Die Ewige Jagd

  • Nachts blieben die Türen geschlossen, und manch ein misstrauischer Blick wurde denjenigen zugeworfen, die nach Einbruch der Dunkelheit noch das Gasthaus betraten. Es war eine stürmische Zeit. Natürlich kann man im Chaos eines Unwetters erkennen, was immer man will, wenn man sich nur etwas Mühe gibt; das Heulen des Windes kann schnell mit dem Wehklagen eines Geistes, das Knarren von Ästen mit dem Ächzen der Verstorbenen verwechselt werden. Und vielleicht war es auch nur Donner, der die Leute zitternd in ihre Hütten schickte, und nicht das Trampeln von schweren Hufen, die durch die Luft hallten. Doch mehr als einer aus dem Nachbardorf hatte geschworen, die schattenhaften Umrisse von Pferden unter den Wolken erkannt zu haben, und mehr noch erzählten vom Jaulen und Kläffen von Jagdhunden, dem Klirren von Waffen und dem Geschrei der Jäger. Die Wilde Jagd sei über das Land gekommen, flüsterten sich die Leute nervös zu.
    Im Gasthaus Zur Wegkreuzung bekam man viele Geschichten von Geistern und Dämonen zu hören. Doch wenn Wolfhards unruhige Blicke immer wieder zum Fenster und zum Regen und Jammern des Windes draussen glitten, fiel es ihm schwer, an etwas anderes als an die Reiter im Sturm zu denken. Es donnerte, und Wolfhard liess erschrocken den Bierkrug zu Boden fallen, wo er zersprang und seinen Inhalt über die Stiefel der Kundschaft ergoss.
    "Du verdammter Bengel! Was du mich wieder kostest!", schrie sein Vater und gab ihm eine Ohrfeige. "Hol den Lumpen und putze deine Sauerei auf!" Dann entschuldigte er sich bei den Gästen und warf seinem Sohn noch einmal einen ungeduldigen Blick zu. Mit hochrotem Kopf machte sich Wolfhard an die Arbeit, als sich die Tür zum Gasthaus quietschend öffnete. Alle Blicke wandten sich der Gestalt zu, die die Schankstube betrat. Der Mann war dürr und in schäbige Reisekleidung geschlungen. Eine löchrige Kapuze bedeckte sein Gesicht, doch auf dem bleichen Kinn waren wild wuchernde Bartstoppel zu erkennen. Auf dem Rücken trug er einen Bogen, in den Händen hielt er einen löchrigen, schmutzigen Fetzen Stoff. Rost-braune Flecken waren darauf zu erkennen. Blut?, fragte sich Wolfhard mit klopfendem Herzen. War dieser Mann ein Wahnsinniger? Als Wolfhard die Gäste ansah, um ihre Reaktion zu beobachten, realisierte er, dass die meisten von ihnen betroffen auf die Tische vor ihnen starrten.
    "Das ist er!", zischte einer der Gäste am Tisch neben ihm. "Ich würde ihn überall wiedererkennen. In der Nacht, in der er in mein Dorf kam, kamen auch die Reiter, und die meisten Hütten und Felder brannten ab! Und ich habe gehört, dass das nicht das erste Mal gewesen ist."
    "Ich habe auch von ihm gehört. Sie haben ihn den Fliehenden Jäger genannt. Wo er ist, kommt die Jagd, und wenn die Jagd kommt, verschwindet er. Er ist ein schlechtes Omen", meinte ein zweiter.
    "Seid ruhig!", fuhr ihn ein anderer mit Panik in der Stimme an. "Sonst hört er euch noch!"
    "Soll er doch, der Hundesohn!", sagte der erste.
    Wolfhard erhob sich vom Boden, um einen besseren Blick auf den Fremden zu erhaschen, der sich gerade an einen abgelegenen Tisch setzte und seinen Bogen auf die Knie legte. Er schien zu warten. Hin und wieder hob er das blutige Stück Stoff zu seinem Gesicht, und seine Nasenflügel blähten sich auf, als benötigte er den Geruch, um zu überleben. Die Wilde Jagd?, fragte sich Wolfhard unruhig. Hier? Sein Herz schlug schneller. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Wilde Jagd hier erscheinen würde. Es musste schon etwa zehn Winter her sein, als Wolfhard noch ein kleines Kind gewesen war. Er konnte sich sogar daran erinnern, und auch an seine grosse Schwester, doch jedes Mal, wenn er sich die Bilder vor Augen rufen wollte, waren sie ein wenig anders, als starre er in Nebel, dessen Formen sich stets langsam veränderten. Manchmal war er sich nicht sicher, was Erinnerung und was Einbildung war, doch sein Vater hatte ihm die Geschichte erzählt. Wie der Sturm und das Trampeln von Hufen kam. Wie seine Schwester sich weigerte, ins Haus zu kommen, und stattdessen einfach stehen blieb und starrte, im toben des Sturms verschwand und nicht wieder auftauchte, als die Sonne wieder zu scheinen begann.
