-= Legenden Von Eternya =-

  • Halloooooooo Ihr Lieben!!!


    Na wie gez euch allen? Ich hoffe gut! Fleißig geschrieben habt ihr auf jeden Fall seit ich das letzte Mal hier war *brav brav* :)!!! Werd mir dann gleich ein paar Geschichten zu Gemüte führen *freu*


    Also wie ihr schon ahnt *g* gibts bei meiner Geschichte endlich auch wiedermal was Neues ^^
    Meine Frage jetzt an euch: Da ich ja ich glaub 4 Kapitel schon irgendwo in diesem Forum gepostet habe und die sich eigentl inzwischen auch ein bischen verändert haben - so wie der gesamte Plot - soll ich jetzt alles nochmal zusammengefasst und auf neuesten Stand in diesem einen Thread hier zusammen reinstellen? Um unnötige Verwirrungen auszuschließen?
    Also ich frag da lieber vorher weil inzwischen ist das schon ein bischen was ...


    Freu mich auf eure Antwort und wünsch euch einen schönen Abend!!!


    Viele liebe Grüße :)

  • Ich kenn dich zwar nicht, und auch deine Geschichte bisher nicht, aber ich bin gespannt :D Hau rein.

    Liebe ist so kompliziert, wie man sie macht.
    -Ich-

    '5 Centimeter per Second' - die Geschwindigkeit mit der Kirschblüten zu Boden fallen [und gleichzeitig die Geschwindigkeit in der sich Menschen voneinander entfernen].


  • Prolog
    Am Anfang war der Schmerz


    Jahr 1 vor der Vertreibung
    Im Norden von Harian


    Seit dem Morgengrauen regnete es in Strömen. Schwarze Wolken hatten den Himmel verdunkelt, als wollten sie dem Land die kleine Freude einiger Sonnenstrahlen nicht gönnen. Doch nun war es endgültig Nacht geworden und eine noch tiefere Dunkelheit hatte sich wie ein Totenschleier über die sanften, grünen Hügel und dichten Wälder Harians gelegt.


    Immer noch fielen dicke Tropfen auf den aufgeweichten Boden, als wollte der Himmel die Schande ertränken, die sich vor kurzem hier zugetragen hatte. Doch selbst der tosende Donner vermochte die gequälten Schreie der Sterbenden nicht zu übertönen, deren Blut sich mit dem Schlamm am Erdboden mischte. Wütende Blitze zerschnitten den Horizont und enthüllten den grauenhaften Anblick der geschundenen Leiber - manche regungslos, andere sich vor Schmerz windend.


    Der beißende Wind heulte über die Ebene, und zerrte an den Umhängen von ein Dutzend schwarzgewandeter Gestalten. Sie hatten in ihrem grausigen Tun innegehalten, als ihr Anführer eingetroffen war, der nun schweigend zwischen den verstümmelten Körpern hindurchschritt. Der metallische Geruch von Blut verpestete die frische, vom Regen gereinigte Luft.
    Ein Dutzend Elfen war es nicht mehr gelungen sich vor ihren Verfolgern in den nahen, schützenden Wald zu retten, was ihr Schicksal besiegelt hatte.


    Langsam schritt Lorcan durch die Reihen der Toten und Verwundeten, wobei er sich Mühe geben musste nicht das Gleichgewicht zu verlieren, da seine Lederstiefel immer wieder im Schlamm versanken. Seine dunkle Tunika und der schwere Umhang waren vollkommen durchnässt und klebten unangenehm an seinem Körper. Fassungslos bahnte er sich einen Weg durch das Grauen, das er zu verantworten hatte.
    Leere Augen starrten blind hinauf zum vollen Mond, der hinter den schwarzen Wolken erschienen war und die Szene in ein unwirkliches, silbernes Licht tauchte.
    Er spürte wie sich seine Kehle bei jedem Schritt weiter zuschnürte, als würden sich die vielen leblosen Hände um seinen Hals legen und zudrücken.


    Plötzlich packte eine bleiche Hand seinen Fuß und er wäre fast gestolpert. Erschrocken blickte er hinab und sah einen Elfen, der auf den Rücken lag und sein Bein umklammert hielt. Mit seinem anderen Arm versuchte er die Eingeweide zurückzuhalten, die aus seinem aufgeschlitzten Bauch quollen. Als er zu sprechen versuchte schoss gurgelnd ein Schwall Blut aus seinem Mund und der Arm erschlaffte nachdem er ein letztes Mal krampfartig zugepackt hatte. Die Regentropfen fielen ungehindert in seine weit aufgerissenen Augen und bildeten dort kleine Seen. Lorcan kniff seine Augen zusammen um sich von dem Anblick loszureißen.


    Seine schulterlangen, dunklen Haaren hingen ihm in nassen, gelockten Strähnen ins Gesicht. Die Augenbrauen bildeten in der Mitte zwei steile Falten und die Lippen hatte er zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Anscheinend hatten die Elfen sich gewehrt, denn er sah wie seine Gefolgsleute zwei schlaffe Körper vorsichtig auf die Rücken zweier Pferde banden, die nervös umhertänzelten. Der Geruch von Blut und Tod machte sie schreckhaft. Die Männer sprachen leise und hektisch miteinander, offensichtlich hatten sie erwartet er würde ihnen zufrieden auf die Schulter klopfen.
    Doch er empfand nichts als Abscheu und Ekel für sie.
    Diesmal waren sie zu weit gegangen.
    Es hätte niemand sterben müssen.
    Er hatte nicht gewollt, dass jemand stirbt.


    Das Wimmern eines Babys riss ihn aus seinen Gedanken. Entsetzt ging er in die Richtung aus der es gekommen war. Nahm dieser Alptraum denn überhaupt kein Ende mehr?
    Wenige Schritte entfernt lag eine junge Elfe, ein Baby schützend an ihre Seite gepresst. Sie lebte noch, denn Lorcan hörte sie erschreckt aufkeuchen als er sich ihr näherte. Mit letzter Kraft redete sie auf ihr Kind ein um es zu beruhigen. Vielleicht hatte sie die Hoffnung, dass es unbemerkt bliebe.
    Wäre er früher hier gewesen, er hätte es verhindern können
    Er hätte es verhindern müssen.


    „Nein! Ich flehe Euch an, verschont mein Baby ...“, schluchzte sie hysterisch als Lorcan sich neben sie kniete. Ihr langes, pechschwarzes Haar schwamm in einer dunkelroten Pfütze, in der sich das fahle Mondlicht spiegelte. Das Kind schien unverletzt, doch die Elfe hatte eine tiefe Schnittwunde über der Hüfte davongetragen. Ihr helles Gewandt war zerfetzt und von ihrem eigenem Blut durchtränkt. Ihr Körper zitterte. Wahrscheinlich war es einzig die Sorge um ihr Kind, die sie noch am Leben hielt.


    Das einst bestimmt hübsche Gesicht war von Schmutz überzogen.
    Es war ein Gesicht, von dem er nicht mehr zu hoffen gewagt hatte, es je wiederzusehen.
    „Sabira ...“, keuchte er und hatte das Gefühl zu ersticken als ihm die
    weiteren Worte im Hals stecken blieben.
    „Lorcan? Was ...?“, sie starrte ihn aus großen Augen an.
    „Nein, ssscht, nicht sprechen! Bleib ruhig liegen, es kommt alles wieder in Ordnung!“, schon als er die Worte aussprach wusste er, dass es eine Lüge war. Eine Lüge, die ihm das Herz zerriss. Er zog hastig seinen Umhang aus und presste ihn auf die klaffende Wunde.
    Sie hustete und dunkles Blut rann aus ihren Mundwinkeln.


    Was hatte er nur getan.


    Zum ersten Mal war er dankbar für den Regen, der die heißen Tränen verbarg, die von seinem Gesicht tropften.
    Als sie sprach war es nur noch wenig mehr als ein Flüstern: “Kümmere dich um meine Tochter ...“
    Sie lockerte ihren Griff um das Baby und Lorcan hob das dreckige,
    zappelnde Bündel mit zitternden Händen hoch.
    Ein schwaches Lächeln erschien auf Sabiras Gesicht. Sie wollte eine Hand nach ihm ausstrecken, doch war bereits zu schwach dafür.
    “Ich habe jeden Mond auf dich gewartet .. ich habe dich nie vergessen ... ich ...”, mit diesen letzten geflüsterten Worten erstarb ihr Atem und ihre Augen waren für immer gebrochen. Blind wie all die anderen, die ihn von diesem Tag an verfolgen sollten.
    “Vergib mir ...”, heiße Tränen mischten sich mit dem kalten Regen, der langsam nachließ. Es war still geworden, bis auf das ferne, einsame Heulen eines Wolfs. Im Osten färbte sich der Himmel bereits orange und kündete von dem neuen Tag, der in Kürze anbrechen würde.


    Das Baby schmiegte sich unter seinem Umhang zufrieden an seine warme Brust. Als er den Blick dieser hellblauen Augen erwiderte, die ihn fragend und unschuldig anblickten, drohten ihn seine Erinnerungen zu ersticken. Erinnerungen an einen glücklicheren Ort, eine glücklichere Zeit, an hellblaue Augen die ihn fragend anblickten ...

  • ***
    Lorcan schritt so hastig aus als könne er vor seiner eigenen Aufregung davonlaufen. Die Sonnenstrahlen, die durch das dichte Blätterdach fielen, malten kachelartige Lichtflecken auf den feuchten Waldboden. Die Luft schien vor Leben zu vibrieren. Buchfinken, Rotkelchen, Maisen und unzählige andere sangen ihre fröhlichen Lieder, während die Grillen um die Wette zirpten und Bienen hastig von einer Blume zur anderen summten. Der schwere, süßliche Geruch von zahllosen Blüten kitzelte seine Nase und brachte ihn auf eine Idee. Hastig pflückte er am Wegrand einige Blumen bis er einen kleinen Strauß beisammen hatte, der in den verschiedensten Farben leuchtete. Zufrieden mit seinem Werk, setzte er seinen Weg fort, immer tiefer in den Wald, nicht wissend, dass er heute das Schicksal von ganz Eternya besiegeln würde. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als ein Reh vor ihm aus dem Unterholz brach und fröhlich über den Weg davonhüpfte. Der Schreck war ihm bis in die Knochen gefahren und ließ ihn erkennen wie nervös er wirklich war. So konnte er ihr nicht gegenübertreten. Er versuchte sich zu beruhigen. Nach einigen tiefen Atemzügen schien sich sein Magen etwas zu entspannen. Er hatte sein Ziel beinahe schon erreicht hatte. Am Ende des Weges tat sich eine riesige Lichtung auf in deren Mitte ein dunkelblauer See lag.


    Als er noch ein Kind war, war er oft zum Baden hier her gekommen. Er war stets ein Einzelgänger gewesen. Eines Tages war er hier einem jungem Mädchen begegnet, wie er noch nie eines kennen gelernt hatte. Nach anfänglichem Misstrauen hatte er mit der kleinen Elfe jedoch bald Freundschaft geschlossen.
    Von da an hatten sie sich zu jedem vollen Mond hier getroffen. Heimlich, denn obwohl Elfen und Menschen seit jeher in Frieden nebeneinander lebten, war eine Verbindung der beiden Völker nicht gerne gesehen.
    Lorcan war nie ein Mensch gewesen, der anderen leichtfertig vertraut hatte, doch sie war eine Ausnahme gewesen. Sie war seine Familie geworden. Seine Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben und sein Vater war fortgegangen, er hatte den Tod seiner Frau niemals überwunden. So war er bei verschiedenen Familien seines Dorfes aufgewachsen, die sich zwar alle herzlich um ihn gekümmert hatten, doch wirklich zuhause hatte er sich nirgends gefühlt. Bis er diesen versteckten See entdeckt hatte, und das Geheimnis einer wahren Freundschaft.
    Als einige Jahre vergangen waren, kam schließlich der Tag, an dem er zum ersten Mal bemerkte hatte, wie seidig ihre langen, schwarzen Haare waren, wie sehr ihre hellblauen Augen im Mondlicht leuchteten und wie wohl geformt ihr schlanker, graziler Körper war. Das war der Augenblick gewesen, in dem er sie zum ersten Mal mit den Augen des Mannes gesehen hatte, zu dem er herangewachsen war. Sie unterschied sich so sehr von den Mädchen in seinem Dorf. Er hatte ihr nie von diesen neuen Gefühlen erzählt, die ihn überwältigten wann immer sie ihn anlächelte oder zufällig berührte. Er wollte sie nicht erschrecken, denn er verstand es ja selbst nicht. Die Zeit zwischen ihren Treffen wurde für ihn immer unerträglicher, und nach einer Weile erkannte er schließlich was mit ihm geschehen war. Er wollte nicht mehr ohne sie sein, wollte sie stets um sich haben und keinen Moment vergeuden, den er nicht mit ihr teilen konnte.
    So hatte er sich heute auf den Weg gemacht, ihr seine Liebe zu gestehen.


