesten der Völker neue Gesetzte zu verfassen, die für Frieden und eine hoffnungsvolle Zukunft sorgten.


    Der Elbenfürst war jedoch spurlos verschwunden und niemand hatte ihn je wieder gesehen.
    Doch eines Tages, da kam dem neuen König ein Esel zugelaufen, ein Esel, der ihm keineswegs fremd erschien ...






    Und die Moral von der Geschicht:




    Vertraue deinen Augen nicht.




    Sieh mit dem Herz, denn das ist rein.




    Selbst ein Getier kann weise sein.


    C by Ryan Elbwood 2011

    Wenn Du Deine tiefsten Träume nicht in Taten verwandelst,


    dann wirst Du im Alter viele Geschichten darüber zu erzählen haben,


    dass es in Deinem Leben so viele Dinge gab, die Du gern getan hättest.


    Wäre es nicht viel erfüllender darüber zu berichten,


    was Du an schönen Dingen erschaffen hast?


    Dennoch, bedenke stets, dass selbst ein Zauberer kein Brot in Brot verwandeln kann.

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