    "Die Reiter im Sturm haben sie zu sich geholt, weil sie zu neugierig war", hatte ihm sein Vater gesagt, mit Härte in der Stimme und Tränen in den Augen. "Sieh immer zu Boden, auch wenn es über dir donnert, sonst wirst du auch verschwinden. Die Jagd ist ein böses Omen; sie bringt bloss Unglück."
    Würde die Wilde Jagd wirklich wieder hierher kommen, nach all den Jahren? Wolfhard war starr vor Angst bei diesem Gedanken, doch gleichzeitig brachte er ihm auch eine seltsame, wahnsinnige Hoffnung. Vielleicht würden sie seine Schwester wieder zurückgeben. Bestimmt hatte sie genug für ihre Neugierde bezahlt. Doch war sie überhaupt noch am Leben? Diese Frage hatte er auch schon seinem Vater gestellt, doch dieser sagte nur:
    "Deine Schwester ist weg. Was spielt es für eine Rolle?"
    Sein Vater ging auf den Fremden zu, mit Angst und Abscheu im Gesicht. "Du bist hier nicht willkommen", sagte er, etwas zögerlich. "Du vergraulst mir die Kundschaft und bringst Unglück."
    Der Fremde zog seine Kapuze aus seinem Gesicht. Wolfhard erschrak ab dem bleichen, abgemagerten Gesicht, das einem alten und sterbenden Mann zu gehören schien. Doch das Gesicht schien nicht von seiner Angst erregenden Ähnlichkeit zu einem Totenschädel zu wissen; es schien müde, bitter, kraftlos. Einige Augenblicke lang blieb der Fremde sitzen, wohl weniger aus Trotz als aus Müdigkeit. Einige der Gäste erhoben sich und gingen langsam auf den ungeliebten Gast zu, der sich nun schleppend erhob und zur Tür ging. Trotz der Gefahr, die offensichtlich von den anderen Gästen ausging, drehte er sich noch einmal um, bevor er ging, und sagte mit leiser, aber deutlicher Stimme:
    "Die Jagd kommt trotzdem. Die Geschichten sind gelogen. Es ist nicht die Jagd, die mich verfolgt. Ich verfolge die Jagd. Sie wird kommen. Macht euch bereit."
    "Wir haben genug von deinen Drohungen!", schrie ein Gast und warf ein Stück Brot nach dem Jäger, der mit einer seltsamen Mischung aus Angst und Gleichgültigkeit im Gesicht auszuweichen versuchte und schliesslich ging.
    Wolfhard war wie zu Stein erstarrt dagestanden, hatte das Geschehen gebannt verfolgt. Er fühlte unendliche Erleichterung, als der Mann ging, und mit ihm, zumindest scheinbar, die Gefahr der Jagd. Doch zur selben Zeit hatte er seinen Vater auch davon abhalten wollen, den Fremden aus dem Gasthaus zu werfen. Denn wenn er wirklich der Gejagte war, würde die Jagd, und mit ihr seine Schwester, nicht hierher kommen, sondern an ihnen vorbeiziehen, und möglicherweise nie wieder zurückkehren. Wann würde er wieder eine solche Chance erhalten? Wolfhard sah, wie der Fremde hinter einem Schleier aus Dunkelheit und Regen verschwand. Egal, ob Jäger oder Gejagte; die Wege dieses Mannes würden sich mit der Jagd kreuzen. Wolfhard stellte sich das Gesicht seiner Eltern vor, wenn er mit der verlorenen Tochter zurückkehren würde. Eine Chance, nur eine. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er es bewerkstelligen sollte, doch hatte nicht der Jäger Erfahrung? Könnte nicht er helfen? Ohne weiter zu überlegen lief Wolfhard los in den Regen und den anbrechenden Sturm. Vielleicht hatte sein Vater gerade gerufen, doch kein Geräusch drang durch das Jaulen des Windes und das Prasseln des Regens an seine Ohren.