    Inzwischen hatte er den Waldrand erreicht. Und da saß sie - am Ufer, wie vor all den Jahren, die so weit entfernt schienen. Ihr hellblaues Kleid schmiegte sich sanft an ihre weiblichen Rundungen. Dieser Anblick ließ seinen Atem stocken. Er verharrte einige Momente bis er seinen ganzen Mut zusammen nahm und mit weichen Knien auf die Lichtung trat. Sein Herz raste als wolle es aus seiner Brust springen, als sie auf ihn zugelaufen kam und ihn zur Begrüßung umarmte. Ihre Haare dufteten süßer als jede Frühlingswiese.
    “Du hast dich verspätet”, sagte sie mit einem kecken Lächeln auf den Lippen, das ihre vorwurfsvollen Worte Lügen strafte.
    “Oh die sind ja schön! Sind die für mich?Oh danke Lorcan, das ist lieb von dir!”, freudig hatte sie sich den Blumenstrauß schon selbst geschenkt bevor er etwas dazu sagen konnte.
    “Ich, äh ...”, war alles was er vor Aufregung hervorbrachte.
    “Ist schon gut! Komm! Die Erdbeeren sind endlich reif, die musst du unbedingt probieren!”, mit diesen Worten hüpfte sie übermütig davon.
    Mit weichen Knien folgte er ihr. Die Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf, wie sollte er es ihr bloß sagen?
    “Wo bleibst du denn? Ich muss dir etwas Wichtiges erzählen!”.
    Er beschleunigte seinen Schritt und hatte sie bald eingeholt. Sie hockte sich wieder ans Seeufer und begann große, rote Erdbeeren in einen geflochtenen Weidenkorb zu legen. Er setzte sich mit überkreuzten Beinen neben sie, als sie ihm eine der köstlichen Früchte anbot. Er nahm sie und drehte sie eine Weile in den Händen, da er nicht wusste wie er dieses Gespräche beginnen sollte. Nachdem sie ihm kurz dabei zugesehen hatte fragte sie:
    “Was ist nur los mit dir heute?”, zwei hellblaue Augen blickten ihn fragend an.
    “Ist irgendetwas passiert?”
    Ein warmer Wind wehte ihr einige Strähnen ihres glänzenden, schwarzen Haares ins Gesicht. Sie war schöner als alle Mädchen die er je gesehen hatte.
    “Nein ich ... es ist nichts passiert.”
    Sie lächelte ungläubig und widmete sich wieder den überreifen Früchten.
    Er konnte selbst nicht glauben wie töricht er sich benahm, sie hatten sich jahrelang alles erzählt, und jetzt brachte er nicht fertig einen vernünftigen Satz zu formulieren. Nun verstand er warum der Metzger im Dorf immer wieder gesagt hatte: “Frauen verwirren den Verstand, Junge.”. Nun verstand er es nur zu gut. Er schüttelte den Kopf über seine eigenen Gedanken.
    “Sabira, hör mir bitte zu, ich muss mit dir etwas sagen”, begann er schließlich und es klang weniger selbstsicher als er beabsichtigt hatte.
    Sie hörte auf die Umgebung weiter nach Erdbeeren abzusuchen und legte den Korb beiseite.
    “Klingt ja sehr geheimnisvoll! Na sag schon, ich will alles erfahren!”, meinte sie, sichtlich gespannt darauf was er ihr mitzuteilen hatte.
    Er nahm noch einen tiefen Atemzug bevor er anfing zu sprechen:
    “Ich weiß nicht so richtig wie ich anfangen soll ... wir kennen uns nun schon so lange und du bist meine beste Freundin”
    “Und du bist mein bester Freund, egal was alle anderen davon halten, das weißt du doch”, sagte sie mit einem aufmunternden Lächeln und drückte seine Hand. Ihr vollen Lippen hatten die Farbe der reifen Früchte und brachten sein Blut in Wallung. Abrupt stand er auf und dreht sich um - er musste sich konzentrieren. Er betrachtete eine Weile den tiefblauen See, die Sonnenstrahlen tanzten auf den Wellen wie kleine Diamanten.
    “Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen und ich will es auch gar nicht!”, sagte er nun mit fester Stimme immer noch zum See gewandt.
    “Oh Lorcan, das musst du auch nicht, ich werde immer deine Freundin sein. Aber warum benimmst du dich so seltsam? Wirst du etwa fortgehen?”
    “Nein Sabira, ich liebe dich, und ich möchte, dass du mit mir den Bund schließt.” Er hatte das so schnell gesagt, dass er sich nicht sicher war ob sie es verstanden hatte. Er drehte sich wieder zu ihr um. Sie sah ihn an als hätte er so eben erklärt Erdbeeren wären blau und wachsen auf Bäumen. Unter anderen Umständen hätte er diesen Gesichtsausdruck komisch gefunden. Sie senkte ihren Kopf und starrte entgeistert den Boden an. Nach einer Weile sprach sie mit zitternder Stimme:
    “Lorcan, ich ... nein bitte, es darf nicht sein! Ich wollte dir doch auch etwas erzählen, ich ... ich bin versprochen”, eine einzelne Träne rann über ihre Wange. Lorcan fühlte sich als hätte ihm jemand einen Dolch in seine Eingeweide gerammt und würde kräftig daran herumdrehen. Doch ein letzter Hoffnungsschimmer regte sich in ihm.
    “Aber ... das macht nichts, wir gehen fort! Nur du und ich! Wir werden gemeinsam irgendwo leben, ich werde arbeiten und ...”, sie unterbrach ihn energisch.
    “Nein Lorcan! Hörst du mir nicht zu? Ich bin versprochen!”
    “Aber, aber du liebst ihn nicht, du kannst ihn nicht lieben ... du gehörst zu mir! Wir gehören zusammen!”
    Sie sah ihn mitleidig an und dieser Blick sagte ihm alles was er wissen musste. Er hatte das Gefühl als wäre es mit einem mal eisig kalt geworden.
    “Hör zu Lorcan, du bist der beste Freund den ich je hatte ... aber mein Vater würde mir nie erlauben einen Mensch zu heiraten, das weißt du! Und ich habe dir doch von Semiás erzählt ... er hat gestern um meine Hand angehalten, und ... ich habe ja gesagt, Lorcan. Ich liebe ihn.”
    Sie schien ihm plötzlich so fremd zu sein, so fern, unerreichbar.
    Er hatte diesen Moment dutzende Male in seinen Gedanken durchgespielt, doch hatte es stets damit geendet, dass sie glücklich in seinen Armen lag. Nun kam es ihm vor als würde dies alles jemand anderem passieren, als würde er sich selbst von irgendwo außerhalb seines Körpers beobachten wie er auf dieser Lichtung stand.
    Sie stand auf und kam auf ihn zu. Als sie seine Hände ergreifen wollte zuckte er zurück. Seine Augen brannten, doch er würde nicht weinen, nicht vor ihr. Er hatte ihr vertraut. Sie war seine einzige Freundin, seine Familie gewesen, all diese Jahre. Doch sie hatte ihn belogen. Nein, er hatte sich selbst belogen. Er war allein, wie damals, wie immer schon. Wie hatte er erwarten können, dass eine Elfe ihn lieben würde? Auch sie würde ihn verlassen wie seine Eltern ihn verlassen hatten. Wie hatte er glauben können für eine Elfe gut genug zu sein? Wie hatte er so töricht sein können? Er, der es doch besser als jeder andere hätte wissen müssen. All der Schmerz und die Enttäuschung, die er gerade noch gespürt hatte verwandelten sich mit einem mal in kalte, alles verzehrende Wut. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er zischte:
    “Wage es nicht mich noch einmal anzufassen.”
    Erschrocken wich sie vor ihm zurück, so hatte sie ihn noch nie erlebt. Ihre Tränen hinterließen dunkle Flecken auf dem hellen Kleid.
    Mit einem letzten, hasserfüllten Blick drehte er sich um und ging wie in Trance auf den Waldrand zu. Sie blieb wie versteinert stehen, lief ihm dann jedoch hinterher und schrie verzweifelt:
    “Lorcan, nein warte, so darf es nicht enden!”
    Doch er hielt geradeaus auf den Wald zu ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Sie blieb stehen und brach am Boden zusammen. Als er den Waldrand erreicht hatte blickte er zurück. Da kauerte sie, in der Mitte der Lichtung am Erdboden, von Krämpfen geschüttelt da sie so heftig weinte, selbst hier konnte er ihr Schluchzen noch hören. Und er empfand nichts. Nichts als Zorn.


    ***


    Später erzählten die Leute in seinem Dorf, dass sich der junge Lorcan von einem Tag auf den anderen verändert hatte. Er wurde immer verbitterter und hasserfüllter, doch wollte er niemanden den Grund dafür nennen. Bald bemerkten sie, dass es etwas mit den Elfen zu tun haben musste, denn wann immer er sich im Wirtshaus betrank, was immer häufiger geschah, brach er in Hasstiraden über sie aus. Sie alle seien eingebildet, arrogant, hochnäsig, hielten sich für etwas Besseres und wollten deshalb ihre Magie nicht mit den Menschen teilen. Wohnten deshalb zumeist im Wald, abseits der menschlichen Siedlungen. Wollten deshalb nicht, dass sich ihre Söhne und Töchter mit Menschen einließen. Lorcan war ein begnadeter Redner und schon bald schlossen sich ihm einige junge Männer aus dem Dorf an. Wann immer sie konnten prangerten sie die Elfen an. Gaben ihnen die Schuld für Krankheiten, Überschwemmungen, Ernteausfälle. Bald wurde alles Schlechte, das den Menschen widerfuhr den Elfen zugeschrieben. Immer mehr und mehr schlossen sich ihm an und sie begannen sich die Lorcaner zu nennen, denn sie sahen Lorcan als ihren großen Anführer. Der Hass auf die Elfen verbreitete sich wie ein Lauffeuer, endlich hatte man einen Sündenbock für all das Übel gefunden. Obwohl die Elfen den Menschen geholfen hatten wann immer sie um Hilfe gebeten worden waren, wurde auch die Magie, die sie wirkten, bald für böse befunden. Die Zahl der Lorcaner wuchs zusehends, nach einem halben Jahr waren es schon mehrere Hundert. Sie zogen von Dorf zu Dorf und gewannen immer mehr Anhänger für ihre Sache. Es dauerte nicht lange und sie waren der Meinung ganz Eternya sei nicht groß genug für die Menschen und die magischen Völker. Die wenigen Elfen die in den Städten der Menschen lebten wurden bald vertrieben. Es waren nicht alle dieser Ansicht, doch es war abzusehen, dass es zu einem Krieg kommen würde. Jeder wusste, dass die magischen Völker Kinder der Natur waren und deshalb eng mit dem Land verbunden. Wahrscheinlich war das der Grund wieso sie beschlossen Eternya den Menschen zu überlassen und nicht zu kämpfen, aus Liebe zu ihrem Land. Denn hätten sie gekämpft, was sie durchaus gekonnt hätten, wäre ihr geliebtes Land verwüstet worden. So verließen sie Eternya und zogen hinter die Nebel in die Anderswelt, die die Menschen nicht zu betreten vermochten. Es gab bestimmte, ihnen heilige Orte zu denen sie alle wanderten, dort konnten sie Brücke in jene verborgene, magische Welt schlagen.


    Doch einigen fanatischen Lorcanern genügte es nun nicht mehr, dass sie von diesen Gestaden zogen. Ihrer Meinung nach sollten sie vollständig ausgelöscht werden, damit Eternya endlich und endgültig frei sein konnte. Lorcan lehnte dies jedoch entschieden ab.
    Dann kam der Tag als eine Patrouille jener Lorcaner auf eine Gruppe flüchtender Elfen traf und die Verfolgung aufnahm. Gegen die berittene Truppe hatten sie keine Chance. Doch bekam es der Jüngste von ihnen mit der Angst zu tun und ritt zurück, um Lorcan zu benachrichtigen, der sich sofort auf den Weg machte um zu verhindern was nicht mehr verhindert werden konnte. Er kam zu spät.


    Er wusste nicht mehr wie lange er geweint hatte. Er konnte den Blick nicht von der reglosen Gestalt abwenden, die vor ihm im Dreck lag. Etwas in ihm hatte sich verändert. Die Sonne war inzwischen über die Berge gewandert, und kämpfte mit dem kalten, feuchten Nebel der über der Ebene lag. Raben und Krähen umkreisten das Feld, in Erwartung eines Festmahls. Alles schien so unwirklich, schemenhaft, als wäre es ein Traum. Doch die bittere Wirklichkeit war ein Berg aus Leichen, aufgestapelt, um verbrannt zu werden.
    Und es war seine Schuld. Er hatte den einzigen Menschen getötet, den er jemals geliebt hatte. Seine Hand hatte nicht das Schwert geführt, doch sein verletzter Stolz und sein gebrochenes Herz hatten ihr Schicksal besiegelt.
    Er fühlte sich mit einem mal so leer. Da war nichts mehr, kein Zorn, keine Wut, kein Hass. Nur Reue und diese alles verschlingende Leere.


    Nach diesem Tag kündigte Lorcan an, dass der Orden der Lorcaner, wie sie sich inzwischen nannten, aufgelöst werde. Er versuchte seine Anhänger davon zu überzeugen, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Dass es falsch war, was sie getan hatten, dass sie sich geirrt hatten. Doch davon wollten sie nichts hören, denn im Orden der Lorcaner hatten jene, die sich mit einem einfachen Leben eines Bauers nicht begnügen wollten, eine Aufgabe, eine höhere Berufung für sich gefunden. Einige behaupteten die Elfenhexe hätte ihn vor ihrem Tod verzaubert und so wurde er als Verräter davon gejagt.
    Lorcan schloss sich den letzten fliehenden Elfen an, die ihn in ihrem Großmut gestatteten, mit ihnen hinter die Nebel in die Anderswelt zu gehen. Denn er wollte Sabira, so hatte er das Kind genannt, nicht zumuten in der Welt aufzuwachsen, die er erschaffen hatte.


    Die Lorcaner wählten einen neuen Anführer, und nannten ihn Lorcan. Sie sahen sich nun als Befreier und Herrscher über Eternya und führten ein strenges Regime.
    Nach und nach wurden Stimmen laut die sich gegen den Orden erhoben. Doch wurde jeder Aufstand im Keim erstickt und deren Anführer öffentlich hingerichtet. Die Leute lebten in ständiger Angst und fügten sich.
    Erst als die Lorcaner begannen ganze Familien auszurotten, deren Ahnen Elfen waren, erhoben sich die Menschen gemeinsam, unter der Führung von Harian dem I., um die Lorcaner zu vertreiben. Sie wurden gezwungen über das Himmelsgebirge zu fliehen, jene Bergkette, die den Kontinent Eternya teilte und als unüberwindbar galt, denn ihre Gipfel ragten bis in die Wolken. Jene, die es gewagt hatten über dieses Gebirge in die unbekannten Länder zu ziehen, die dahinter lagen, waren nie wieder zurückgekehrt.


    Und seit jenem Tag galt das Himmelsgebirge als verflucht. Immer wieder verschwanden Menschen und Tiere spurlos, die sich zu weit in dessen Nähe gewagt hatten. Die Legende erzählt, die vertriebenen Lorcaner seien bei der Überquerung des Gebirges umgekommen und zu Dämonen geworden, die nun die Lebenden heimsuchen um Rache zu nehmen.


    Doch noch ahnte niemand, wie wahr diese Legende wirklich war.

  • Sehr athmosphärisch geschrieben, obwohl ich die Sterbeszene mit dem Kind ein wenig kitschig finde, aber das liegt wohl daran, dass ich ein Mann bin ;P

    Liebe ist so kompliziert, wie man sie macht.
    -Ich-

    '5 Centimeter per Second' - die Geschwindigkeit mit der Kirschblüten zu Boden fallen [und gleichzeitig die Geschwindigkeit in der sich Menschen voneinander entfernen].

  • Hey danke für die schnelle Antwort *freu* :)


    Hm ja da hast du Recht - hab mir auch schon überlegt die zu ersetzen ... sollts viell nochmal in Erwägung ziehen ... aber bitte mit Kritik nicht zurückhalten :)!!!


    DANKE :)!!!


  • 1. Kapitel
    Alexia



    Jahr 347 nach der Vertreibung
    Harian
    Palast von Aranod

    Die Dunkelheit im Schlafgemach von Hesiod, König von Harian, Großkönig der Vier Goldenen Länder war vollkommen. Kein Lichtstrahl drang durch die schweren Brokatvorhänge, die drei zimmerhohe Fenster am Kopf des Bettes verdeckten. Bis auf Hesiods gleichmäßige, tiefe Atemzüge war kein Geräusch zu hören. Gelegentlich wurden sie von einigen, nicht sehr königlich anmutenden Grunzlauten unterbrochen, die wohl so etwas wie ein Schnarchen sein mussten, überlegte Alexia, seine Frau und Königin, die neben ihm lag.
    Seit sie zu Bett gegangen waren versuchte sie sich wach zu halten, indem sie Hesiods normale Atemzüge zwischen den Grunzlauten zählte. Sie durfte keinesfalls einschlafen, denn heute Nacht war es wieder so weit.
    Als ihr Gefühl sagte, dass Mitternacht nicht mehr weit sein konnte, kroch sie vorsichtig unter der dicken Schicht von Baumwolldecken hervor. In ihrem langen, weißen Nachtgewand tapste sie behutsam zu der hölzernen Tür neben ihrem Bett und trat hindurch, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ihr Gemahl nichts bemerkt hatte.
    Sie befand sich nun in ihrem Privatgemach, das sie vorwiegend tagsüber benutzte um sich ihren Stickereien, Malereien und anderen handwerklichen Tätigkeiten zu widmen, wie es sich für eine Königin schickte. Das lies sie zumindest alle glauben wenn sie verlangte nicht gestört zu werden.
    Es war ein längliches Zimmer, dessen Wände mit polierten, dunklen Regalen und farbenfrohen Wandbehängen ausgefüllt waren. Fünf mannshohe Fenster boten tagsüber eine wahrhaft königliche Aussicht auf den blühenden Garten des Palastes, der in allen Farben des Regenbogens leuchtete. Die Gärten erstreckte sich bis zum Ufer des Türkissees, der die gesamte Insel einschloss auf, der der gewaltige Palast einst errichtet worden war. Seinen Namen verdankte er seiner außergewöhnlichen blasstürkisen Farbe. In der Ferne wurde er von einem Wasserfall gespeist, der dem Königsgebirge entsprang, das sich dahinter wie ein schützender Mantel an den See schmiegte.
    Die Wand gegenüber der Tür wurde von einem riesigen, schwarzen Kamin eingenommen, der von filigranen Schnitzereien umrandet war, die Szenen einer Wildschweinjagd darstellten – eine alte Tradition in Harian. Ein wohlig warmes Feuer knisterte bereits darin; sie hatte ihre Mägde angewiesen es zu entzünden bevor sie zu Bett gingen. Sie würde sich gewiss nicht selbst mit solch niederen Arbeiten aufhalten, immerhin war sie die Königin.
    Wie immer erfüllt sie dieser Gedanke mit schier endlosem Stolz. Ihre Kindheit hatte sie damit verbracht den Makel ihrer niederen Geburt auszugleichen, denn sie hatte schon immer gewusst was sie wollte - Macht. Und nun war sie Großkönigin der Vier Goldenen Länder. Dies hatte sie vor allem ihrem unbändigem Ehrgeiz und ihrer gnadenlosen Selbstdisziplin zu verdanken. Und es war erst der Anfang.


    Erhobenen Hauptes schritt sie auf ein zierliches Mahagoniregal zu, das neben dem gewaltigen Kamin ziemlich unscheinbar wirkte. Doch tatsächlich verbarg es Unterlagen und Gegenstände, für die man sie vermutlich köpfen, hängen oder vierteilen würde. Oder alles auf einmal, dachte sie mit einem selbstgefälligem Lächeln.
    Ihre nackten Füße hinterließen bei jedem Schritt schwache Abdrücke auf dem dicken Teppich, der ebenfalls einige farbenreiche Jagdszenen zeigte. Sie hatte es arrangiert Hesiod bei einem seiner Jagdausflüge kennen zu lernen, weshalb er es wohl als romantisch empfand sie mit Dingen zu überhäufen, die solche Bilder zeigten. Bei dem Gedanken an Hesiod blieb sie abrupt stehen. Die Tür war nicht abgeschlossen. Sie wurde unvorsichtig, doch durfte es jetzt keinesfalls verderben, sie hatte zu lange auf dieses Ziel hin gearbeitet, ermahnte sie sich selbst. Zu viel Selbstsicherheit konnte sie buchstäblich den Hals kosten, also ging sie hastig zurück und schloss die Tür mit dem großen, eisernen Schlüssel ab, der in dem geölten Schloss steckte.
    Nun hieß es keine Zeit mehr zu vergeuden. Hastig ging sie zu dem Regal und öffnete die dritte Schublade von oben, die eine Menge belangloser Schriftstücke enthielt. Größtenteils waren es wertlose Anleitungen für verschiedene Stickstiche: Wabenstich, Grätenstich, Schlingstich ..., die sie achtlos auf den Teppich fallen lies. Am hinteren Teil der Lade war eine winzige Lasche befestigt, die ein kleines Geheimfach öffnete. Darin war ein handgroßer, schwarzer Samtbeutel versteckt, den Alexia vorsichtig heraus nahm.
    Sie setzte sich auf ein schwarzes Bärenfell, das vor dem Kamin ausgebreitet war. Alexia atmete einmal tief durch und öffnete die raue Lederschnur, die den Beutel sorgsam verschlossen hielt. Sofort stieg ihr ein beißender Geruch wie von faulen Eiern in die Nase, doch hatte sie gelernt den aufkommenden Brechreiz zu unterdrücken indem sie durch den Mund weiter atmete.
    Sie griff hinein und nahm eine kleine Brise des feinen, ockerfarbenen Pulvers heraus, das sie mit einer eleganten Handbewegung ins Feuer warf. Die Flammen zischten wütend auf und nahmen eine kränkliche, giftgrüne Farbe an.
    Alexia schloss die Augen und breitete würdevoll ihre Arme aus.
    „O asben T´rechiat Ni kalaystat Una“, begann sie mit tiefer, kehliger Stimme zu intonieren. Die Flammen malten schemenhafte Schatten an die Wände, die in einem unheiligen Reigen zu ihren Worten tanzten.
    Und mit einem mal sackte ihr Körper leblos zusammen, wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt worden waren.


    Das betäubende Gefühl der Schwerelosigkeit erfasste jede Faser ihres Seins, als sie in die Nebelwelt gezogen wurde - befreit von der erdrückenden Last ihres irdischen Körpers. Eine sanfte, fast gestaltliche Finsternis umwehte sie und lockte ihr Bewusstsein in seine süße Umarmung vollkommenen Friedens. Sie war bereit sich hinzugeben, doch ein winziger Teil von ihr wusste, dass sie der Versuchung nicht nachgeben durfte, dagegen ankämpfen musste. Die Konsequenzen wären schrecklich, doch das Versprechen zu großzügig ...
    Am Rande ihres Blickfeldes sah sie einen schwachen, hellen Schein. Sie drehte sich danach um, unendlich langsam. Alles bewegte sich in Zeitlupe. Die Lichtquelle wuchs, wurde immer größer. Nein, sie bewegte sich darauf zu, immer schneller. Helle Nebelschwaden umschlossen sie und reizten ihre betäubten Sinne. Sie wehrte sich dagegen, wollte wieder zurück, sich in dieser gütigen Dunkelheit des Vergessens verlieren ...
    Doch dann lichteten sich die Nebel.
    Sie stand vor einem riesigen, versteinerten Baum. Einer jahrhunderte alten Goldeiche, deren Äste zu grotesken Formen verrenkt waren, als hätten sie dereinst unsägliche Qualen erleiden müssen. Sogar im Tod hatte sie etwas überwältigend Majestätisches an sich, das Alexia zurückweichen lies. Der Boden war trocken und rissig und sie wäre beinahe über einen Stein gestolpert. In einigen Längen Entfernung begann die Nebelgrenze, die sie in einem weiten Kreis umringte und von der lauernden Finsternis trennte. Langsam klärte sich ihr Kopf, der sich anfühlte als wäre er mit Watte gefüllt und Erinnerungen zuckten wie Blitze durch ihren Geist.
    Sie kannte diese Eiche. Sie kannte diesen Ort, sie war schon oft hier gewesen. Um ihn zu treffen.
    In diesem Moment trat er hinter dem Baum hervor und kam gemessenen Schrittes auf sie zu, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
    Er trug ein weißes, grob gewebtes Leinenhemd, dazu eine hellbraune Baumwollhose.
    Alexia senkte ihr Haupt und vollführte einen tiefen Hofknicks während sie sprach:
    „Ich grüße Euch, Meister“, ihre Stimme hörte sich eigenartig dumpf an und ein Echo folgte ihren Worten, das sie zu verspotten schien. Verwirrt blickte sie sich um und entdeckte dabei eine hauchdünne, silber glänzende Schnur, die aus seinem Hinterkopf wuchs und sich in den Nebeln verlor.
    Er beobachtete sie sichtlich belustigt. Sein schwarzes, geöltes Haar war an den Schläfen bereits von einigen grauen Strähnen durchzogen und im Nacken zusammengebunden. Außerdem trug er einen spitzen Bart, den er rund um das Kinn feinsäuberlich gestutzt hatte. Zwei intelligente und raubtierhafte Augen musterten sie unter buschigen Augenbrauen heraus. Sein Stimme hatte einen warmen Klang, der durch das Echo verstärkt wurde.
    „Es ist immer wieder amüsant zu beobachten, wie du vor diesem klapprigen, alten Busch stehst, als wäre er der leibhaftige Cerunos, wie er auf Händen läuft und mit seinem Füßen Drachen jongliert. Obwohl man sich mittlerweile der Annahme hingeben könnte, du hättest gelernt deinen Geist in der Nebelwelt zu beherrschen“, sein tadelnder Unterton verriet, dass er ein Mensch war, der keine Schwäche duldete.
    „Verzeiht Meister, aber ich verfüge weder über die Ausbildung, noch die Fähigkeiten eines Magiers oder Adepten und gehe daher mit jedem Mal ein größeres Risiko ein wenn ich diese Welt bereise.“
    „Und diese Eiche würde ich auch nicht gerade als Busch bezeichnen ...“, fügte sie murmelnd hinzu.
    Er funkelte sie aus zusammengekniffenen Augen an.
    „Schweig, Weib! Die Rolle der Großkönigin scheint dir zu Kopf gestiegen zu sein, doch vergiss nicht mit wem zu sprichst. Hier bist du nicht mehr wert als der Schmutz unter meinen Fingernägeln“, zischte er, jegliche Wärme war aus seiner Stimme verschwunden. In der Tat, er war auch kein Mensch, der Widerrede duldete. Obwohl es an diesem Ort vorher schon keine sichtbare Lichtquelle gegeben hatte, war es nun dunkler geworden und auch die Nebelgrenze hatte einen engeren Kreis um sie gezogen.
    Alexia machte eine erneute Verbeugung und senkte den Kopf.
    „Natürlich Meister, ich bitte demütigst um Vergebung.“
    Welch wahrhaft königlichen Schmutz ihr unter euren krummen Fingernägeln herumtragt, dachte sie zynisch, doch dies auszusprechen würde sie vermutlich ihre Zunge kosten. Glücklicherweise hatte Alexia schon als Kind gelernt ihre wahren Gedanken und Gefühle zu verbergen. Davon kündeten die schwülstigen Narben, die sich quer über ihren Rücken zogen und sie gelehrt hatten, den Menschen genau das vor zuspielen was sie sehen sollten. Und sie hatte diese Fähigkeit bis zur Perfektion vollendet.
    „Gut. Nun verschwende nicht weiter meine kostbare Zeit und berichte.“
    „Wie Ihr wünscht. Vor fast einem Mond ist ein Gesandter aus Lorn in Aranod eingetroffen, um einen Handelsvertrag abzuschließen. Wie ihr sicherlich wisst, verfügt Sarhad über die größten und reinsten Salzvorkommen von ganz Eternya, was ihr Khalim auch durchaus zu nutzen weiß. Sandstürme haben einen Großteil ihrer heurigen Ernten zerstört, die in Sarhads heißem, trockenem Klima ohnehin nie sehr ertragreich sind. Jetzt befürchtet er eine Hungersnot und will Salz gegen Getreide eintauschen. Die Verhandlungen ...“
    Er unterbrach sie mit leiser, drohender Stimme.
    „Alexia, du stellst meine Geduld auf eine sehr harte Probe. Es wird nicht mehr lange dauern und ich werde der Meinung sein, dass du entbehrlich bist, solltest du mir weiterhin keine neuen Informationen liefern, die nicht von Salz und Getreide handeln.“
    „Meister, ich habe euch bereits alles berichtet, was ich über die Armeen der vier Königreiche in Erfahrung bringen konnte. Truppenstärken und Positionen haben sich in den letzten Monden nicht geändert. Wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte ich es als Königin erfahren.“
    Doch tatsächlich hatte Hesiod am selben Tag befohlen, seine Berufsarmee mit weiteren Freiwilligen aufzustocken, da sich Berichte über Unruhen im Süden gehäuft hatten. Ohne recht zu wissen warum behielt sie das aber für sich. Es verlieh ihr ein gewisses Gefühl der Macht. Und Macht hatte ihr immer schon gefallen.
    „Dann solltest du dich etwas mehr anstrengen nicht wahr? Damit du mir bei unserem nächsten Treffen Details liefern kannst. Um deinetwillen Alexia, um deinetwillen. Ich hoffe die Pläne um die Zwillinge entwickeln sich erfolgreicher?“
    „Ja Meister, es ist alles vorbereitet."
    „Gut, doch es gibt eine kleine Planänderung ...“

  • zum 2. Teil: da geht alles für mich ziemlich schnell, ich hätte gerne mehr darüber erfahren, wie die beiden sich kennengelernt haben und was es für Probleme damit gab (vielleicht in einem eigenen Kapitel ;)) die Liebeszene danach, naja Geschmacksache :P für mich zu "feminin" geschrieben, aber das ist wirklich Geschmacksache ich denke du hast die anderen Ladys aus dem Forum hier damit auf deiner Seite, ich höre sie schon dahinschmachten :P
    Wenn deine Geschichte ein Buch werden soll, könntest du die Informationen am ende des zweiten Posts später in die Geschehnisse um den Protagonisten/Protagonistin einweben, wo du dann auch noch ausführlicher werden kannst, außerdem macht es dass ganze spannend was da genau passiert ist :)


    So ich hoffe ich habe nicht zu viel kritisiert^^
    Schreiberisch hast du auf jeden fall Talent und ach deine Metaphern und Wortspiele gefallen mir. Die Sätze sind gut hypotaktisch und parataktisch gemixt und es ließst sich dadurch sehr flüssig.