  • War das er? Alles hier im Sturm wirkte wie die Formen und Umrisse von Gespenstern. Er versuchte die Augen zu öffnen, um besser zu sehen, doch die Regen stachen in seine Augen wie Nadeln, und er kniff sie wieder zu. War das ein Bogen? Ja. Wolfhard streckte seinen Arm aus. Er schien sich beinahe aufzulösen im Regen, schien seine Form zu verlieren. Hastig zog er am Mantel des Fremden und erwartete mit rasendem Herzen seine Reaktion. Der Mann wandte sich um, sah den Jungen, der ihm gefolgt war, packte ihn am Kragen und zog ihn unter einen Baum am Waldrand.
    "Was tust du hier?", fragte er ihn mit misstrauischem Blick. Der Regen verschluckte beinahe seine Stimme. Wolfhard musste sich anstrengen, um ihn zu verstehen. "Weisst du nicht, dass Stürme gefährlich sind? Geh wieder zurück ins Haus und lass mich in Frieden."
    "Ist es wahr?", fragte Wolfhard laut, um den Sturm zu übertönen.
    "Was?", fragte der Mann.
    "Dass Ihr...", begann Wolfhard stotternd, nicht wissend, wie er den Satz zu Ende bringen sollte. "Dass Ihr die Wilde Jagd verfolgt?" Sein Blick streifte nervös den Pfeilköcher des Jägers.
    "Ja", antwortete der Mann vorsichtig. "Zumindest glaube ich daran. Um festzustellen, wer wen jagt, müsste ich ihr aus dem Weg gehen und abwarten, ob sie mir folgt. Doch das werde ich nie tun."
    Wieso?, wollte Wolfhard fragen, doch er traute sich nicht. Stattdessen fragte er: "Darf ich mitkommen?" Gespannt hielt er den Atem an.
    "Von mir aus", meinte der Jäger gleichgültig. Verdattert starrte ihn Wolfhard an.
    "Willst du nicht wissen, wieso?", fragte er ihn.
    "Wieso sollte ich?", erwiderte der Jäger ungeduldig. "Keine Jagd vergeht, während der sich mir nicht mindestens jemand anschliessen will. Sie alle haben Gründe. Sie interessieren mich nicht. Jetzt komm."
    Er ging los. Wolfhard folgte ihm aufgeregt, doch auch ein wenig entmutigt. Wie sollte er ihm helfen können, wenn er nicht wissen wollte, was Wolfhard wollte? Schweigend gingen sie durch den heulenden Sturm, gegen den peitschenden Wind ankämpfend. Immer wieder meinte Wolfhard, das Wiehern von Pferden und das Bellen von Hunden über sich zu hören, doch der Jäger warf keinen einzigen Blick nach oben.
    "Wo gehen wir hin?", rief Wolfhard mit vor Kälte zitternder Stimme.
    "Die alte Burg im Wald", antwortete ihm der Jäger knapp, und Wolfhard wagte es nicht, weitere Fragen zu stellen, obwohl ihm so viele auf der Zunge brannten. Bald betraten sie den Wald, und die Dunkelheit wurde vollkommen. Das Prasseln des Regens drang nur noch gedämpft zu ihnen, doch dafür raschelte und knarrte der Wind in den Ästen der Bäume. Zumindest hoffte Wolfhard, dass die Bäume die Quelle dieser Geräusche waren, denn sie blieben seinem Blick fast vollkommen verborgen. Es dauerte einige Augenblicke, bis Wolfhard erkannte, dass sie vor der kleinen Burg standen, denn