    *einatme* so Ende^^

    Liebe ist so kompliziert, wie man sie macht.
    -Ich-

    '5 Centimeter per Second' - die Geschwindigkeit mit der Kirschblüten zu Boden fallen [und gleichzeitig die Geschwindigkeit in der sich Menschen voneinander entfernen].

  • So ich poste gleich das nächste Kapitel auch :)
    Und mit neuen Namen ist danach auch Ende :)
    Ich hoffe man behält so halbwegs die Übersicht?


    GGGGLG :)

  • Hey dankeschön *freu* :)


    Also das ist eine gute Idee!!!


    Der ganze Prolog ist ja eigentl nur die Vorgeschichte meines "Ordens" der später auftaucht ... hab mir auch schon überlegt den eigentl zu streichen bzw stückchenweise später einfließen zu lassen ...


    Meinst du das wär besser?


    Und eine ganz große BITTE: NICHT mit Kritik zurückhalten :)
    Nur dadurch kanns besser werden!


    Vielen Dank dir :)!


  • 2. Kapitel
    Ein schicksalhafter Tag


    Jahr 347 nach der Vertreibung
    Harian
    Palastgarten von Aranod


    „Was tust du denn? Nimm den Kopf runter! Du verrätst noch alles!“, flüsterte Ylena aufgeregt und zog ihren Zwillingsbruder wieder hinter die akribisch beschnittene Buchsbaumhecke.
    „Was soll ich verraten?“
    „Pssscht! Na unsere Position, Dummerchen. Willst du etwa, das der Feind uns findet?“
    In diesem Moment ertönte ein markerschütternder Schrei, der beide zusammenfahren ließ: „Na wartet, wenn ich euch finde ...“
    „Ich finde wir sollten uns ergeben“, stellte Alexander nüchtern fest. Nach einem kurzen Blick in Ylenas Richtung wusste er, dass sie gänzlich anderer Meinung war. Wie immer. Ihre hellgrünen Augen hatten wieder diesen gewohnt trotzigen Ausdruck.
    „Ergeben? Niemals, Alexander! Ich werde kämpfen bis ...“
    Weiter kam sie mit ihrer heroischen Ansprache nicht, denn hinter ihnen hatte sich die gewaltige Silhouette ihres erbarmungslosen Verfolgers aufgebaut.
    „ ... bis die Amme endlich tot umfällt weil sie euch beiden Halunken den ganzen Tag hinter herjagen muss?“
    Ylena schien ihre Zehen plötzlich unheimlich interessant zu finden. Die langen, gewellten Haare standen wirr von ihrem Kopf ab und unterstrichen ihr feuriges Temperament mit einem kräftigen, dunklen Rot. Alexander blickte aus großen, smaragdgrünen Augen zu ihr auf. Seine Haare waren von einem hellen Braun, beinahe blond und kurz geschnitten, was seine kleinen Löckchen jedoch nicht zügeln konnte. Die Augen und das Mal am Handgelenk sind wirklich das Einzige, das die beiden Zwillinge gemeinsam haben, dachte sich Martha nicht zum ersten Mal, seit sie vor 8 Jahren den ersten Schrei der beiden Säuglinge miterlebt hatte. Sie war bereits die Amme ihrer Mutter gewesen, Valera Von Harian. Als Schwester des Großkönigs hatte Valera viele Pflichten bei Hofe denen sie sich nicht entziehen konnte. Hauptsächlich kümmerte sie sich um die vielen Bittsteller und ihre Gesuche. Obwohl es ihr sichtlich schwer fiel nicht jede Minute mit ihren Kindern zu verbringen, wusste sie doch, dass sie bei Martha in den besten Händen waren.
    „Nun ist aber Schluss mit dem Unsinn! Professor Siegmund wartet schon in der Bibliothek. Ihr wolltet euch doch nicht etwa vor dem Unterricht drücken?“
    Als Ylena den Mund öffnete um zu protestieren fuhr sie schnell fort: „Und wenn ihr euch nicht anständig benehmt, gibt es heute keinen Nachtisch! Und ich werde auch der Köchin sagen sie soll euch nichts geben wenn ihr wieder bei ihr bettelt“
    Nach einem flehenden Blick von Alexander schluckte sie ihren Protest hinunter und setzte sich widerwillig in Bewegung. Bald hatten sie den Ausgang des kleinen Buchsbaumlabyrinths im Herzen des Palastgartens erreicht. Ein säuberlich gepflasterter Weg schlängelte sich durch den Garten bis zum Palast, der aus Perlstein errichtet war - einer besonderen sepia-farbenen Gesteinsart die ausschließlich im Königsgebirge zu finden war und im frühen Sonnenlicht golden schimmerte.
    Die Rosenbüsche, die den Wegrand säumten, lockten unzählige Hummeln und Bienen an. Die letzten Tautropfen glitzerten wie kleine Sterne auf den prächtigen, blutroten Blüten, die einen süßlichen Duft verströmten.
    Bald hatten sie das Ende des Weges erreicht und betraten den Palast durch ein poliertes Flügeltor aus dem seltenen, fast weißen Holz der Mondbirke.
    Drinnen war es um einiges kühler. Sie folgten einem schmalen Gang, der von den Geräuschen hektischer Betriebsamkeit der angrenzenden Küche erfüllt war. Heute würde es Lauchcremesuppe, Hammelbraten mit Kräuterkruste und als Nachspeise glasierte Honigtörtchen geben. Das hatte die Köchin verraten, als sie sich gestern in der Vorratskammer versteckt hatten. Bei dem Gedanken daran lief Ylena das Wasser im Mund zusammen und sie nahm sich fest vor heute wirklich brav zu sein.
    In der Eingangshalle drängten sich zwischen hohen Marmorsäulen Menschen aus allen Teilen der vier Reiche: Harian, Sarhad, Abélio und Anor. Botschafter, Gesandte, Bittsteller, Bauern, Mägde, Diener ..., während die Leibwache des Königs für Ordnung sorgte. Gesprächsfetzen in den verschiedensten Sprachen vermischten sich zu einer rauschenden Kakophonie und hallten durch das Vestibül.
    Gegenüber des wuchtigen Eingangsportals plätscherte ein runder Springbrunnen aus Perlstein fröhlich vor sich hin. In seiner Mitte befand sich die hohe, fein gearbeitete Statue eines stattlichen Mannes, der entschlossen ein juwelenbesetztes Schwert in die Höhe hielt. Am Sockel stand in goldenen Lettern: „Harian I.“.
    Zu beiden Seiten des Brunnens führte eine breite Marmortreppe in einem eleganten Bogen nach oben in den ersten Stock. Die drei nahmen die rechten Stufen und hatten den frühmorgendlichen Lärm bald hinter sich gelassen. Tatsächlich waren ihre eigenen Schritte auf dem weinroten Teppich die einzigen verbliebenen Geräusche als sie in einen weiteren Gang einbogen. Dieser führte geradewegs auf eine Flügeltür aus dunklem, grob gemasertem Messaraholz zu.
    Mit verschränkten Händen blieb Ylena davor stehen. Sie hatte zwar versprochen sich zu benehmen, aber musste ihrem Unglück nicht noch selbst auf die Sprünge helfen. Alexander verdrehte demonstrativ die Augen, trat vor und klopfte dreimal. Von drinnen ertönte die Stimme eines älteren Mannes, die ungewöhnlich hoch klang: „Bitte, tretet ein“.
    Alexander öffnete die Tür zur privaten Bibliothek des Königs und trat hindurch, gefolgt von Ylena. Martha zwinkerte ihnen noch einmal zu und schloss hastig die Tür als befürchte sie, die zwei könnten noch einmal entwischen.
    Die Bibliothek war dank vieler hoher Fenster ein helles, sympathisches Zimmer. Die Wände waren allesamt bis hin zur Decke mit dunklen Regalen verbaut, die Bücher aller Art, Größe und Farbe enthielten. Ein herber Geruch nach Leder und vergilbten Papier ging von ihnen aus. An der Nordseite führte eine wertvolle Glastür auf den runden Balkon, der von einer kunstvoll geschnitzten Balustrade umgeben war. In der Ferne konnte man den Wasserfall von Aranod erkennen. Er war von feinen Nebelschleiern umgeben, die im Sonnenlicht glitzerten.
    „Nehmt bitte Platz.“, sprach Professor Siegmund. Er war ein kleiner Mann mit runden Bauch und einer ebenso runden Glatze. Die verbliebenen, schlohweißen Haare standen ihm büschelweiße vom Kopf ab, was ihm eine leicht verwirrte Ausstrahlung verlieh. Dazu trug auch das drahtige Gestell mit den dicken, runden Glasscheiben bei, das er vor den Augen trug und eine Sehhilfe nannte. Doch hatte Ylena nur verschwommen gesehen als sie es einmal heimlich ausprobiert hatte. Tatsächlich war er jedoch ein gütiger, warmherziger Mann mit scharfem Verstand.
    In der Mitte stand ein länglicher Tisch mit zwei schlichten Holzstühlen, auf denen die Zwillinge Platz nahmen. Professor Siegmund bevorzugte es zu stehen, denn das hielte seine alten Knochen jung, pflegte er zu sagen.
    „Ich muss schon sagen meine Lieben, eure Versuche euch vor dem ehrenwerten Fräulein Martha zu verstecken, sind unterhaltsamer als so manches Buch dieser Bibliothek“, sagte er mit seiner hohen Stimme lächelnd. Er hatte sie offensichtlich vom Balkon aus beobachtet. Darum hatte Martha also gewusst wo sie sich versteckt hatten, dachte sich Ylena, die sich nun fühlte wie der gerissenste Spion des Königreichs, der soeben das Geheimnis des bösen Schurken entdeckt hatte. Aber das nächste Mal würde sie schlauer sein; ihr zweiter Vorsatz für diesen Tag. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, dass es kein nächstes Mal geben würde.


    „Wer von euch kann mir sagen wo wir gestern stehen geblieben sind?“, er sah sie über seine Sehhilfe hinweg an.
    „Wo unser Vorfahr Harian I. gegen die Loscarner gekämpft hat“, antwortete Alexander ohne zu zögern. Obwohl Ylena stolz war, dass solch kriegerisches Heldenblut in ihren Adern floss, wollte sie doch lieber selbst das Kämpfen erlernen anstatt zwischen Büchern zu hocken und nur darüber zu reden.
    „Sehr gut, Alexander. Aber es heißt Lorcaner, benannt nach ihrem Gründer Lorcan, wie du dich bestimmt erinnerst. Und warum hat Harian I. gegen den Orden der Lorcaner gekämpft, Ylena?“
    „Weil er der mutigste Kämpfer von allen war!“
    „Ja, ich bin sicher das war er. Aber er ist nicht eines Morgens aufgewacht und hat beschlossen die Lorcaner zu bekämpfen, oder? Das wäre weder edelmütig noch gerecht gewesen, nicht wahr? Also, warum hat er die Lorcaner bekämpft?“
    „Weil der Orden grausam und böse war?“, antwortete sie kleinlaut.
    Professor Siegmund lächelte milde.
    „In der Tat, unsere Geschichtsbücher mögen es vielleicht so formulieren. Doch es wacht auch niemand auf und beschließt grausam und böse zu sein, nicht? Ihr müsst lernen hinter die Fassaden zu blicken. Warum werden sie in den Büchern also als grausam und böse beschrieben? Ja, Alexander?“
    „Weil sie viele unschuldige Menschen getötet haben.“
    „Das ist richtig. Ihr müsst euch vorstellen, vor 350 Jahren glaubten die Menschen noch an Magie und Zauberei. Sie waren ungebildet und dachten deshalb Geschichten über Elfen, Einhörner, Drachen, Kobolde, Gnome und ähnlichem seien tatsächlich wahr. Sie glaubten, dass diese Wesen wirklich existierten.“
    Die Zwillinge lächelten ungläubig. Wie konnte jemand nur denken diese Kindergeschichten seien wahr?
    „Und wie ihr euch vorstellen könnt, fürchteten die Menschen diese Kreaturen. Niemand weiß genau, warum der junge Lorcan damals den Orden gründete und wir werden es wohl auch niemals erfahren. Was wir wissen ist, dass er die tiefsten Ängste der Leute schürte – die Angst vor dem Unbekannten und Ungewöhnlichen. Sie begannen Menschen mit besonderen Merkmalen zu fürchten und schließlich zu vertreiben - vor allem spitze Ohren waren ihrer Meinung nach ein untrügliches Zeichen dafür, der elfischen Rasse anzugehören, die für alles Böse und Schlechte verantwortlich gemacht wurde. In späterer Folge waren es auch rote Haare, besondere Muttermale, Warzen und Ähnliches - alles was ungewöhnlich oder fremd war.“
    Alexander grinste, als er die roten Haare seiner Schwester betrachtete.
    „Aber das ist ja schrecklich! Man kann doch nichts dafür wie man aussieht!“, protestierte Ylena, wobei sich ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn zeigte.
    „Natürlich nicht! Zum Glück haben sich die Zeiten geändert. In unserer heutigen Gesellschaft wissen wir ganz genau zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden, nicht wahr?“
    „Aber warum werden diese Geschichten dann immer noch erzählt?“, wollte Alexander wissen. Professor Siegmund sah ihn kurz verwundert an, bevor er antwortete: „Nun mein Junge, sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter. Wir könnten sie also als Teil unseres kulturellen Erbes bezeichnen, nicht? Und damit zurück zu den Lorcanern. Die Mitglieder des Ordens wurden immer zahlreicher und auch mächtiger, weil sich die Menschen vor ihnen fürchten - und fingen an diese Macht auch zu genießen. Ihr müsst euch vorstellen, sie hatten sich von einfachen Bauern zu Herrschern aufgeschwungen und waren unsäglich arrogant geworden. Bald hatte das Volk mehr Angst vor den Lorcanern als vor den berüchtigten magischen Völkern. Aufzeichnungen berichten, dass Lorcan einige Monde nach der Gründung von Elfen ermordet wurde. Daraufhin schworen die Lorcaner diese Schandtat zu rächen. Unter diesem Vorwand töteten sie hunderte unschuldige Menschen. Viele Geständnisse wurden unter brutalster Folter erzwungen. Sie haben Maschinen und Folterinstrumente erfunden, wie es sie in der Geschichte von ganz Eternya noch nicht gegeben hat - doch für weitere Einzelheiten seit ihr noch zu jung.“ fügte er rasch hinzu als Ylenas Augen interessiert aufblitzten.
    „Aber warum haben sich diese Leute nicht gewehrt und gesagt, dass sie gar keine Elfen sind? Und warum haben ihnen die anderen nicht geholfen?“, fragte Alexander, dem dies unbegreiflich schien.
    „Oh, natürlich haben sie sich gegen diese Anschuldigungen gewehrt. Doch die Lorcaner waren Fanatiker und die Menschen haben berechtigterweise um ihr Leben gefürchtet. Denn jene die Partei für einen Verurteilten ergriffen haben, mussten demnach auch Elfen, oder deren Verbündete sein, nicht? Dies war wahrlich ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Menschheit.“
    „Bis Harian kam und die Welt rettete!“, sagte Ylena strahlend.
    Siegmund lächelte und fuhr fort: „Bis Harian kam und die Menschen einte, müsste es heißen. Es hat immer Leute gegeben, die anderer Meinung waren und den Wahnsinn erkannten, der sich abspielte. Natürlich ließ der Orden jeden Protest und jeden Widerstand sofort im Keim ersticken und die Beteiligten als Verräter aufhängen. In Aranod nahm es schließlich seinen Anfang, als eine ganze Familie aus dem Süden öffentlich hingerichtet werden sollte weil sie von dunkler Hautfarbe waren. Die Menschen vereinten sich unter Harian I. und vertrieben die Lorcaner, die gezwungen waren über das Himmelsgebirge zu fliehen, wo sie vermutlich auch alle umkamen. Weiß einer von euch was dann geschah?“
    Der Gesichtsausdruck von beiden zeigte, dass dem nicht so war, also setzte Professor Siegmund fort: „Als hätten die Lorcaner ein Lauffeuer entzündet, begannen die Menschen nun sich gegenseitig zu bekämpfen – sie hatten den Geschmack von Macht kennen gelernt. Es kam zum Einjährigen Krieg in dem so ziemlich jeder gegen jeden kämpfte. Aber natürlich verstanden sie weder viel vom Krieg noch vom Kampf, noch verfügten sie über Waffen. Immerhin ist dies der erste aufgezeichnete und heute bekannte größere Krieg. Es gab davor auch keinen König, und keine Ländergrenzen wie wir sie heute kennen. Die Menschen haben ein einfaches und friedliches Leben gelebt.
    Wie ihr vermutlich schon ahnt, dauerte dieser Krieg fast genau ein Jahr. Ein Jahr bis sich die jeweils vier stärksten Familien ihrer Region hervorgetan hatten. Diese vier Familien trafen sich hier in Aranod zum berühmten Großen Konzil von Harian. Die Menschen wollten Frieden. Sie hatten genug vom Blutvergießen und wollten nicht mehr in Angst leben. So wurde der uns bekannte Teil von Eternya, diesseits des Himmelsgebirges, in vier Länder aufgeteilt. Jede Familie sollte eines der Länder regieren, das nach ihr benannt wurde – unter der Vorherrschaft eines Großkönigs – Harian.“
    So fuhr Professor Siegmund fort und berichtete von den darauf folgenden kleineren, aber auch unbedeutenderen Kriegen der vier Länder. Diese wurden vor allem wegen diverser Rohstoffvorkommen ausgetragen. Silber-, Gold- und Eisenerze, Edelsteine, aber auch Salz und Wasser waren und sind ein umstrittenes Gut.
    Als er geendet hatte, blickte er in die gespannten Gesichter seiner zwei Zuhörer und lächelte.
    „Ich sehe schon, Geschichte interessiert euch mehr als Geografie und Mathematik. Doch die Wahrheit wird, wie so oft, auch Geschichte bleiben. Was wir tun können ist analysieren, interpretieren und hinterfragen.“
    Noch immer kam keine Reaktion von den Zwillingen, die offensichtlich erwarteten, dass er noch weitererzählen würde.
    „Meine Lieben, Fräulein Martha wird bestimmt höchst erfreut sein zu hören, wie vorbildhaft ihr heute am Unterricht teilgenommen habt. Ich ...“
    In diesem Moment klopfte es an der Tür.
    „Bitte, herein?“, sagte Professor Siegmund.
    Valera, die Schwester des Königs, betrat die Bibliothek mit einem entschuldigendem Lächeln.
    „Professor Siegmund, bitte verzeiht die Störung“, sagte sie mit glockenheller Stimme. Ihre sorgfältig aufgesteckten, blonden Haare und das edle, sonnengelbe Kleid verrieten, dass sie vermutlich gerade von einer Audienz kam. Sie strahlt heller als die Sonne, schoss es Ylena durch den Kopf als sie aufsprang und auf ihre Mutter zulief, die sie in die Arme nahm – dicht gefolgt von ihrem Bruder.
    „Meine Liebe, wir sind eben fertig geworden.“, antwortete Siegmund freundlich.
    „Sehr schön. Ich habe nämlich eine Überraschung für euch beide“, versprach Valera geheimnisvoll.
    Sie verabschiedeten sich von Professor Siegmund und machten sich gemeinsam auf den Weg zurück zur Eingangshalle.
    „Das nächste Mal musst du ein bischen früher kommen, Mama“, flüsterte Ylena, was ihrer Mutter erneut ein Lächeln auf die vollen Lippen zauberte.

  • Sie schritten durch das Eingangsportal in das grelle Sonnenlicht. Ein dutzend Stufen führten auf den riesigen, gepflasterten Paradehof, der von unzähligen Marmorsäulen umrandet war. Nach dem Hof bogen sie nach links ab und folgten einem ausgetretenen Pfad, der zu den privaten Stallungen des Königs führte. Schon von weitem wurden sie vom dem üblichen Geruch nach Pferdemist, Kraftfutter und getrocknetem Heu begrüßt. Die Scharniere des grob gezimmerten Holztores quietschend protestierend als sie den Stall betraten.
    „Aber wir dürfen doch nicht in den Stall mit dem schönen Anziehsachen“, sagte Ylena, die schon mehrmals deswegen auf den Nachtisch hatte verzichten müssen. Sie wollte am liebsten ihre ganze Zeit bei den Pferden verbringen – sehr zum Missfallen Marthas und ihrer Lehrer, da sie auch jede Gelegenheit nutzte um sich davonzustehlen.
    „Heute machen wir eine Ausnahme und erzählen der guten Martha nichts davon“, antwortete Valera und legte verschwörerisch ihren Zeigefinger auf die Lippen.
    Die hölzernen Boxen, die links und rechts des langen Ganges angeordnet waren, standen leer. Die Jungtiere verbrachten den Sommer auf den üppigen Almen des Königsgebirges und die bereits zugerittenen Pferde wurden tagsüber auf eine Koppel gebracht.
    Chevalle, ein stolzer Palominohengst, war als einziger noch im Stall und reckte den Neuankömmlinge neugierig seinen Kopf entgegen. Ylena lief zu seiner Box und streichelte seine samtenen Nüstern - ihn mochte sie am liebsten von allen. Er hatte sich beim letzten Jagdausflug die Bänder des Sprunggelenks gezerrt und musste sich nun schonen. Sogar im schwachen Licht des Stalles schimmerte sein goldenes Fell und die üppige weiße Mähne, die Ylena täglich sorgfältig striegelte. Die wilden Palominoherden, die frei und ungezähmt in den Steppen lebten, sind neben der Krone des Großkönigs zum Wahrzeichen des Landes Harian geworden. Darum zeigte auch das stilisierte harianische Wappen eine Krone auf dunkelrotem und ein galoppierendes Pferd auf goldenem Hintergrund.
    „Ylena, du kannst Chevalle später noch besuchen. Euer Vater wartet auf uns“, rief Valera, die mit Alexander beinahe schon das Tor am anderen Ende des Stalls erreicht hatte.
    „Ich komme später wieder - fest versprochen!“, flüsterte Ylena in Chevalles großes, weiches Ohr und beeilte sich die anderen beiden einzuholen.
    Der Stall befand sich an der Ostseite der Insel. Bis zum schilfbewachsenen Ufer erstreckte sich ein rundes Paddock, das mit Sand gefüllt und von einem stabilen Holzzaun begrenzt war – darin wurden die jungen Pferde zugeritten und ausgebildet.
    Als die Drei ins Freie traten sah Ylena ihren Vater Herémon lässig am Zaun lehnen. Ihre Tante Alexia war auch da und beeilte sich einige Schritte von ihm zurück zu treten als sie seine Frau und Kinder auf sie zukommen sah. Ylena konnte diese Frau einfach nicht ausstehen.
    Zwei dicke, schwarze Lidstriche ließen ihre Augen überproportional groß erscheinen und gaben ihr das Aussehen einer Eintagsfliege. Wohl um, wie böse Zungen behaupteten, von ihrer Hakennase abzulenken. Die glanzlosen schwarzen Haare waren stets streng nach hinten gebunden und betonten ihr knochiges Gesicht.
    Eigentlich sieht sie aus wie eines von diesen Reptilen von denen Professor Siegmund erzählt hat, dachte Ylena spöttisch. Schon im nächsten Moment meldete sich ihr Gewissen. Hatte sie nicht selbst vorhin darauf bestanden, dass das Aussehen von jemanden kein Grund war über ihm zu urteilen?
    Der federnde Gang ihrer Mutter war auch mit einem Mal steif und schwerfällig geworden als sie die beiden sah.
    Doch diese Gedanken vergaß sie gleich wieder als sie zwei schneeweiße Ponys entdeckte, die am Zaun angebunden waren.
    Sie beeilte sich ihren Bruder einzuholen, der schon voraus gelaufen war. Herémon war in die Knie gegangen und hatte die Arme weit ausgebreitet. Er hob Alexander hoch in die Luft und drehte sich ein paar Mal mit ihm im Kreis, danach kam Ylena an die Reihe.
    „Gütige Göttin, ihr werdet mit jedem Tag schwerer ... mit was füttern sie euch nur?“, kommentierte er lachend das übliche Begrüßungsritual.
    Valera verneigte sich formell vor Alexia, die ein knappes Nicken erwiderte.
    „Ist das die Überraschung Mama?“, fragte Ylena aufgeregt und deutete auf die Ponys.
    „Ihr müsst euch bei Tante Alexia dafür bedanken. Die beiden sind ein Geschenk von ihr. Und sie sind Zwillinge - so wie ihr zwei.“, sagte Herémon liebevoll.
    „Danke Tante Alexia“, bedankten sich die Kinder im Chor und machten einen hastigen Hofknicks.
    „Wie heißen sie denn?“, wollte Alexander wissen.
    „Ihr dürft euch selbst einen Namen für sie überlegen“, erwiderte Alexia mit einem Lächeln, das ihre Augen jedoch nicht erreichte.
    „Aber Chevalle wird doch traurig sein wenn ich jetzt ein anderes Pferd habe“, meinte Ylena besorgt zu ihrer Mutter.
    „Aber nein mein Schatz. Ab heute musst du eben zwei Pferde besuchen, das wird ihm sicher nichts ausmachen.“
    „Ganz sicher nicht?“, fragte sie noch nicht restlos überzeugt.
    „Ganz sicher nicht. Aber jetzt ist Chevalle noch zu groß für dich – darüber haben wir doch schon gesprochen.“
    Soweit beruhigt tat sie es ihrem Bruder gleich und begann sich mit dem kleinen Tier anzufreunden, das sofort ihr Herz erobert hatte.
    „Können wir gleich ausreiten gehen Mama?“, bettelte Ylena strahlend.
    „Ja, können wir?“, fragte auch Alexander aufgeregt.
    Valera seufzte.
    „Ach, tut mir leid meine Lieblinge. Ein Botschafter aus Damavad ist heute eingetroffen und hat um Audienz gebeten – anscheinend handelt es sich um etwas sehr Wichtiges, denn der König wird ihn persönlich empfangen, und da müssen euer Vater und ich dabei sein. Aber das holen wir so bald wie möglich nach, vielleicht schon Morgen. Versprochen.“
    „Sie können doch mit mir ausreiten?“, bot sich Alexia an.
    „Das ist zu großzügig von Euch, doch die Kinder sind mit den Pferden nicht vertraut, und ich bin es auch nicht.“, antwortete Valera kühl.
    „Das verstehe ich natürlich. Doch die Ponys sind sehr zuverlässig und bestens ausgebildet, habe ich mir versichern lassen. Es besteht wirklich kein Grund zur Sorge.“
    „Ja, bitte dürfen wir Mama?“, bettelten die Zwillinge abwechselnd mit leuchtenden Augen, denen keine Mutter etwas abschlagen kann.
    „Die Kinder sind gute Reiter und Alexia wird bestimmt gut auf sie Acht geben.“, versicherte auch Herémon.
    „Weißt du, ich habe wirklich kein gutes Gefühl ...“
    „Martha könnte sie doch begleiten? Du sagst doch selbst immer, dass sie bei ihr bestens aufgehoben sind. Sie freuen sich doch so sehr.“, warf Herémon ein.
    Alexia schien nicht begeistert zu sein, doch hatte sich nach einigen Augenblicken wieder gefasst.
    „Aber sie haben noch gar nichts gegessen“, protestierte Valera.
    „Dann werden wir im Wald ein kleines Picknick veranstalten“, erklärte Alexia.
    „Na los ihr beiden, sattelt schon eure Pferdchen. Ich werde Martha bescheid sagen. Aber seid vorsichtig und hört auf eure Tante.“, ermahnte Herémon.
    „Dann ist es wohl beschlossen. Aber versprecht mir, kein Galoppieren, kein steiles Gelände und auch sonst keine Kunststückchen oder Mutproben. Und pass gut auf deine Schwester auf Alexander.“, gab sich Valera geschlagen und versuchte das mulmige Gefühl zu ignorieren, das sich in ihrer Magengrube ausgebreitet hatte.