sie war überwuchert von Moos und Efeu und schien aus dem Wald herauszuwachen wie die Bäume selbst. Ohne zu Zögern schob der Jäger die Büsche vor dem Eingang beiseite und betrat das Gemäuer. Wolfhard blieb kurz unschlüssig stehen, erinnerte sich an all die Geschichten, die von dieser Burg erzählt werden, doch schliesslich folgte er dem Jäger. Immerhin, dachte er, musste es im Innern trockener sein als draussen. Mit unsicheren Schritten folgte er den im Sturm kaum hörbaren Fusstritten des Jägers, bis er stolperte und hinfiel. Er biss sich auf die Zunge, schürfte sich die Hände auf. Eine Treppe. Auf allen Vieren kroch er hoch, bis schwaches Mondlicht über ihm zu sehen war und sie die Spitze des kleinen Turms erreicht hatten, dessen Decke längst eingestürzt war. Der Jäger setzte sich auf einen faulenden Holzbalken, legte sich den Bogen auf die Knie und rührte sich nicht mehr.
    "Was jetzt?", fragte Wolfhard starr vor Aufregung.
    "Wir warten", antwortete der Mann nur und schwieg. Doch es dauerte lange Augenblicke, bis Wolfhard in der Lage war, sich ausreichend zu beruhigen um ans Absitzen und Warten zu denken. Ungeschickt liess er sich auf einem Steinhaufen nieder und betrachtete nervös den Himmel. Eine Weile lang schwiegen sie beide. Doch irgendwann hielt es Wolfhard nicht länger aus.
    "Meine Schwester ist von der Jagd mitgenommen worden", platzt es aus ihm heraus. "Kannst du mir helfen, sie zurückzubekommen?"
    Der Jäger ignorierte seine Frage. "Woher willst du wissen, ob sie wirklich von der Jagd entführt worden ist?", fragte er.
    "Sie ist im Sturm draussen geblieben und ist nie wieder zurückgekommen. Es muss die Jagd gewesen sein", sagte Wolfhard überzeugt.
    "Vielleicht ist sie auch nur im Regen ausgerutscht und einen Hang hinunter gefallen. Vielleicht hat ein wildes Tier sie erwischt, oder sie ist irgendwo in einer Pfütze versoffen."
    Eine eiserne Hand drückte Wolfhard die Eingeweide zusammen. "Natürlich glaubst du, dass die Jagd sie gestohlen hat. Sonst wäre sie ja auf ewig verloren." Wolfhard wollte widersprechen, doch sein Hals war zugeschnürt, als wollte ihn jemand erwürgen. Lange schwiegen sie. Der Jäger roch einige Male an seinem blutigen Lumpen.
    "Die Jagd hat mir auch jemanden gestohlen", sagte er plötzlich leise. "Ich war früher ein gewöhnlicher Soldat und Bogenschütze meines Fürsten. Er war ein jähzorniger Mann, der seine Zeit mit der Jagd im Wald verbrachte. Und sicher hätte er mir nie Beachtung geschenkt, wenn ich nicht die schönste Frau im Dorf als Geliebte gehabt hätte. Er forderte sie als Zeichen meiner Ergebenheit. Ich versuchte gemeinsam mit ihr zu fliehen, doch er verfolgte uns auf Pferden mit seinen Männern und Bluthunden. Er holte zum Schlag aus. Ich schoss mit meinem Bogen..." Er hielt inne, starrte in den Sturm. War das Regen in seinem Gesicht, oder Tränen?