    Nachdem ein üppiger Picknickkorb vorbereitet und die Pferde gesattelt worden waren ritten sie los. Eine Eskorte aus zwei Soldaten im rot-goldenen Waffenrock Harians begleitete sie. Sie überquerten die südliche Königsbrücke; diese verband die Insel mit der Stadt, die sich an das Ost-, Süd- und Westufer des Türkissees schmiegte. Die Gebäude der inneren, reicheren Bezirke Aranods waren fast ausschließlich aus weißen Kalksteinblöcken errichtet. Elegante Bögen, zierliche Springbrunnen, dekorative Marmorsäulen und rote Dächer aus gebranntem Ton prägten den luxuriösen Baustil. Die spitzen Türme eines gewaltigen Perlsteintempels beherrschten den ausgedehnten Marktplatz.. Er war der Mondgöttin Aradia und dem Sonnengott Cerunos geweiht – dem göttlichen Paar, das über alle anderen Nebengötter herrschte.
    Sie folgten der gepflasterten Hauptstraße, die sich am Ufer entlang zog. Die Menschen verbeugten sich höflich oder senkten demütig den Kopf als sie die Großkönigin erblickten.
    Bald hatten sie die gewaltigen Stadtmauer passiert und den Außenbezirk erreicht, in dem sich ein Armutsviertel gebildet hatte. Die baufälligen Baracken waren aus einfachem Fichtenholz gezimmert und mit Stroh gedeckt; die Menschen in dreckige Lumpen gehüllt. Hier gab es keine geleiteten Wasserläufe, die zum Abtransport von Unrat dienten. Dementsprechend schwebte hier auch ein übelerregender Gestank nach verdorbenen Lebensmittel und Fäkalien in der Luft. Alexia hielt sich ein parfümiertes Spitzentuch vor die gepuderte Nase und ritt hoch erhobenen Hauptes weiter.


    Ylena konnte nicht aufhören die dichte Mähne und das struppige Fell ihres Ponys zu tätscheln. Alexia hatte Recht gehabt, die brave Stute reagierte auf den leisesten Druck ihrer Schenkel. Bella, so würde Ylena sie nennen.
    Sie bemerkte erst wie weit sie sich schon von der Stadt entfernt hatten, als sie auf einen schmalen Waldweg einbogen. Niemand hatte ein Wort gesprochen. Alexander sprach nie sehr viel. Mit Alexia wollte niemand sprechen. Und die Soldaten durften es nicht in Anwesenheit ihrer Königin. Also beschloss Ylena das Schweigen zu brechen: “Tante Alexia? Wohin reiten wir denn?“
    „Ich kenne eine herrliche Lichtung, wie geschaffen für ein gemütliches Picknick“, antwortete Alexia ohne sich umzudrehen.
    Beim Wort gemütlich verdrehte Martha die Augen und Ylena musste kichern.
    Sie befanden sich nun im Faunwald. Hier standen vorwiegend Eschen, Spitz-Ahorn und Zitterpappeln dicht beisammen gedrängt. Der trockene Boden war von braunen, abgestorbenen Blättern und Ästen bedeckt. Da wenig Licht durch das dichte Blätterdach fiel wirkte der Wald düster und wenig einladend.
    Nach einigen Kurven öffnete sich der Forst tatsächlich zu einer kleinen Lichtung, die von hohem und dichten Buschwerk umgeben war. Sie banden die Zügel der Pferde an einen langen Ast und breiteten eine große, rote Wolldecke auf einer kleinen Grasfläche aus. Alexia nahm einen ledernen Trinkschlauch aus ihrer Satteltasche und meinte beiläufig: „Ich werde zum Fluss reiten und Wasser für uns holen. Bereitet ihr doch schon alles für das Picknick vor.“
    „Wir haben Wasser und Brombeersirup eingepackt, meine Königin.“, erwiderte Martha höflich.
    „Haben wir das. Es gibt hier in der Nähe eine besondere Quelle, die Heilkräfte haben soll. Ich bin bald zurück“
    „Ich komme mit“, platzte Ylena heraus, die sich eine mysteriöse Heilquelle natürlich nicht entgehen lassen wollte.
    „Nein“, fuhr Alexia sie plötzlich an und fügte dann etwas ruhiger hinzu: „Es ist eine geheime Quelle. Wenn du groß genug bist werde ich sie dir zeigen. Aber jetzt bleib brav hier und hilf den beiden das Picknick vorzubereiten.“
    Mit einem unergründlichen Blick stieg sie auf ihre temperamentvolle Fuchsstute und galoppierte davon nachdem sie den Wachen befohlen hatte ebenfalls hier zu bleiben.
    Sie blickten ihr kurz verwundert nach und begannen dann den prall gefüllten Korb aus geflochtenen Weidenruten auszupacken.
    „Martha, du hast ja Honigtörtchen eingepackt!“, jubelte Alexander als er seine Lieblingsspeise aus dem weichen Butterpapier wickelte.
    „Die Köchin hat sie mir extra für euch zwei mitgegeben, du solltest dich bei ihr ...“
    Das laute Krachen eines brechenden Astes lies sie alle zusammen zucken. Einige Herzschläge lang hielten sie den Atem an und lauschten angestrengt. Wer weiß, ob die Geschichten über diese bösen Elfen nicht doch wahr sind, dachte sich Ylena besorgt.
    Die Soldaten hatten die Schwerter blank gezogen und beobachteten angespannt die verwachsene Umgebung. Das polierte Eisen reflektierte das Sonnenlicht.
    Etwas zischte dicht an Ylenas Ohr vorbei und sie duckte sich instinktiv. Ein krächzender Schrei ertönte hinter ihr. Sie drehte sich um. Einer der Soldaten war auf die Knie gefallen und umklammerte einen gefiederten Pfeil, der aus seiner Brust ragte. Wie in Zeitlupe kippte er zur Seite während sein schmerzverzerrtes Gesicht erstarrte.
    Der zweite Soldat preschte auf die Lichtung. Ein weiteres Mal war jenes erbarmungslose Fauchen zu hören und er stürzte zu Boden wo er regungslos liegen blieb. Die Pferde stiegen panisch und verdrehten die Augen bis nur noch das Weiße zu sehen war.
    Ylena starrte den toten Soldaten an, unfähig sich zu bewegen. Alles was sie fühlte waren Marthas Arme, die sie und ihren Bruder schützend auf die wollene Decke pressten. Die Amme schrie und flehte aus Leibeskräften, doch mit einem Mal verstummte auch sie. Ylena fühlte das Gewicht ihres zuckenden Körpers auf ihnen. Eine warme, klebrige Flüssigkeit rann ihren Nacken entlang.
    Sie hörte raues Gelächter das sich von allen Seiten näherte. Was sollten sie nur tun? Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Eine grobe, dreckige Hand zog sie an den Haaren unter Martha hervor. Die Amme lag nun genauso bewegungslos am Boden wie die zwei Soldaten.
    Warum stand sie nicht auf? Nackte Furcht schloss sich wie eine Eisenfaust um Ylenas Magen.
    Alexander sprang auf und rammte dem fast zwei Längen großen Mann ein silbernes Jausenmesser in den muskulösen Arm, dass direkt vor ihr gelegen hatte. Mehr aus Überraschung als aus Schmerz stieß er einen spitzen Schrei aus. Er fixierte Alexander mit seinem Blick und zog das Messer betont langsam aus seinem Fleisch. Er warf es in hohem Bogen hinter sich ins Dickicht. Seine zwei Kameraden hatten sich hinter den Zwillingen aufgebaut und lachten höhnisch. Alexander stellte sich beschützend vor seine Schwester. Der Hüne funkelte ihn wütend an, zog sein eisernes Langschwert aus der hölzernen Scheide und holte aus.

  • Îch werd nicht nach jeden einzelnen deiner Posts meine Kritik dahinter schreiben weil ich einfach auch nicht die Zeit dazu habe :P Aber interessante Informationen sollte man Immer aufstückeln und gezielt verteilen, um den Leser an der Leine zu halten^^ er wird neugierig will wissen wie sich dies und das auflöst und wer die Leute XY zum Beispiel sind^^


    Ich muss aber zugeben das mir die Art der Fantasy schreibst nicht besonders zusagt (bis jetzt) das ist mir persönlich zu klassische Fantasy-literatur, so magisch und (ich benutze es schon wieder^^) feminin, so weich, ich weiß auch nicht wie ich das genau beschreiben soll, wenn du meine Geschichte teilweise anschaust, wirst du zum Beispiel merken, das diese hingegen maskulin geschrieben ist.
    Beides sind aber keine Aussagen über Qualität es sind einfach persönliche Geschmäcker, was man gerne liest.


    Aber geschrieben ist es auf jeden Fall gut.

    Liebe ist so kompliziert, wie man sie macht.
    -Ich-

    '5 Centimeter per Second' - die Geschwindigkeit mit der Kirschblüten zu Boden fallen [und gleichzeitig die Geschwindigkeit in der sich Menschen voneinander entfernen].


  • 3. Kapitel
    Verrat


    Jahr 347 nach der Vertreibung
    Harian
    Aranod


    Alexia strich sich nervös den olivgrünen Bastrock glatt. Ihre schweißnasse Hand umklammerte den kühlen Griff eines Dolches, dessen Klinge sie in ihrem Seidenärmel versteckt hatte.
    Pünktlichkeit ist noch nie eine Tugend der Südländer gewesen, dachte sie verärgert.
    Ihr Herz setzte einen Schlag aus als eine pelzige Ratte zwischen ihren Füßen hindurch huschte.
    „Verdammtes Mistvieh“, schimpfte sie dem kleinen Tier hinterher, das längst in einer Nische der heruntergekommenen Steinmauer verschwunden war. Der Mond strahlte heute ungewöhnlich hell und beleuchtete die Mitte des kleinen Hinterhofes im äußersten Randbezirk von Aranod. Sie hielt sich bewusst im Schatten der Mauern und beobachtete aufmerksam den schmalen Zugang zum Hof.
    Deutlich vernahm sie das mahlende Geräusch von Kieselsteinen, die unter schweren Stiefel knirschten. Sie konnte die stampfenden Schritte von zwei Männern hören, die sich dem bogenförmigen Durchgang näherten.
    Aber sie hatte doch ausdrücklich befohlen nur einen der Söldner zu treffen! Man konnte nie wissen auf welche Ideen diese gewissenlosen Bastarde kamen.
    Sie zog sich die dunkle Kapuzen tiefer ins Gesicht und drückte sich noch weiter an die raue Wand.
    Die Schritte stoppten vor dem Eingang und ein grobschlächtiger, muskelbepackter Hüne trat ins helle Mondlicht. Bis auf einen langen, dunkelbraunen Zopf in seinem Nacken war sein Kopf kahlgeschoren. Ein beißender Gestank nach gebleichtem Leder und säuerlichem Schweiß breitete sich aus. Alexia unterdrückte ein Würgen und trat ebenfalls ins Licht, wo sie ihre Kapuze mit einer anmutigen Geste zurück warf.
    „Mylady“, grölte er und deutete belustigt eine Verbeugung an. Verärgert legte sie ihren Kopf in den Nacken und funkelte ihn an. Er war bestimmt eine halbe Länge größer als sie.
    „Was soll das? Ich sagte allein!“, fauchte sie ihn an und deutete auf den Durchgang.
    „Och, mein Freund hatte auch Lust auf 'nen Spaziergang“, antwortete er mit schleppenden Akzent. „Nun sei sie doch nicht so nervös, wir wollen nur unser Geld.“
    „Also ist der Auftrag erledigt? Das Mädchen ist tot?“, fragte Alexia gereizt.
    „Glaubt sie ich werd' mit so 'ner kleinen Göre nicht fertig?“, gab er zurück und lachte lautstark. Es klang als würden Felsen gegeneinander gerieben. Es hätte sie nicht verwundert, wenn die verbliebenen Mauern bei diesem Geräusch auch noch eingestürzt wären.
    „Gut.“, meinte Alexia und rieb sich demonstrativ die Ohren.
    Nach einigen Augenblicken holte sie einen schweren Lederbeutel aus ihrem Umhang. Der Riese griff gierig danach. Er öffnete die Schnur und holte ein Goldstück heraus, das er im Mondlicht gründlich untersuchte und dann einmal darauf biss um seine Echtheit zu überprüfen.
    „Fünfhundert Cronen. Wie vereinbart.“, bestätigte Alexia.
    Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem pockennarbigen Gesicht aus und entblößte eine Reihe spitz zugefeilter, gelber Zähne.
    Alexia schauderte.
    „Hyrmed, schau er sich das an!“, bellte er seinem hageren Freund zu, der sich watschelnden Schrittes zu ihnen gesellte. Hyrmed nahm den Sack mit seinen mageren Händchen an sich und rührte fast leidenschaftlich zwischen den Goldstücken herum.
    „So, ihr habt euer Gold. Und nun verschwindet.“, herrschte Alexia sie an. Die Gesellschaft dieser beiden Unholde wurde ihr immer unangenehmer.
    „Och, Mylady, das ist wirklich alles?“, fragte der Große und fuhr sich mit der Zunge über die spröden Lippen. Alexia wich einige Schritte zurück und ließ unauffällig den Dolch aus ihrem Ärmel gleiten.
    „Natürlich ist das alles! Zählt es doch nach!“, fuhr sie ihn an.
    „Och, das glaube ich aber nicht ... so eine Lady wie sie hat doch sicher mehr zu bieten ...“
    „Oslaf hat Recht ... aber wenn sie mit ihren Schätzen nicht freiweillig herausrücken will werden wir sie uns einfach nehmen“, höhnte Hyrmed und lachte gackernd.
    Langsam ging Oslaf auf sie zu und fasste sich dabei in den Schritt. Alexia wich immer weiter zurück und spürte bald die raue Steinwand, die sich in ihren Rücken bohrte. Ihre Angst schien in noch mehr zu erregen und er öffnete betont langsam die Messingschnalle seines Gürtels während er seinen lüsternen Blick über ihren Körper wandern lies. Sie blieb regungslos stehen als er seinen Leib gegen ihren presste. Er holte ein rostiges Messer aus einer der vielen Lederscheiden an seinem Gürtel und schlitzte ihr Kleid beim Kragen beginnend bis zu ihrem Bauchnabel auf.
    Obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug bewegte sie sich nicht, wartete auf den richtigen Augenblick. Sie durfte jetzt keinen Fehler machen, denn es würde ihr letzter sein.
    Hyrmed hatte sich in den Durchgang gestellt und hielt offenbar Wache. Sie hatten das also von Anfang an geplant.
    Oslaf steckte hastig das Messer weg und umfasst mit seinen dreckigen Pranken die kleinen Wölbungen ihrer Brüste. Mit heiserer Stimme flüsterte in ihr Ohr: „Ich wollte immer schon wissen wie 'ne Königin schmeckt ...“
    Er kniete sich vor sie hin und lies seine klebrige Zunge um ihre Brustwarzen kreisen, während er mit seinen riesigen Händen ihr Hinterteil fast schmerzhaft knetete. Dann biss er zu und stöhnte animalisch als sie einen spitzen Schmerzensschrei ausstieß.
    „Lass mir auch noch was übrig Oslaf und beeil dich!“, rief Hyrmed, dessen Stimme vor Erregung belegt klang.
    Als er mit seinen groben Händen unter ihren mehrlagigen Rock fasste, sah sie ihm hasserfüllt in die Augen und hauchte: „Das war ein großer Fehler.“
    Sie stieß ihm die Klinge seitlich in den Hals. Er röchelte und warme Bluttröpfchen spritzten aus seinem Mund. Als sie den blutverschmierte Dolch herauszog kippte er mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden, wo er Staubwolken aufwirbelte, die im Mondlicht wirbelnde Spiralen formten.
    Hyrmed starrte ungläubig zwischen seinem zuckenden Freund und Alexia hin und her.
    „Verschwinde“, würgte sie mit vor Hass triefender Stimme hervor.
    Er zögerte kurz und verschwand dann mit samt dem Gold in der Nacht.
    Alexia kniete sich neben Oslaf, der, von Krämpfen geschüttelt, gurgelnd nach Luft rang. Seine Augen waren verdreht, so dass nur noch das Weiße zu sehen war. Sie wischte den blutigen Dolch an seinem dunkelbraunen Baumwollhemd sauber, dass unter den vielen Lederriemen lag.
    Sie betrachtete eine Weile den Todeskampf des Mannes und erklärte dann beinahe liebevoll: „Weißt du, du solltest mir danken. Ein so gnädiges Schicksal wird deinen dreckigen Freunden nicht gewährt sein“.
    Als der Körper schließlich erstarrte machte sie sich auf den Rückweg zum Palast. Sie hatte keine Angst, dass Hyrmed ihr auflauern würde. Dieses ehrlose Söldnerpack kannte sie gut genug um zu wissen, dass er mit den Goldstücken längst auf dem Weg in ihr Lager war. Einer weniger mit dem die Belohnung geteilt werden musste kam ihnen bestimmt ganz gelegen.
    Alexia grinste als sie darüber nachdachte, dass sich die Söldner nicht sehr lange an ihrer Beute erfreuen würden.
    Die hochgiftigen Blätter der Lamoyarpflanze waren schon bei einer leichten Berührung tödlich und sehr subtil wenn sie getrocknet und zu einem feinen Pulver zerrieben wurden ...