  • "Hast du getroffen?", fragte Wolfhard gebannt.
    "Nein. Sie starb." Sein Gesicht zog sich zusammen, so dass seine Runzeln sich vertieften. „Ich habe meinen Herrn dafür getötet.“ In diesem Augenblick schien er nicht mehr zu sein als ein alter, schwacher Mann, der eine Geschichte erzählte. "Seither, und das sind viele Jahre, jagt der rachsüchtige Geist meines Herren der unschuldigen Seele meiner Geliebten nach, um sie wieder und wieder zu töten, mich zu quälen. Und ich folge dem Geruch ihres Blutes, um sie zu retten." Er roch wieder an seinem Fetzen, als hinge jede Erinnerung an seine Liebe daran.
    "Was?", rief Wolfhard ungläubig und rutschte erschrocken weg von der Gestalt vor ihm. "Du hast die Wilde Jagd in die Welt gebracht?"
    "Ich weiss nicht", antwortete der alte Mann müde. "Vielleicht gibt es unzählige Geisterreiter, für jede Ungerechtigkeit, für jeden Krieg, jede Sünde. Oder vielleicht hat der Anführer der Jagd tausend Gesichter, für all die grausamsten Seelen, die keine Ruhe finden."
    Wolfhard fühlte seine Hoffnung schwinden. "Aber wenn es die Jagd nur deinetwegen gibt, was will sie denn von meiner Schwester? Wieso nimmt sie die Leute mit, die ihr im Weg stehen?"
    "Ich weiss nichts von deiner Schwester. Vielleicht entführt die Jagd Leute, vielleicht nicht. Was kümmert es mich?"
    Die letzten Worte gingen beinahe unter in einem wütenden Aufbäumen des Windes, der Wolfhard den Atem nahm. Ein Blitz fuhr in den Wald, noch einer, und noch einer. Das Donnern begann, hielt an, schien nicht mehr abzuklingen. Und endlich realisierte Wolfhard, dass dies das Donnern von Hufen war. Dort, bewegte sich dort etwas im Himmel? Die Luft schien zu zittern, zu beben unter unsichtbaren Hufschlägen. Der alte Jäger nahm seinen Bogen in die Hand, legte einen Pfeil auf die Sehne, starrte nach unten. Wolfhard folgte seinem Blick, und da war sie, die geisterhafte Gestalt einer Frau, die auf der Lichtung vor einem unsichtbaren Jäger floh. Das Donnern wurde lauter. Der Wind schrie, als litte er unter jedem Hufschlag und brannte in Wolfhards Augen, so dass er sie zukneifen musste und alle Formen verschwammen. Da waren sie, die Formen der Jäger! Wolfhard sah, wie die spitzen Fänge und weit aufgerissenen Schnauzen der schattenhaften Bluthunde aus der Dunkelheit wuchsen, wie die Pferde plötzlich aus dem Regen sprengten und die Reiter selbst sich aus den Wolken schälten, die mit wilden Stimmen ihre Reittiere anspornten. Der Anführer ritt voraus. Seinen Speer hielt er hoch über seinen Kopf, seine Augen - oder waren es bloss zwei Sterne, die durch die Dunkelheit drängten? - leuchteten in wilder Wut. Die Gejagte brach erschöpft gegen einen Baum zusammen, schien ihr Schicksal zu erwarten. Auch Wolfhards Beine gaben nach, und er wäre gefallen, hätten seine Hände, die starr vor Schreck waren, sich nicht an der Mauer festgekrallt, als hätte er Angst, dass das gesamte Gebäude unter dem Donnergrollen der Hufe einstürzen könnte. Näher und näher stürmten die Geisterreiter, und der alte Jäger spannte vorsichtig seinen Bogen. Wolfhard hielt den Atem an.
    Wenn er den Anführer treffen würde, könnte dann seine Schwester befreit werden? Seine Augen glitten gehetzt von einem Reiter zum anderen, suchten nach seiner Schwester. War das dort ein Mädchen? Oder diese Gestalt dahinter? Er wusste es nicht. Würde er ihn überhaupt treffen können in Sturm und Wind?
    Der Spiess der Anführers hatte das Mädchen beinahe erreicht. Wolfhard zuckte zusammen, als der Bogen plötzlich surrte und der Pfeil in den Sturm schnellte. Ein Schrei. Der Reiter senkte seinen Speer, sein Schlachtross kam plötzlich zum Stillstand. Er hatte getroffen!, dachte Wolfhard mit vor Freude rasendem Herzen. Doch der Reiter fiel nicht. Langsam hob er seinen Kopf, und sah zu Wolfhards Schrecken zum Turm hoch. War das ein Lächeln auf seinen Zügen? War da Blut auf dem Kleid der Frau? Der Jäger liess seinen Bogen fallen, stürzte haltlos auf die Knie, vergrub sein runzliges Gesicht in seinen Händen.
    "Nein, nein, nein", winselte er. "Nicht schon wieder, nicht schon wieder..." Und da verstand, was damals im Wald geschehen war. Was passiert war, nachdem der Jäger auf seinen Herren geschossen hatte. Wie viele Male, fragte er sich, hat er seine Geliebte schon erschossen? Er wich von der Gestalt vor sich zurück, als hätte er gerade ein Gespenst gesehen. War die Gestalt vor ihm ein Geist? Er wusste es nicht. Doch mit Sicherheit war er längst Teil der Wilden Jagd, ohne es zu wissen. Er hob seinen Blick. Die Wilde Jagd ritt rasend im Kreis um einen kleinen Hügel im Wald. Plötzlich wusste er mit Sicherheit, dass seine Schwester dort war. Vielleicht als Mädchen, vielleicht als Hund, oder Pferd. Hastig wandte er sich ab und eilte durch die Dunkelheit, die Treppe hinunter.
    "Wolfhard", rief die Stimme seiner Schwester hinter ihm flehentlich. "Bitte..." Doch er lief und lief, bis er tief im Wald war. Die Gestalten der Reiter hinter ihm waren vielleicht verschwunden, doch das Donnern der Hufe begleitete ihn. Er wollte nichts dringlicher, als endlich im Dorf anzukommen. Doch kurz, bevor er den Waldrand erreicht hatte, blieb er erschrocken stehen, starrte atemlos auf eine grau-schwarze Stelle im Himmel. War das da Rauch hinter den Bäumen, wo das Dorf stand? Oder waren es nur Nebelschwaden, die im Wind trieben und von der Nacht geschwärzt wurden wie von Russ? Wolfhard ging schneller.


    Ende

  • Ende? Was soll das, schreib gefälligst weiter! :D


    Wirköich sehr spannend und eine interessante Form der wilden Jagd. :thumb:

  • Ich wär auch stark dafür! :)


    Gut geschrieben!

    Mut bedeutet nicht die Abwesenheit von Angst sondern die Erkenntnis, dass es etwas wichtigeres gibt als Angst.


    Elizabeth Kostova - Der Historiker

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