    ***



    Langsam kam Ylena wieder zu sich. Das Knistern eines Feuers drang immer klarer in ihr Bewusstsein. Und da waren Stimmen. Männerstimmen, die sich unterhielten. Der Geruch von brennendem Holz stieg ihr in die Nase.
    Ihre bleischweren Lider schmerzten als sie sie langsam aufschlug. Der Schein eines Lagerfeuers blendete sie. Zwei Männer saßen davor. Dunkle Silhouetten, schwarz wie der Wald der sie umgab.
    Sie wollte sich die brennenden Augen reiben, doch konnte ihre Arme nicht bewegen. Ihr Hände waren mit einem dicken Seil hinter ihrem Rücken gefesselt und mit einem weiteren Strick an einen Baum gebunden. Die raue Rinde drückte schmerzhaft in ihre weiche Haut. Unzählige Fragen marterten ihren benebelten Verstand.
    Wo war sie? Wer waren diese Männer?
    Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf.
    Die Ponys ... das Picknick ... Martha ... Alexander ... Blut.
    Alexander! Wo war ihr Bruder?
    Wie immer wenn sie an ihren Bruder dachte, wollte sie instinktiv das Muttermal in Form eines Sichelmondes berühren, das beide an ihrem linken Handgelenk trugen. Doch die Fesseln hinderten sie daran.
    Panisch blickte sie sich auf der kleinen Lichtung um, konnte jedoch keine Spur von Alexander entdecken. Tränen stiegen ihr in die Augen und trübten ihre Sicht. Ein Schluchzen entrang sich ihrer ausgetrockneten Kehle. Die Männer drehten sich nach ihr um, einer der beiden sprach mit einem starken Akzent: „Is' sie also doch noch aufgewacht“
    Er stand auf und kniete sich vor Ylena hin.
    „Was für hübsche grüne Augen, die werd'n meiner Tochter gefallen“, meinte er nachdem er ihr angsterfülltes Gesicht eingehend betrachtet hatte. Er tätschelte ihre Wange mit seinen groben Händen und Ylena biss zu, so fest sie konnte.
    Erschrocken zog er den Arm zurück und beobachtete wie einige Tropfen Blut aus der halbmondförmigen Wunde an seinem Handrücken quollen. Er holte aus und schlug ihr mit dem Handrücken so hart ins Gesicht, dass ihr Kopf gegen den Baumstamm schlug.
    „Das macht sie nicht noch einmal!“, drohte er und packte sie an den Haaren. Er schob sein Gesicht dicht an ihres, von seinem säuerlichem Mundgeruch drehte sich ihr Magen um.
    „Sonst werde ich wohl keine Verwendung für sie haben ... und das will sie bestimmt nicht“
    Gerade als er den Mund öffnete um noch etwas zu sagen stolperte ein weiterer Mann keuchend auf die Lichtung. Er war magerer als die anderen beiden Hünen und hielt einen ausgebeulten Ledersack fest umklammert.
    Der Mann ließ von ihr ab und ging zurück zum Feuer.
    „Hyrmed ... hat er das Gold? Wo ist Oslaf?“, fragte er den Neuankömmling, der mit einem breiten Grinsen den Beutel in die Höhe hielt.
    „Dieses Miststück. Hat sie ihm einfach ein Messer in den Hals gerammt, dabei wollte Oslaf doch nur ein bisschen Spass machen“, antwortete Hyrmed offenbar nicht wirklich betroffen über den Tod seines Kameraden.
    „Hab dem Idioten immer gesagt er soll sich vor den Weibern in Acht nehmen“, antwortete der dritte Mann trocken.
    „Hätt' besser auf dich hören sollen, Lev“, bemerkte Hyrmed und fragte nach einem kurzen Blick in Ylenas Richtung: „Bogruk, was macht die Kleine da?“
    „'n Geschenk für meine Tochter!“, erklärte Bogruk und warf sich in die Brust.
    „Also teilen wir nur noch durch drei“, unterbrach Lev mit einem breiten Grinsen, das die anderen beiden erwiderten.


    Wie durch einen dichten Nebel drang das Gespräch in Ylenas Bewusstsein. Sie versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, doch war noch zu benommen von dem Schlag.
    Die Männer hatten sich wieder ans Feuer gesetzt und teilten eifrig die Goldstücke unter sich auf.
    Plötzlich kippte Hyrmed rückwärts von dem umgefallenen Baumstamm auf dem sie saßen. Schwerfällig richtete er sich wieder auf und rieb sich die Schläfen.
    „Schon okay ... mir war nur ein bisschen schwindlig, ich ...“, erklärte er mit brüchiger Stimme. Doch im nächsten Augenblick wurde er von heftigen Krämpfen geschüttelt und fiel zurück auf den Waldboden.
    „Hyrmed, was ist mit ihm?“, fragte Bogruk und kniete sich neben ihn. Hyrmeds gesamter Körper zuckte krampfartig, seine Zähne schlugen aufeinander und er biss sich die Spitze seiner Zunge ab. Weißer Schaum bildete sich vor seinem Mund und vermischte sich mit dem Blut. Das Weiße in seinen Augen verfärbte sich rot und Blut rann aus seinen Augenwinkeln und der Nase. Vor Krämpfen schlug er sich die spitz zugefeilten Fingernägel ins Gesicht, wo er blutige Striemen ins Fleisch grub.
    Bogruk sprang auf und wich einige Schritte zurück.
    „Was zum ...“, fluchte er. Lev hatte ebenfalls panisch einige Längen Entfernung zwischen sich und den sterbenden Mann gebracht und platzte heraus: „Er is' von einem Dämon besessen! Wir müssen ihn verbrennen! Das ist die einzige Möglichkeit!“
    „Nein Lev ... das ist kein Dämon ... das ist Gift!“, erwiderte Bogruk.
    Die Krämpfe, die durch Hyrmeds Körper bebten wurden immer heftiger, seine Haut hatte sich grau verfärbt.
    „Dann sollten wir ihn erst recht verbrennen! Oder?“, protestierte Lev.
    Ein letztes Mal verkrampfte sich der geschundene Körper und bog den Rücken in einem unnatürlichem Winkel durch. Dann blieb er regungslos liegen.
    Die beiden warteten einige Momente bevor sie sich behutsam dem toten Kameraden näherten. Lev eilte zum Rand der Lichtung und übergab sich geräuschvoll in die Büsche.
    Ein grauenvoller Gestank nach verwesendem Fleisch breitete sich auf der Lichtung aus, der auch Ylena wieder zu vollem Bewusstsein kommen lies.
    „Lev! Reiß er sich zusammen und hilf mir verdammt!“, brüllte Bogruk, der zwei Decken aus ihren Rucksäcken geholt hatte.
    „Wir schaffen ihn hier weg! Wickel die Decke um seine Füße“, wies er Lev an und legte selbst eine Decke um Hyrmeds Oberkörper.
    Völlig abwesend beobachtete Ylena wie die beiden Männer den Leichnam davontrugen. Sie begann ihren Oberkörper nach vor und zurück zu wiegen und leise die Melodie eines Kinderliedes zu summen. Soviel Grauen war zu viel für ihren jungen Geist. Sie starrte in die hypnotisierenden Flammen, die kleiner und kleiner wurden, ohne dass jemand auf die Lichtung zurückkehrte.
    Ein knackendes Geräusch in den Büschen riss sie schließlich aus ihrer Trance und die eisigen Klauen der Angst bohrten sich in ihre Eingeweide.
    Ein weiteres Knacken und Lev stolperte auf die Lichtung. Er kam jedoch nicht weit sondern fiel nach einigen wackligen Schritten zu Boden, wo er von den gleichen Krämpfen geschüttelt wurde, die Hyrmed niedergestreckt hatten.
    Ylena vergrub das Gesicht zwischen ihren Oberschenkeln und summte das Lied so laut sie konnte um die Todesqualen des Mannes nicht mitanhören zu müssen.
    Kurze Zeit später wurde es still. Zu still, als wäre der Wald selbst verstummt.
    Lange verharrte sie in dieser Position und wagte es nicht sich zu bewegen. Die Sorge um ihren verschwunden Bruder brachte sie fast um den Verstand. Auch ihr Durst wurde immer unerträglicher. Sie beschäftigte sich damit, Speichel in ihrem Mund zu sammeln und dann zu schlucken, während sie unaufhörlich dieses Lied summte, als wäre es ihr einziger Rettungsanker in dieser Welt.
    Jeden Augenblick wartete sie darauf von Martha geweckt zu werden, die sie dann baden und anziehen würde. Sie wollte das neue hellblaue Kleid tragen, mit den hübschen Rüschen, beschloss sie und malte sich aus wie schön sie damit aussehen würde. Und sie würde ihre Amme bitten ihr die Haare hochzustecken, damit sie noch hübscher aussah.
    Als sich die Baumwipfel im frühen Sonnenlicht bereits orange färbten überkam sie schließlich ein erlösender, traumloser Schlaf.

  • ***



    Der durchdringende Schrei einer Eule riss Ylena aus dem Schlaf. Erschrocken öffnete sie die schmerzenden Augen und konnte gerade noch beobachten wie der rotbraune Vogel von einem Ast über ihr in die anbrechende Nacht davonflatterte. Ylenas Zähne klapperten vor Kälte aufeinander und ihr ganzer Körper zitterte. Das dünne Seidenkleidchen bot nicht viel Schutz gegen die spätsommerliche Kälte die sich mit der Dämmerung über den Wald gelegt hatte. Das Lagerfeuer war nur noch ein Haufen schwarzer Asche in der Mitte der kleinen Lichtung. Ein elender Gestank nach verwesendem Fleisch lies sie würgen und erinnerte sie an Hyrmeds toten Körper, der starr auf der anderen Seite der Feuerstelle lag.
    Ihre ausgetrocknete Kehle brannte vor Durst ... sie brauchte etwas zu trinken ... irgendwas.
    Zwischen den Rucksäcken der Söldner erspähte sie eine metallene Feldflasche. Sie zerrte heftig an ihren Fesseln, mit dem einzigen Ergebnis, dass das raue Seil noch tiefer in ihre Handgelenke schnitt.
    „Hilfe ... bitte“, flüsterte sie während heiße Tränen über ihre Wangen liefen. Sie versuchte die wertvolle Flüssigkeit mit der Zunge aufzufangen, doch sie schmeckte salzig und machten sie noch durstiger. Panik breitete sich wie eine Schlingpflanze in ihren Eingeweiden aus. Sie war hier allein ...
    „Hiiiilfe“, schrie sie aus Leibeskräften, immer und immer wieder, so laut sie konnte. Doch bis auf das verzerrte Echo ihrer Schreie, das sie auszulachen schien, blieb der Wald stumm. Bald brannten ihre Stimmbändern und sie konnte nun nicht mehr als ein verzweifeltes Krächzen hervorwürgen. In diesem bitteren Moment wurde ihr bewusst, dass niemand kommen würde, dass niemand sie retten würde. Diese Männer waren tot und bestimmt wusste niemand wo sie war. Sie wusste es ja selbst nicht, nur dass sie sich eindeutig nicht mehr im Faunwald befand, denn hier standen lauter Nadelbäume.
    Und wo war Alexander? Ihre Augen brannten, doch die Tränen waren längst versiegt. Bei dem Gedanken an ihren Bruder zog sich ihr Magen schmerzvoll zusammen und sie musste erneut würgen. Gelber Gallensaft tropfte auf den Boden und schmeckte bitter auf ihrer Zunge.
    Wieder starrte Ylena sehnsüchtig auf die Feldflasche. Sie sah sich hastig nach irgendeinem Gegenstand um mit dem sie die Fesseln durchtrennen konnte. Ein scharfkantiger Stein lag direkt vor ihr. Sie versuchte ihn mit den Füßen zu erreichen, doch er war zu weit entfernt. Mutlos und verzweifelt sank sie gegen den Baumstamm und schloss die Augen. Ein Rascheln in den Büschen lies sie aufhorchen. Eine Welle der Panik durchfuhr ihren Körper bis zu den Zehenspitzen.
    Ylena tastete nach den Fesseln. Ihre Handgelenke waren aneinander gebunden. Ein weiteres Seil spannte sich zwischen ihren Armen hindurch um den Baum. Sie schaute links und rechts dem Strick entlang, konnte jedoch keinen Knoten entdecken. Also robbte sie nach links dem Seil entlang auf die andere Seite des Baumstammes.
    Wenn sie nur diesen Knoten erreichen könnte ...
    Ein tiefes Brummen riss sie aus ihren Gedanken und lies sie erstarren. Sie hatte oft die Bediensteten belauscht wenn sie sich Geschichten erzählt hatten. Manchmal, so sagten sie, flüchteten Grauwölfe und Bergpumas vom Königsgebirge herab, wenn die Männer in den Bergen auf die Jagd gingen. Alle monströsen Horrorgeschichten die sie je gehört hatte spielten sich vor ihrem inneren Auge ab, und sie hatten alle blutig geendet.
    Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in das dichte Gebüsch auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung. Es war still, als hätte der Wald selbst den Atem angehalten. Ein weiteres, tiefes Grollen drang sie zur Eile. Sie robbte weiter dem Seil entlang und erreichte auf der anderen Seite des Baumstammes den Knoten. Mit schweißnassen Händen begann sie daran herumzuzerren.
    Das näherkommende Knacken von brechenden Ästen lies ihr Herz immer schneller rasen und ihre Finger zittern. Sie atmete tief durch und tastete den Knoten von allen Seiten ab – ein Jägerknoten – ihr Vater hatte ihr gezeigt wie er gebunden wurde. Ylena konnte ihre Gedanken nur schwer ordnen, doch erinnerte sich schließlich.
    Erneut begann sie, diesmal konzentrierter, den Knoten zu lösen. Hier ziehen, durch diese Schlaufe ... geschafft! Und jetzt das andere Ende durch ...
    Etwas brach mit einem lauten Krachen durch das Gebüsch und trat auf die Lichtung. Ylena hielt den Atem an und presste sich gegen den Baumstamm. Sie hatte das Gefühl, dass ihr rasendes Herz im ganzen Wald zu hören sein musste. Vorsichtig schob sie ihren Oberkörper nach rechts und schielte an dem Stamm vorbei nach hinten auf die Lichtung.
    Die Dämmerung hatte dem Wald jegliche Farbe geraubt, so dass Ylena im ersten Moment nur graue Schemen erkennen konnte. Doch da bewegte sich etwas ... Eine gut drei Längen lange Bestie schnüffelte laut hörbar an Hyrmeds totem Körper. Zotteliges Fell überzog eine gewaltige Pranke mit spitz zulaufenden Krallen, die das Untier auf Hyrmeds Brust setzte. Ylena schnellte zurück. In ihren Gedanken formte sich ein einzelnes, haarsträubendes Wort ... Bär. Ein knackendes Geräusch, gefolgt von einem Schmatzen lies sie zusammenzucken.
    Nein. Das kann nicht wirklich passieren. Sie träumt, sie musste träumen. Nocheinmal sah sie am Baumstamm vorbei auf die Lichtung. Das Tier hatte seine Schnauze im Rumpf von Hyrmed vergraben und zerrte einen langen Fetzen Fleisch aus seinem Bauch.
    Von Grauen gepackt löste sie hastig den Knoten. Aber Professor Siegmund hatte erzählt, dass Bären keine Menschen angreifen ... aber dieser Mann war tot ... vielleicht konnte sie entkommen. Das Seil entspannte sich und fiel mit einem viel zu lauten Schaben zu Boden. Das Schmatzen hörte aprubt auf. Ylena wagte nicht sich zu bewegen und hielt den Atem an. Ihr Sinne waren bis zum Zerreißen gespannt. Nur mühsam konnte sie den Drang unterdrücken einfach wegzurennen. Nach einigen Augenblicken, die ihr wie Stunden vorkamen, setzte der Bär sein grausiges Mahl geräuschvoll fort.
    So leise wie möglich richtete sie sich auf, die Hände immer noch am Rücken zusammengebunden.
    Vorsichtig setzte sie einen Fuß in das Gebüsch direkt vor ihr. Ein kleiner Ast brach mit einem verräterischen Knacken als sie ihr Gewicht nach vorne verlagerte. Panik erfasste jede Faser ihres Körpers und sie preschte los. So schnell sie konnte rannte sie durch das dichte Unterholz. Ein Schauer lief über ihren Rücken wenn sie daran dachte was sie möglicherweise verfolgte und sie lief noch schneller. Äste peitschten ihr ins Gesicht und zerrten an ihrem Kleid. Kleine Steine bohrten sich in ihre aufgeschürften Füße.
    Die Dunkelheit wurde immer undurchdringbarer und bald konnte sie keine zwei Längen weit mehr sehen. Mit voller Wucht knallte sie gegen einen Baum. Die Spitze eines abgebrochenen Astes bohrte sich tief in ihre linke Schulter und sie fiel zu Boden. Benommen blieb sie einige Augenblicke liegen. Sie ächzte und versuchte sich aufzurichten, doch ihre Glieder waren bleischwer und wollten ihr nicht mehr gehorchen. Ein stechender Schmerz pulsierte in ihrer Schulter und breitete sich wellenförmig in ihrem Körper aus. Angestrengt lauschte sie in die Nacht und war erleichtert, als sie nichts anderes als ihren eigenen keuchenden Atem hörte.
    Ylena suchte nach der Ursache des Schmerzes und sah einen daumendicken Ast aus ihrer linken Schulter ragen. Sie schob den Kopf zur Seite und nahm ihn zwischen die Zähne. Mit zusammengepressten Augen riss sie den Kopf nach oben, doch der Ast bewegte sich nur wenige Zentimeter und der Schmerz raubte ihr fast wieder das Bewusstsein.
    Erschöpft lies sie ihren Kopf nach hinten fallen und schloss die Augen. Nun, da sie sich nicht mehr bewegte kroch ihr die Kälte in Mark und Bein. Fast wünschte sie sich, dass der Bär kommen und sie einfach töten würde, sie von dem brennenden Durst und den Schmerzen befreien. Doch im nächsten Moment sah sie Alexander vor sich, ihre Mutter, ihren Vater und Chevalle, der goldene Palominohengst, der einmal ihr gehören würde ... Und ihr weiches Bett, das zuhause auf sie wartete, sowie Alexander. Ja, er war zuhause und es ging ihm gut. Ganz bestimmt. Es musste einfach so sein. Und sie machten sich sicher alle große Sorgen.
    Sie würde sich nur ganz kurz ausruhen und dann nach Hause gehen ... nur ein klein wenig ausruhen ...



    ***



    Ein heller Schein fiel auf Ylenas geschlossene Lider und weckte sie. Langsam öffnete sie die Augen und starrte in eine große, leuchtende Fratze. Der volle Mond war über die buschigen Wipfel gekrochen und strahlte in einem ungewöhnlichen gold-orange auf sie herab.
    Das Erste was sie fühlte war Schmerz. Ihre Schulter war angeschwollen und pulsierte bei jedem Herzschlag. Die Stelle fühlte sich brennend heiß an, während ihr restlicher Körper eiskalt war. Sie zitterte nichteinmal mehr. Jeder Muskel in ihrem Leib protestierte als sie sich zur Seite rollte und mühsam aufsetzte. Ihren linken Arm fühlte sie nicht mehr, wie ein lästiges Gewicht hing er an ihrer Schulter. Alle anderen Glieder gehorchten ihr nur sehr langsam, als wäre sie in Gelee gefangen.. Als sie endlich kniete wurde sie von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt und würgte gelben Schleim hervor. Ihre Lungen schmerzten bei jedem Atemzug. Die Lippen waren spröde und aufgesprungen und sie schmeckte ihr eigenes Blut auf der Zunge.
    So musste es sein zu sterben, dachte sie. Oder war sie schon tot?
    Auch ihre Gedanken flossen nur träge dahin, wie ein Lavafluss, der langsam erstarrt.
    Jeder einzelne Baum der sie umgab kam ihr bedrohlich vor, schien sie zu beobachten, sie zu verhöhnen. Goldene Lichtstrahlen fielen wie Speere durch die Baumkronen.
    Der Überlebensinstinkt zwang sie schließlich aufzustehen. Auf zitternden Knien, die ihr Gewicht nur mehr mühsam trugen wackelte sie vorwärts. Einen Schritt nach dem anderen.
    Sie verschwendete keinen Gedanken mehr an das Wohin. Vorwärts, einfach nur vorwärts.
    Ein schwarzer Schatten baute sich vor ihr auf. Wurde größer, immer größer und streckte neblige Klauen nach ihr aus. Sie stolperte einige Schritte zurück und dann war er verschwunden.
    Sie sah im Augenwinkel glühend rote Augen, die sie zwischen den Stämmen heraus anstarrten. Gelbe Zähne die im Mondlicht aufblitzten. Sie drehte sich um, doch da waren nur Bäume. Ein endloses Meer aus knorrigen Stämmen, wohin sie auch sah. Bäume, die sie gefangen hielten, ihr zuriefen, dass sie niemals lebend diesen Wald verlassen würde. Sie hielt ihren Blick auf den Boden gerichtet und mühte sich weiter.
    Ein klaffendes, pechschwarzes Loch tat sich vor ihr auf. Oder war es eine Höhle? Sie kniff die Augen zusammen, doch das Loch war noch da als sie sie wieder öffnete. Abgestorbene Wurzeln hingen von den Rändern herab. Ein umgestürzter Baum hatte eine gewaltige Kluft in die Erde gerissen, die mehr als doppelt so hoch war als sie selbst und noch viel breiter. In diesem Moment begann sich der Himmel zu verdunkeln. Ylena legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Eine schwarze Scheibe schob sich vor den Mond, erstickte sein Licht mit Dunkelheit. Ihr war schwindlig. Der Wald schien sich um sie herum zu drehen und sie fiel auf die Knie, am Ende ihrer Kräfte. Langsam verblasste das Mondlicht. Sie nahm ihre Umgebung nur noch verschwommen wahr. Wahnvorstellungen marterten ihren umnebelten Geist. Die Bäume wurden zu Dämonen, die ihre verdrehten Krallen nach ihr ausstrecken. Die Sterne wurden zu bösartigen Augen, die sie anstarrten. Der Waldboden war auf einmal übersät von bleichen Würmern und langbeinigen Getier, die an ihren Beinen hochkriechen wollten.
    Ein letztes Mal nahm sie all ihre Kraft zusammen und robbte in die Kluft vor ihr. In diesem Moment wurde die verbliebene Mondsichel endgültig von der Finsternis verschlungen.
    Der feuchte Boden unter ihr fühlte sich weich an und sie robbte noch weiter in die kleine Höhle.
    Verstecken, sie musste sich verstecken.
    Immer weiter kroch sie vorwärts. Die fruchtbare Erde roch nach Moschus.
    Genug. Weit genug, sie musste sich ausruhen ...
    Eisige Klauen schlossen sich um ihre Füße und plötzlich wurde der Boden unter ihr fortgezogen. Sie wollte schreien, doch nur ein jämmerliches Krächzen kam über ihre aufgesprungenen Lippen. Ylena öffnete die Augen und starrte in einen Feuerball, der ihre Augen zu verbrennen drohte.
    „Da is' sie ja endlich …“, erklang eine Stimme hinter dem Feuerball, der sich als Fackel entpuppte. Akzent und Geruch verrieten ihn als einen der Söldner.
    „Tot, sie sind alle tot … das Gold … Gift … und dann … eine Bestie … die Leichen ...“, stammelte der Mann verstört.
    „Kommt sie, wir verschwinden aus diesem verfluchten Wald. Wenigstens für sie will ich ein paar Goldstücke ...“, erklärte er und nahm Ylena auf den Arm.
    Kraftlos sackte sie an seine Schulter und konnte sich der Dunkelheit nicht mehr erwehren, die ihren Verstand mit gütigem Vergessen umhüllte …

  • Hey LastSword!


    Hm ich weiß was du meinst!
    Ich denke ich werd den Prolog streichen und wie du gesagt hast stückchenweise einfließen lassen :)


    Und wenns bisher zu "weich" war sind die näxten Kapitel a bisl weniger für schwache Nerven - viell gefällt dir das besser :)


    Aber ich weiß schon was du meinst ... "Kitsch"/Klischee will ich auf jeden Fall rausbringen also wenn dir da was ins Auge sticht bitte nicht mit Kritik zurückhalten ;)


    DANKE :)

  • Mit männlich mein ich nicht unbedingt Brutalität, ist halt schwer zu beschreiben was ich mein :P Auch in meiner Geschichte werden sich bestimmt die ein oder andere "Kitschige" Situation finden aber das solltest du nicht zum Ausschlag nehmen deinen Schreibstil zu ändern.
    2/3 der Fantasyleser sind nach letztjähriger Studie ohnehin weiblich :P Da hab ich also eh wenig zu melden^^


    Schreib einfach wie du meinst, die Meinung der Masse ist letzlich entscheidend, nicht eines einzelnen (Mannes :P)


    Aber ich warte mal ab wie es weitergeht^^

    Liebe ist so kompliziert, wie man sie macht.
    -Ich-

    '5 Centimeter per Second' - die Geschwindigkeit mit der Kirschblüten zu Boden fallen [und gleichzeitig die Geschwindigkeit in der sich Menschen voneinander entfernen].

  • Das kleine Mädel gefällt mir^^ Bin gespannt wies weitergeht. Wie viel hast du eigentlich schon geschrieben?

    Liebe ist so kompliziert, wie man sie macht.
    -Ich-

    '5 Centimeter per Second' - die Geschwindigkeit mit der Kirschblüten zu Boden fallen [und gleichzeitig die Geschwindigkeit in der sich Menschen voneinander entfernen].

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